EESTI VABARIIGI TARTU ÜLIKOOLI ACTA ET COMMEJVTATIONES UNIVERSITATIS TARTUENSIS (DORPATENSIS) A MATHEMATICA, PHYSICA, MBDICA XIX TAftTU 1931 EESTI VABARIIGI TARTU ÜLIKOOLI U N I V E R S I T A T i S T A R T U E N S I S (DORPATENSIS) A MATHEMATICA, PHYSICA. MBDICA XIX TARTU 1931 K. Mattieseni trükikoda o/ü., Tartus, 1931. Sisukord. — Contenta. 1. J a a n U u d e l t . Über das Blutbild Trachomkranker. 2. A . Opik. Beiträge zur Kenntnis der Kukruse-(C2-Cjr)Stufe i n s Eesti. IV. 3. H e l e n e L i e d e m a n n . Über die Sonnenscheindauer und. Bewölkung: in Eesti. 4. J . Sarw. Geomeetria alused. R e f e r a t : Die Grundlagen der Geometrie. AUS DER UNIVERSITÄTS-AUGENKLINIK IN TARTU-DORPAT (ESTLAND) DIREKTOR: PROF.„DR. E. BLESS1G ÜBER DAS BLUTBILD TRACHOM- KRANKER EIN BEITRAG ZUR KONSTITUTIONSFRAGE BEI TRACHOM, UNTER BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG DES TRACHOMS IN EESTI (ESTLAND) VON DR. JAAN UUDELT ÄLTEREM ASSISTENTEN AN DER UNIVERSITÄTS-AUGENKLINIK (MIT 5 TABELLEN, 12 DIAGRAMMEN UND 3 TAFELN) T A R T U 1930 K. Mattiesens Buchdruckerei Ant.-Ges., Tartu. „Es dürfte kein Kapitel der Ophthalmologie ge ben, wo die Zahl der persönlichen Meinungen so gross ist, wie das des Trachoms. In Ermangelung des letzten Beweises der mikroparasitären Ursache der Krankheit, sucht jeder aus seiner klinischen Er- fahrung sich ein ätiologisches Urteil zu bilden, das aber für niemand sonst beweisend zu sein braucht.'* Th . A x e n f e l d. (Ergebn. d. allg. Pathol. u. pathol. Anat. v. L u - b a r s c h u. O s t e r t a g, III. Jahrg., 2. Hälfte, p. 576.) Vorwort . Vorliegende Schrift ist verfasst als Doktordissertation. In Kapitel V wurden zwecks Verkürzung der Schrift die Protokolle über die von mir persönlich beobachteten 100 Trachomkranken beim Druck weggelassen. Die Überschrift — „Über das Blutbild Trachomkranker" — umfasst nicht den ganzen Inhalt der Abhand- lung, entspricht vielmehr nur dem engeren Thema, welches ich mir f ü r meine eigenen Untersuchungen gestellt hatte. Während der Ar- beit aber erweiterte sich das Thema insofern, als mir daran ge- legen war, eine Übersicht über den gegenwärtigen Stand der Tra- chomforschung zu gewinnen. Meinen Beobachtungen lag das reiche Trachommaterial der Universitäts-Augenklinik von Tartu (Dorpat) zu Grunde. Daher habe ich die Trachomfrage auch in besonderer Beziehung zu Estland behandelt und meiner Arbeit eine geschichtliche Einleitung vorausgeschickt. Die gegenwärtig offenbar nicht hochgradige Infektiosität unseres einheimischen Trachoms ergibt sich aus vielfachen Beobachtungen in Familien, Schulen, Kasernen u. s. w., wo von allen der Infektion ausge- setzten Personen doch immer nur einzelne tatsächlich an Trachom erkranken. Dieses veranlasste mich auch den Fragen der In- fektion und Disposition beim Trachom näher zu treten, wobei ich sowohl anamnestische Angaben als auch die Ergebnisse persön- licher Kontrolluntersuchungen in den Häusern Trachomkranker oder in der Klinik verwerten konnte. Die in der Literatur ver- tretenen wie auch die von mir aus eigenen Beobachtungen ge- wonnenen Gesichtspunkte in Bezug auf Infektiosität des Tra- IV JAAN UUDELT A XIX. i choms und Disposition dazu sind in den Kapiteln II und III dargelegt. Meine persönliche Anschauung geht dahin, dass so- wohl fü r die Infektion mit'Trachom, als auch fü r seinen Verlauf resp. Ausheilung in der Konstitution des Trachomkranken be- gründete individuelle Momente mit in Betracht kommen; doch möchte ich hierbei auf das oben abgedruckte Motto zu meiner Ar- beit hinweisen. Zum Schluss ist es mir eine angenehme Pflicht, meinem ver- ehrten Chef und Lehrer Herrn Professor E. B l e s s i g fü r das meiner Arbeit stets erwiesene warme Interesse und seine viel- fachen wertvollen Ratschläge und Hinweise meinen verbindlichen Dank auszusprechen. Ferner bin ich zu Dank verpflichtet der medizinischen Fakultät, mit ihrem Dekan Herrn Professor K. K o n i k an der Spitze, fü r Empfehlung meiner Arbeit zum Druck in den „Acta et Commentationes Universitatis Tartuensis (Dorpatensis)". Mein besonderer Dank gebührt dem Redakteur der letzteren, Herrn Professor W. A n d e r s o n , fü r die überaus grosse Sorgfalt und Mühe, die er der sprachlichen und stilistischen Korrektur meiner Arbeit gewidmet hat. Tartu-Dorpat, im April 1930. Priv.-Doz. Dr. med. J. U u d e 11. I n h a l t s v e r z e i c h n i s . I. E i n f ü h r u n g - 1 Zur Geschichte und Verbreitung des Trachoms in Estland 1 Trachom im Anfang des XIX. Jahrhunderts in Estland 1 Archäologische Zilienpinzetten 5 „Marjad" 7 „Korda põdema" 8 „Sinine silmakivi" 8 Diagramm I 9 Tabelle I 10 Trachom als Erblindungsursache in Estland 11 Trachom in Estland in der Gegenwart 11 Diagramm II 12 Diagramm III 13 Tabelle Ia 14 Tabelle II 14 Tabelle III 15 Follikularkatarrh 15 II. Z u r P a t h o g e n e s e d e s T r a c h o m s 17 Gegenwärtige Anschauungen über Entstehung und Wesen des Trachoms und verwandter follikulärer Erkrankungen der Bindehaut 17 Übertragungsversuche: an Tieren 17 an Affen 20 an Menschen 22 Trachombild durch unspezifisches Virus hervorgerufen 29 „Einschlussblennorrhöe" 31 „Schwimmbadkonjunktivitis" 33 Follikularkatarrh 34 Trachomerreger 37 Serologische Forschungen 39 Infektiosität des Trachoms 44 Epidemisches Trachom 46 Das epidemische Trachom und die Konjunktivitiserreger 49 VI , JAAN UUDELT A XIX. i Diagramm IV 51 Diagramm V 53 Ist das Impftrachom ein echtes? 54 III. D i s p o s i t i o n s f r a g e b e i T r a c h o m • . • • o? a) Geographische und Rassen-Immunität resp. -Dis- position 57 Trachom und Höhenlage 58 Trachom und Rasse 60 b) Zur Frage der individuellen Disposition . . . . 66 Trachombild bei Allgemeinleiden 66 „Conjunctivitis granularis lateralis" und Status thymo- lymphaticus 69 Diagramm VI 70 Diagramm VII 71 Diagramm VIII 73 Tabelle IV 74 Tabelle V 75 Diagramm IX 76 Lebensalter und Erkrankung an Trachom 77 Diagramm X 78 Diagramm XI 80 Allgemeinzustand und Trachom 81 Trachom und Tuberkulose 88 Diagramm XII 91 Tuberkulinprobe bei Trachomkranken 92 Nasen- und Rachenbefunde bei Trachomkranken . . . 93 Lymphatismus und Trachom 98 IV. Z y t o l o g i s c h e u n d h ä m a t o l o g i s c h e B e - f u n d e b e i A u g e n k r a n k h e i t e n - • • • • • 104 Augenkrankheiten und allgemeiner Körperzustand . . 104 Zellbestand des Sekretes bei Bindehautkrankheiten . . 106 Augenkrankheiten und Blutbild 111 V. B l u t u n t e r s u c h u n g e n b e i « T r a c h o m - • • • 120 VI. Ü b e r s i c h t ü b e r d a s u n t e r s u c h t e M a t e - r i a l 126 Das Blutbild . 127 Der Färbeindex 127 Der Hämoglobingehalt 127 Die Gesamtzahl der Leukozyten 128 Das weisse Blutbild 128 A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker VII Die Beziehung des weissen Blutbildes zu dem Entwick- lungsstadium und der Schwere des Trachoms . . . 131 Vergleich meiner Befunde mit denjenigen anderer Autoren 133 Die Lymphozytose Trachomkranker ist chronisch und konstitutionell 135 Bewertung der chronischen Lymphozytose 137 Z u s a m m e n f a s s u n g 145 Tafeln mit Erklärungen 149 Thesen 153 Literatur 155 1. E i n f ü h r u n g . „Weit verbreitet sind die Leiden der Augen, weit verbreitet muss auch die Kenntniss zu helfen seyn." J o h a n n N e p o m u k F i s c h e r , 1832. (Klin. Unterricht in d. Augenheilkunde.) Zur Geschichte und Verbreitung des Trachoms in Estland. Wenn das Trachom auch noch heutzutage in Estland ende- Trachom Anfang d. XIX. misch herrscht und die Bedeutung einer richtigen Volksplage f ü r Jahrh. in Esi- die sozial ungünstiger gestellten Volksschichten nicht verloren land- hat, so muss es doch in früheren Zeiten wohl viel mehr verbreitet gewesen sein, besonders unter der Landbevölkerung. Da fü r finden wir Beweise in alten Schriften von K. E. v. B a e r, C. J. v. S e i d- I i t z , G. A d e l m a n n und mehreren anderen Autoren aus dem Anfange des XIX. Jahrhunderts. A d e 1 m a n n f ü h r t die Sta- tistik der Kranken der chirurgischen Universitätsklinik in Dor- pat (wo auch die Augenkranken Aufnahme fanden, weil die Au- genklinik damals noch fehlte und erst 1868 gegründet wurde) vom Jahre 1806 bis 1866 an. Daraus ersehen wir, dass die Augen- kranken mehr als die Hälfte (im Jahre 1806 sogar fas t zwei Drit- tel) von allen Kranken der chirurgischen Klinik ausmachten. Die äusseren Krankheiten des Sehorgans verhielten sich zu den inne- ren Augenkrankheiten wie ca. 9 : 1 ( = 8001 äussere auf 896 innere Augenerkrankungen). Diese grosse Zahl der Augener- krankungen, besonders der äusseren, in der damaligen Zeit, wo das Landvolk in höchster Armut lebte und f ü r den Arzt und seine Behandlung kein Verständnis hatte, auch das Vertrauen fehlte, wo eigene volksmedizinische Mittel gegen jede Krankheit in Gebrauch waren und deswegen nur wenige Menschen die Klinik aufsuch- ten, beweist, dass die Augenkrankheiten damals weit und breit ge- herrscht haben und lässt sich wohl aufs Konto des Trachoms setzen. A d e 1 m a n n sagt in seiner Arbei t : „ D i e s e i t J a h r h u n - l 2 A XIX. i d e r t e n a n d a u e r n d e K r a n k h e i t hat unter dem Land- volk eine Reihe von Gebräuchen aufkommen lassen". Als Helfe- rinnen gegen die „Haarkrankheit" wirkten alte Frauen, welche mittels langer Nägel die den Bulbus reibenden, nach innen gekehr- ten Wimpern ausrupften. Die Körner der Bindehaut wurden mit einem Zuckerstück gerieben, wie schon die alten Griechen es taten und wie es bis zu Anfang des XX. Jahrhunderts in manchen Orten auf dem Lande noch geübt wurde. Ein besonders beliebtes Mittel gegen Augenkrankheiten war in der Volksmedizin das Cup- rum sulfuricum als Stift, mit welchem die Trachomkörner gerieben wurden, oder als Pulver, das in die kranken Augen eingeblasen wurde. C. J. v. S e i d l i t z schreibt in seiner Dissertation („De praecipuis oculorum morbis inter Esthonos obvi is . . . " , Dorpat 1821) ausführlich über die Behandlung der Augenkrankheiten bei den Esten: „Ebenso blasen sie das Pulver von blauem Vitriol in die Augen oder tuschieren mit einem Stückchen desselben das Auge oder wenden die Lösung an . Sogar einen Lapis f ü r das Auge be- reiten sie sich selbst aus Alaun, weissem Vitriol, Galmei, Blei- we iss . . . Mit einem Rasiermesser schaben sie die Lidinnenfläche, wenn die Meibomschen Drüsen angeschwollen sind und zum Vor- schein kommen. Sie halten dieselben fü r Schlacke und Schmutz, die zu entfernen se ien . . . Aber ihre Hauptoperation ist das Aus- rupfen der Wimpern. Diese verrichten sie nicht bloss bei Haar- krankheit und Einstülpung, sondern auch bei ganz anderen Ent- zündungen und Leiden der Augen. Ausgeführt wird diese Ope- ration hauptsächlich von alten Weibern und von Schmieden mit Pinzetten, die sie selbst machen, oder mit Hilfe eines Messers oder des Zeigefingernagels, den man zu diesem Zweck lang wach- sen l ä s s t . . . " „Ich habe diese Angaben aus dem Jahre 1821 als sicheres Zeugnis fü r die Tatsache angesehen, dass bei den Esten in den russischen Ostseeprovinzen schon s e i t M e n s c h e n g e - d e n k e n , d. h. lange vor Napoleons Auftreten, das Trachom in e n d e m i s c h e r V e r b r e i t u n g g e h e r r s c h t h a t " ; — „also hier haben wir einen europäischen Landstrich, wo Trachom lange vor Napoleons Kriegszügen verbreitet gewesen", sagt J. H i r s c h b e r g in seiner „Geschichte der Ophthalmologie", von wo ich die Beschreibung von S e i d l i t z übernommen habe. Wenn H i r s c h b e r g die Dissertation von S e i d l i t z vom Jahre 1821 als „sicheres Zeugnis" f ü r das Vorkommen des Tra- choms vor dem Auftreten Napoleons anführt , so können wir eine A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 3 noch ältere Arbeit der Dorpater Universität vorweisen, welche die häufigste Komplikation des Trachoms, die T r i c h i a s i s , behandelt, nämlich die Dissertation von H a s s e n m i i l l e r vom Jahre 1802 („Dissertatio inauguralis medica, in qua novum ad curationem trichiaseos remedium, pro gradu doctoris medicinae ac chirurgiae Consensu Amplissimae Facultatis Medicae rite impe- trando, in Academia Caesarea quae Dorpati est, proponit auctor J o s e p h u s A u g u s t u s H a s s e n m u e l l e r, Oettingensis"). Diese erste Dorpater Dissertation ist im J. 1802, also im ersten Jahr des Bestehens der Universität, bei M i c h a e l G e r h a r d G r e n z i u s, dem akademischen Typographen, gedruckt und am 10. Dezember erschienen. In dieser Schrift erzählt der Verfasser: „Im Laufe von fast 8 Jahren sind 22 Kranke, welche an Trichiasis litten, zu mir gekommen, um sich von dem Leiden zu befreien". Das hat dem Autor Gelegenheit gegeben — „genus et speciem morbi apte intuendi". H a s s e n m ü l l e r hält f ü r den „Pro- dromus" der Entstehung der Trichiasis „morbos anteceden- tes", die er in der ,,Xerophthalmia et Sclerophthalmia" sehen will, welche Benennungen damals f ü r Trachom geläufig waren. Als Ursache der Einwärtskehrung der Cilien gegen den Bulbus ist nicht der Spasmus, auch nicht die Schlaffheit der Lidmuskeln — „nec in spasmo, nee in cutis externae vel musculi levatoris relaxatione" — wie es damals von K ö h l e r , S e l l i u s und J a - n i n behauptet worden war, anzunehmen, sondern „in morbosa solum tarsi conditione posita mihi videtur". Infolge von Xero- phthalmia und Sclerophthalmia „oculi tarsus intumescit, elaterem perdit, variaque ratione curvatur ac introrsum flectitur". Also ist die Verkrümmung des Tarsus nach H a s s e n m ü l l e r die Grundursache der Entstehung der Trichiasis. Diese Meinung ist ja in der neuesten Zeit wieder herrschend geworden. Für die grosse klinische Wichtigkeit resp. f ü r die Verbreitung der Trichi- asis spricht die Tatsache der Behandlung der Frage in einer Dissertation. Die zweite Dissertation in Dorpat ist der Pocken- frage, also damals auch einer Volksseuche, gewidmet ( H ä r - d e r : Observata quaedam de variolis vaccinis 1803). Aus der Beschreibung der Trichiasis, sowie ihrer Entstehung aus Xerophthalmie und Sclerophthalmie, erhellt, dass es sich hier um Folgen des Trachoms handelte. Nebenbei sei bemerkt, dass H a s s e n m ü l l e r aus Deutschland vor 1796 nach Libau einge- wandert war und hier seine Beobachtungen über die Trichiasis i* 4 JAAN UUDELT A XIX. i gemacht hatte. Im Jahre 1798 erwarb er von der kurländischen Medizinalbehörde den beruflichen Titel eines Chirurgen, der ihm erlaubte öffentlich seine Praxis auszuüben, und im Jahre 1802 den eines gelehrten Arztes. ( O t t o : Das Medizinalwesen Kur- lands, Sitzungsberichte d. Kurland. Gesellschaft f. Lit. u. Kunst pro J. 1897.) In einer noch älteren, in Leipzig im J. 1753 erschienenen Ar- beit finden wir Hinweise auf das häufige Vorkommen der „Au- genentzündungen" in den an der Ostsee gelegenen Ländern (Th. G. S u t e r : De statu sano et morboso accolarum maris Baltici, Lipsiae 1753, Diss.). Nach der Beschreibung der schäd- lichen Einflüsse des Klimas und der Nahrung auf die Bewohner der Ostsee lenkt S u t e r die Aufmerksamkeit der Leser auf die Augenkrankheiten, welche nach seiner Ansicht aus jenen Schäd- lichkeiten entstehen sollen. Er schreibt (§ XXXIV) : „Frequens Ophthalmia oculi est, tarn, quod ab extra, ab aeris iniuria, spiculis- que salinis in illo, si siccus praecipue fuerit, haerentibus, tenerrima oculorum organa facile laedantur, quam etiam, quod, ex salsidine sanguinis, lacrimae accrescant, et oculorum pro inde albuginea tunlca ab illis erodatur; unde ophthalmiae, tarn siccae, quam hu- midae, seu Epiphorae, frequenter eveniunt". Dass das Trachom nach Estland nicht erst durch die Solda- ten Napoleons hereingebracht wurde und dass es vor ihm viel häufiger vorkam, beweist uns die schon genannte Statistik von A d e l m a n n . Dieser führ t folgende Zahlen an: fü r das Jahr 1806 ( v o r Napoleons Kriegszug nach Russland) kommen auf 339 (Gesamtzahl der Kranken in der chirurgischen Klinik) 200 ( = 5 9 % ) Augenkranke; die entsprechenden Zahlen nach Na- poleons Kriegszug sind: Für das Jahr 1816 87 Kranke, davon 34 ( = 39%) Augenkranke. 1826 384 „ „ 167 (= 43%) 1836 538 233 (= 43%) 1846 878 295 (= 33,6%) 1856 960 442 (= 46%) 1866 968 599 (= 62%) Also sehen wir, dass der Prozentsatz der Augenkranken in der Zeit unmittelbar nach Napoleons Kriegszug nach Russland nicht gestiegen, sondern eher gefallen ist. K. E. v. B a e r berichtet in seiner Dissertation („De morbis inter Esthonos endemicis"1814) über die Häufigkeit der Augenerkrankungen, dass unter den chi- A XIX. i 5 rurgischen Kranken im September des Jahres 1809 von 26 Kran- ken 16 Augenkranke waren. Dieselbe Ansicht, dass das Trachom in Estland s e i t j e h e r e n d e m i s c h genistet hat, spricht auch aus folgenden Äusse- rungen G. v. O e 11 i n g e n s. Nachdem er die Meinung derer, die in der Ophthalmia militaris eine neue aus Ägypten einge- schleppte Krankheit sehen wollten, angeführt hat, sagt er : „Meine Beobachtungen führen nicht zu solchen Schlüssen. Die Binde- haut des Menschen hat, wie jetzt, so zu allen Zeiten, lymphoide Elemente in sich beherbergt. Die Rennthierfranzosen haben bei ihren primitiven Kulturzuständen, die Bewohner der Pfahlbau- ten in ihren feuchten Behausungen an Konjunktivalentzündungen und Trachom vielleicht nicht weniger zu leiden gehabt, als unser Esthenvolk". Danach scheint es sicher zu sein, dass das Trachom bei den Esten keine neue, erst durch Napoleons Feldzug ins Land hereingebrachte und verbreitete Krankheit, sondern eine uralte Volkskrankheit ist. Dafür könnte man noch einige indirekte Be- weise beibringen. Die Ostfinnen, zu denen die an der Wolga lebenden Mordwi- Archaoiogi- nen und Tscheremissen („M a r i " ) gehören, sind nach russischen Autoren wie in früheren Jahrhunderten, so noch heutzutage mit Trachom sehr stark verseucht. S p a s s k i j teilt mit, dass er unter den Tscheremissen 30—35 Prozent der ganzen Bevölke- rung trachomverseucht gefunden hat. Die Tscheremissen ver- stehen noch heutzutage ihr Leiden selbst zu behandeln und haben fast dieselben Methoden, welche die Esten in früheren Zeiten an sich geübt haben: sie reiben die Körner mit einem Zuckerstück, schaben sie mit dem Messer, epilieren die eingekrümmten Wim- pern mit selbstgeschmiedeten Pinzetten u. s. w. Epilations- pinzetten findet man bei den Tscheremissen in jedem Hause, und die Frauen, die gewandtesten Meisterinnen in der Trachombe- handlung, wie f rüher bei den Esten, tragen sie noch heute, häufig zusammen mit Ohrlöffeln, auf der Brust neben den üblichen Schmucksachen ( S p a s s k i j ) . Dass die Tscheremissen in uralter Zeit an Trachom gelitten haben, davon überzeugen uns die Be- funde, welche A. S. U w a r o w bei seinen Ausgrabungen in den Jahren 1851—1854 im Moskauer, Jaroslawschen und Wladimir- schen Gouvernement in Gräbern des „Merivolkes" („M er j a n e r " ) , der Urahnen der Tscheremissen (Mari), entdeckt hat. Die Grä- ber gehörten in das VIII.—IX. Jahrhundert nach Chr. und ent- 6 A XIX. i hielten neben vielen anderen archäologisch wertvollen Sachen auch kleine, oft verzierte, Epilationspinzetten. W. R a g o s i n (zit. n. S p a s s k i j ) hat sie ebenfalls in Gräbern der Kama- bulgaren aus dem IX. Jahrhundert gefunden. K u s n e z o w in seiner „Historischen Geographie Russlands" (Lief. 1, 1910) hält die gefundenen Pinzetten ganz bestimmt fü r Epilationspinzetten, weil man sie noch heute nicht nur bei den Tscheremissen, sondern auch bei den Wotjaken, Mongolen und Chinesen im Gebrauch finde (zit. n. S p a s s k i j ) . Übrigens halten die Tscheremissen an ihren uralten Sitten und an ihrer Religion bis in die neueste Zeit fest, und daraus lässt sich erklären, dass sie auch die ihnen notwendigen Gebrauchsgegenstände so lange beibehalten haben. •Ähnliche Pinzetten, wie sie U w a r o w in den Gräbern der Merjaner und R a g o s i n in den Gräbern der Kamabulgaren ge- funden haben, sind auch bei den Ausgrabungen in den Ländern der Ostsee in grosser Zahl ans Tageslicht gebracht worden. Diese Funde sind ziemlich zahlreich, besonders in Ostpreussen (168 Exemplare), in der Umgebung von Danzig (3 Ex.), im polnischen Korridor (5 Ex.), im Memelgebiet (2 Ex.), in Lettland (1 Ex.), in Estland (15 Ex.) und in Finnland (13 Ex.). Bemerkenswert ist, dass solche Pinzetten gerade in den heutzutage trachomver- seuchten Gebieten, wie in Ostpreussen, Estland und Finnland, so häufig ans Tageslicht kommen. Sie sind aber auch in Däne- mark und in Schweden gefunden worden, welche Länder heute als trachomfrei gel ten1) . ( M ü l l e r : Ordning af Danmarks Oldsager. Bronzealderen.) In Estland sind sie in Gräbern in den Kirchspielen Nõo, Põltsamaa, Peetri, V.-Maarja, Haljala, Lüganuse, Vaivara (Türsamäe), L.-Nigula und Kaarma gefunden worden. Sie kommen sowohl in den Gräbern der Männer als auch in denen der Frauen vor, häufiger aber in Männergrä- bern. In Estland reichen diese Funde bis in das VI. Jahrhundert v. Chr. Der archäologischen Forschung ist es noch nicht gelun- gen den Zweck, zu welchem diese Pinzetten gebraucht wurden, festzustellen. Sie werden als Toilettegegenstände, als Instrumente zum Ausrupfen der Barthaare u. s. w. gedeutet. Da sie aber in den *) In Schweden kommt endemisches Trachom in südöstlichen Teilen von Götland (Kalmar Län, Insel Öland, einige Teile von Östergötland und Wermland) vor. Ebenso hat es in diesen Gebieten in der Mitte des XVIII. Jahrh. endemisch geherrscht ( W i d m a r k ) . A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 7 Frauengräbern ebenfalls vorkommen, so muss die Annahme, ihr Zweck sei das Ausrupfen der Barthaare gewesen, ausgeschlossen sein. Dass sie Cilienpinzetten, zum Entfernen der störenden Ci- lien, besonders bei Trichiasis, sind, ist nicht zu beweisen, doch müsste man auch mit dieser Möglichkeit rechnen. Ihre Form und ihre oft sehr kleinen Dimensionen, auch der Umstand, dass sie mit den Ohrlöffeln an einem Ringe getragen wurden, und ebenso die Tatsache, dass die Cilienpinzetten noch heute bei Völkern mit niedriger Kultur (Mari) ständig auf der Brust neben Ohrlöffeln und Schmucksachen getragen werden, machen diese Vermutung höchst wahrscheinlich. Manche unter den in Estland gefunde- nen Exemplaren bestehen aus ganz dünnem Messingblech, so dass eine solche Pinzette zum Ausrupfen fest sitzender Haare, wie derjenigen des Bartes, kaum stark genug sein dürfte, wohl aber zum Ausziehen der locker sitzenden Cilien ge- nügen würde. Die in Estland gefundenen Pinzetten sind in der technischen Ausführung meist einfach, manche sogar primitiv, dagegen sind die in Dänemark gefundenen kunstvoll gearbeitet und mit Verzierungen versehen. Nach H i r s c h b e r g sind die augenärztlichen Instrumente, die in den Gräbern der römischen Augenärzte G a i u s F i r m i u s S e v e r u s bei Rheims und S e x t u s P o l l e u s S o l e m n i s bei St. Privat gefunden sind, „gut gearbeitet, auch schön verziert" (Centralblatt f. pr. Augen- heilk. 1918, S. 65). Die Verzierungen würden nicht gegen die Annahme von Cilienpinzetten sprechen. Wenn sie Cilienpinzetten sind, so muss man sich vorstellen, dass sie, da sie recht häufig vor- kommen, nicht nur Ärzten gehörten, sondern auch Personen, welche an der „Haarkrankheit" der Augen litten und welchen sie zum häufigen, sozusagen zum täglichen Gebrauch unentbehrlich waren, sowie dass das Trachom in jener Zeit schon weit verbreitet war. Die archäologischen Pinzetten der Ostseeländer sind den heute im Gebrauch befindlichen Cilienpinzetten viel ähnlicher, als die Pinzetten des römischen Augenarztes C. F i r m i u s S e - v e r u s , welche H i r s c h b e r g nach D e n e f f e abgebildet hat (siehe Tafel I—III). Die Esten nennen das Trachom: „s i 1 m a m a r j a d", „m a r- ,,Marjad'- j a h a i g u s", „m a r j a d s i l m a s " (Augenbeeren, Beerenkrank- heit, Beeren im Auge), weil die Bindehaut eine körnige Beschaf- fenheit hat und wie mit Beeren bestreut aussieht. Die Benennung kommt meines Wissens im Druck erst 1818 im estnisch-deutschen 8 JAAN UUDELT A XIX. i Wörterbuch von H u p e l (2. Aufl.) vor, mit der Erklärung: „Blät- terchen inwendig am Augenlide". Interessant ist es dabei, dass, wie ich von Philologen (Dr. phil. L o o r i t s ) erfahren habe, dieselbe Benennung auch bei manchen anderen finnischen Völkern vor- kommt. So sollen die finnischen Ingermanländer, welche im St. Petersburger Gouvernement getrennt von den Esten leben, das Wort „m a r j a t" fü r die Körnerkrankheit brauchen. Ebenso sollen auch die Liven, deren Reste auch heute noch in Kurland leben, das Trachom „m o o r a d " ( = marjad) benennen (Dr. phil. L o o r i t s ) . Wie dieser gleiche Wortlaut fü r eine und dieselbe Krankheit zu erklären ist, bleibt ungewiss. Möglich, dass diese Benennung aus alter Zeit herstammt, wo die finnischen Völ- ker zusammen lebten. Das kann wenigstens f ü r das livische „moo- rad" Gültigkeit haben. In Finnland, wo Berichte über das Trachom seit 1757 vorliegen ( G r o e n h o l m , Zeitschr. f. A. 1904) und wo das Trachom noch in unserer Zeit häufig vorkommt, kennt man das Wort „marjad" aber nicht (nach einer persön- lichen Mitteilung von Dr. phil. L. K e t t u n e n ) . „KordM põde- Neben der Benennung „silmamarjad" kommt bei den Esten ma" der Ausdruck „ k o r d a p õ d e m a", „ s i l m a k o r d " vor. Diese Bezeichnung wird oft f ü r Trachom gebraucht und kommt schon in H u p e Fs obenerwähntem Werke in der ersten Auflage vom Jahre 1780 mit der Übersetzung „unbedeutende Augenkrankheit" vor. Von Interesse ist die Bedeutung dieses Wortes. Sie deutet den endemischen Charakter an in dem Sinne, dass alle Augen ein- mal eine Entzündung durchmachen müssen. Diese Auffassung zeigt uns, dass die Augenkrankheiten unter den Esten in frühe- ren Zeiten pandemisch verbreitet waren. „Sinine si lma- Noch ein dritter Ausdruck im Estnischen deutet auf die k l v l " Wichtigkeit und starke Verbreitung gerade der Augenkrankheiten hin: Cuprum sulfuricum wird im Estnischen „blauer Augen- stein" = „ s i n i n e s i 1 m a k i v i" genannt. Aus dieser Be- nennung ersehen wir die Spezifizität des Cuprum sulfuricum, das in verschiedenen Formen vom Volke gegen kranke Augen ge- braucht wurde, wie dies schon S e i d l i t z in seiner Dissertation schildert. Das Cuprum sulfuricum hat seinen estnischen volkstüm- lichen Namen wohl deshalb erhalten, weil es in erster Reihe als Mittel gegen Augenkrankheiten angewandt wurde, bevor seine An- wendung zu anderen, technischen Zwecken bekannt war. Als spezifi- sches Augenmittel gegen Trachom hat es seinen Namen — „blauer A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 9 Augenstern" = „sininö silmakivi" — im Volke bis zum heutigen Tage behalten. Das Cuprum sulfuricum wird daher wohl ur- sprünglich ein echtes Volksheilmittel gewesen sein, kein von den Ärzten dem Volk verordnetes (L u c e, J . : Heilmittel der Esthen auf der Insel Oesel 1829). Dass gerade das Trachom die Zahl der Augenkranken in der Klinik früher hochgetrieben hat, sehen wir daraus, dass nach D i a g r a m m I. Trachomfrequenz in der Ambulanz der Univ.-Augenklinik in Tartu in den J. 1805—1928. Vo 60 50 40 30 20 10 0 1805—1842 1899 1921—L928 W e r n c k e Uudelt A d e l m a n n Oettingen A d e l m a n n's Angaben die Trachomatösen im Anfang des XIX. Jahrhunderts (1805—1842) über 61% von allen Augenkranken ausmachten und in der Mitte und am Ende desselben Jahrhun- derts immer noch einen beträchtlichen Prozentsatz ergaben: nach O e t t i n g e n 1868—1870 — 41% und nach W e r n c k e 1899 — 30,8%. Genaue Daten aus allen Zeitperioden sind in den Dorpater Dissertationen von W e i s s (1861), G e r m a n n (1883), M a r t i n s o n (1886) und K u r i k s (1923) angeführt. T a b e l l e I. T r a c h o m a I—III in den Jahren 1921- -1928 (Ambul. d. Univ.- Augenklinik). T r a c h o m a I T r a c h o m a II T r a c h o m a III T r a e h o m a I -III Kran- Jalir ken- Sum- % der Sum- % der Sum- % der Sum- % der M. Fr. K. me Kranken M. Fr. K. me Kranken M. Fr. K. me Kranken M. Fr. K. zalil ma Kranken 1921 15 18 4 37' 1,8 61 68 129 6,5 22 37 59 3,0 98 123 4 225 11,4 1981 1922 43 37 14 94 2,9 44 84 2 130 4,1 64 113 — 177 5,6 151 234 i e . 401 12,7 3150 1923 29 52 21 102 3,0 54 63 3 120 3,6 79 122 — 201 6,0 162 237 24 423 12,6 3360 1924 27 32 12 71 2,1 54 47 3 104 3,1 62 128 1 191 5,7 143 207 16 366 10,9 3353 1925 15 22 3 40 . 1,2 39 44 1 84 2,5 70 125 _ 195 5,7 124 191 4 319 9,5 3379 1926 20 24 4 43 1,4 27 40 3 70 2,0 78 108 — 186 5,4 125 172 7 304 8,9 3425 1927 17 22 1 40 32 30 — 62 1,7 99 141 — 240 6,7 148 193 1 342 9,5 3585 192 13 13 1 27 0,8 16 19 2 37 1,1 76 150 226 6,8 105 182 3 290 8,7 3320 Zu- sam- 179:220 60 459 1,8 327 395 14 736 3,1 550 924 1 1475 5,6 1056 1539 75 2670 10,45 25553 men A n m e r k u n g : Kinder im Alter bis zu 10 Jahren. Auf 100 Männer kommen: bei Trachoma [ J23 Frauen, II 121 III 168 -III 116 (Siehe Diagr. II—III.) A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker Deswegen werde ich hier auf sie nicht weiter eingehen. Ich werde mich nur auf die letzten Jahre (1921—1928) beschränken, welche in den ebengenannten Arbeiten fehlen, um zu zeigen, dass das Trachom, trotz fortdauernder Abnahme in den letzten Jahren, doch immer noch eine Gefahr fü r die Bevölkerung des Landes be- deutet, wenn auch lange nicht mehr in dem Massstabe, wie im vergangenen Jahrhundert. Als B l i n d h e i t s u r s a c h e stand das Trachom in Est- Trachom ais . Erblj ndungs ur- Iand noch vor 30 Jahren an erster Stelle. R ä h l m a n n (1897) sache zählte in Dorpat noch 50% Erblindungen durch Trachom und G o - l o w i n (1910) führte fü r das frühere Russland 21,4% Erblindun- gen auf das Trachom zurück. Die Zahl der Erblindungen durch Trachom muss fü r unser Land wohl höher als f ü r das ganze da- malige Russland angenommen werden, weil es damals noch ein echter Trachomherd war. Nach meiner eigenen Zählung der Blinden in Dorpat (1927), die ich in der Blindenschule daselbst und an den in der Augenklinik registrierten Blinden vorgenommen habe, ergibt sich schon eine niedrigere Zahl der Erblindungen durch Trachom: 14,1%, und an die erste Stelle der Erblindungsursachen treten die Augenverletzungen (23,8%). Das ist auch verständlich, wenn wir berücksichtigen, dass das Trachom sich in den letzten Jahren in ständiger Abnahme befindet. Jetzt zählen wir gegen die früheren 60%, 40%, 30% Trachom unter allen erstmaligen ambu- lanten Kranken der Augenklinik nur 10,45% (in den Jahren 1921— 1928). Danach ist Estland gegenwärtig zwar nicht so stark trachomverseucht wie Litauen (25% nach B u i v i d a i t e - K u t o r g i e n e ) , doch steht es mit endemisch trachomverseuch- ten Ländern, wie Ungarn und Finnland, fast auf einer Höhe. Um die V e r b r e i t u n g d e s T r a c h o m s i n E s t l a n d Trachom in T Estland in der und seine allmähliche Abnahme i n d e n l e t z t e n a c h t J a h - Gegenwart, r e n zu veranschaulichen, gebe ich eine ausführliche Tabelle über das Trachom und seine Komplikationen nach dem Dorpater klini- schen Krankenmaterial vom Jahre 1921 bis 1928 (siehe Tab. I). Für das Jahr 1921 muss ich die Erklärung vorausschicken, dass sowohl die Zahl der Kranken überhaupt als auch diejenige der Trachomatösen nur halb so gross ist wie in den folgenden Jahren, weil der volle Betrieb der Klinik erst vom September an begonnen hatte. Infolge der russischen Evakuation der Klinik nach Woro- nesh (1917) und der folgenden Revolutions- und Kriegsjahre (1918—1920) hatte die Tätigkeit der Klinik fas t aufge- 12 A XIX. i D i a g r a m m II. Frequenz der verschiedenen Stadien des Trachoms und der Trichia- sis im Verhältnis zur Gesamt-Krankenzahl in den J. 1921—1928 (Amb. d. Univ.-Augenklinik in Tartu). hfahnr-ot, J. hört. Erst im September 1921 begann sie wieder unter neuer Leitung und Organisation. Seit dem Jahre 1922 ist die Zahl der ambulanten Kranken beinahe die gleiche geblieben. Die Zahl der Trachomkranken aber ist in derselben Zeitspanne um 111 Fälle gefallen (von 401 auf 290), also um ein Viertel aller Trachom- kranken des Jahres 1922 oder um 4% von allen ambulanten Kran- ken (von 12,7% auf 8,7%). Prognostisch besonders erfreulich ist die starke Abnahme des Trachoms im ersten und zweiten Sta- dium, also der Neuerkrankungen, während die Häufigkeit des alten 13 D i a g r a m m III. Verteilung der verschiedenen Konjunktivalerkrankungen und ihrer Komplikationen auf die Geschlechter in den Jahren 1921—1928 (Amb. d. Univ.-Augenklinik in Tartu). 220 f f f MM/tmt. '200 180 160 140 120 100 80 60 - 40 20 O 2- O > O Ö 2 Narbentrachoms sich sogar vermehrt hat. Das frische Trachom im Stadium I ist von 94 Fällen auf 27 und im Stadium II von 130 auf 37 gefallen ( = 7 1 % Abnahme!). Der Rückgang der Kompli- kationen, wie Trichiasis und Pannus, den wir auch verzeichnen 14 JAAN UUDELT A XIX. i T a b e l l e la. K o m p l i k a t i o n e n des Trachoms (Ambul. d. Univ.-Augen- klinik 1921—1928). Trach. P a n n u s T r i c h i a s i s Jahr I-III M. Fr. K. Summe °/0/ M. Fr. K. Summe % 1921 225 Ni c h t g e z ä h 1 t 13 22 35 15,5 1922 401 39 74 1 114 28,4 17 44 — 61 15,2 1923 423 55 66 1 122 28,8 17 38 — 55 13,0 1924 366 54 50 1 105 28,7 19 29 — 48 13,1 1925 319 37 57 — 94 29,4 9 30 — 39 12,2 1926 304 29 63 — 92 32,6 17 21 — 38 12,5 1927 342 39 66 105 30,7 9 30 — 39 11,4 1928 260 24 54 • — 78 26,9 9 17 — 26 8,9 Zusammen 2670 277 430 3 710 29,0 110 231 — 341 12,8 Pannus bei Männern in 28,9% Trichiasis bei Männern in 10,4% „ Frauen „ 30,4% „ „ Frauen „ 15% (Siehe Diagr. II—III.) T a b e l l e II. F o l l i k u l a r k a t a r r h (Ambul. d. Univ.-Augenklinik 1921—1928). C o n j u n c t i v i t i s f o l l i c u l a r i s Jahr M. Fr. K. Summe °/0/ 1921 14 35 6 55 2,8 1922 43 44 21 108 3,4 1923 28 51 16 95 2,8 1924 21 30 16 67 2,0 1925 23 35 12 70 2,1 1926 19 42 11 72 2,1 1927 30' 40 9 79 2 2 1928 28 39 16 83 2,5 Zusammen 206 316 107 629 2,5 A n m e r k u n g : Auf 100 Männer kommen 153 Frauen. (Siehe Diagr. III.) A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker können, ist vielleicht ein Symptom dafür, dass das narbige Tra- chom auch manches von seinem b ö s a r t i g e n C h a r a k t e r e i n g e b ü s s t h a t (siehe Tabelle Ia) . Denn das Trachom im dritten Stadium ist an Zahl gestiegen, während Trichiasis und Pannus einen deutlichen Rückgang zeigen. Das akute Trachom ist in sehr geringer Zahl vertreten: nur 3 Fälle unter 2670 Trachoma- tösen! Das alles sind in Bezug auf die Zukunft der Trachom- frage in Estland ermutigende Feststellungen. T a b e l l e III. C o n j u n c t i v i t i s a c u t a (Amb. d. Univ.-Augenklinik 1921—1928). °/ Jahr Männer Frauen Kinder bis /0 10 Jahre alt Zusammen d. Kranken-zahl 1921 61 44 5 110 5,5 1922 145 109 23 277 8,8 1923 ] 25 105 29 259 7,7 1924 79 113 19 211 6,3 1925 50 48 16 114 3,3 1926 47 45 6 98 2,8 1927 46 45 8 99 2,8 1928 57 50 23- 130 3,9 Zusammen 610 559 123 1290 5,1 (Vergleiche Diagramm III und V.) Das Überwiegen des weiblichen Geschlechts gegenüber dem männlichen in allen Stadien des Trachoms und auch in seinen Komplikationen ist nach unserem Material ebenso zu konstatie- ren, wie in den meisten Trachomländern. Ich möchte der Tabelle über das Trachom noch eine Tabelle FoIlikular- über den in der Klinik in derselben Zeitspanne registrierten F o l - katarrh- l i k u l a r k a t a r r h folgen lassen, weil sie uns einige Parallelen mit dem Trachom zu ziehen erlaubt, obgleich es sich nach der allgemein angenommenen dualistischen Anschauung in der Patho- genese des Trachoms und des Follikularkatarrhs um zwei ver- schiedene Krankheiten handelt, welche ätiologisch und pathoge- netisch in keinem Zusammenhang stehen sollen (siehe Tab. II) . 16 A XIX. i Wenn wir die beiden Tabellen vergleichen, so finden wir einen ge- wissen Parallelismus beider Augenkrankheiten, dfes frischen Tra- choms und des Follikularkatarrhs, in allen Hauptpunkten: Über- wiegen des weiblichen Geschlechts gegenüber dem männlichen, allmähliche Abnahme während der in Frage kommenden acht Jahre und häufigeres Vorkommen bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 11—20 Jahren (vergl. auch unten, Tab. IV und V). Ich glaube nicht, dass dieser Parallelismus des Trachoms und des Follikularkatarrhs ein zufälliger ist, und bin geneigt ihn f ü r eine gesetzmässige Erscheinung zu halten. Ich habe in der mir erreichbaren Literatur keine Arbeit, ausser S c h m i d t - R i m p l e r's Äusserungen im Bericht über den XII. internat. med. Kongress in Moskau (1897), gefunden, wo ausführlichere statistische Parallelen zwischen beiden follikulären Bindehautentzündungen gezogen wären. Obwohl differential- diagnostische Schwierigkeiten und die subjektiven Anschauungen des Arztes bei der Unterscheidung dieser Krankheiten fü r die ver- gleichende Statistik der beiden follikulären Erkrankungen nicht ohne Bedeutung sind, würde es sich doch lohnen, neben dem Tra- chom auch dem Follikularkatarrh in den verschiedenen Ländern mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als es bisher geschehen ist. Es würde sich dabei vielleicht die strenge Grenze zwischen den beiden follikulären Entzündungen der Bindehaut, welche die jetzt herrschende dualistische Anschauung zieht, als nicht berechtigt erweisen. Ich verstehe hier unter Follikularkatarrh solche „Entzündun- gen" der Bindehaut, wo wir neben vergrösserten Follikeln auch katarrhalische Erscheinungen der Bindehaut beobachten, und nicht solche mit reizlosen kleinen glasigen Follikeln. Diese un- schuldigen Follikel können wir unter die „Follikulose" ( S a e - ni i s c h) einordnen. Leider fehlt auch in der Statistik unserer Klinik die zuletzt erwähnte Unterscheidung. I I . Z u r P a t h o g e n e s e d e s T r a c h o m s . Gegenwärtige Anschauungen über Entstehung und Wesen des Trachoms und verwandter follikulärer Erkrankungen der Bindehaut. Id potissimum agens, ut omissis hypothesibus, in praxi nihil adstruat, quod multiplici experientia non sit ro- boratum. Act. Erud. Lips. 1722. (Zit. n. M e y r's Compendium der Au- genheilkunde. 1852.) Zum Beweise der Übertragbarkeit des Trachoms sind zahl- ^ertragung,- versnche: ar- reiche I m p f u n g e n a n T i e r e n und Menschen ausgeführt :Iexen, worden. Nach S c h l e i c h kommt bei Haustieren, besonders bei Hunden und Pferden, eine follikuläre Bindehautentzündung vor, welche f ü r Tiere nicht ansteckend und dem menschlichen Tra- chom sehr ähnlich ist. Besonders disponiert seien zu dieser folli- kulären Konjunktivitis gewisse Rassen von Hunden, wie Jagd- hunde, Bernhardiner und Doggen (bis 40%). Bei starkem Eiterfluss aus dem Konjunktivalsack kann es sogar zum Entro- pium der Lider kommen. Auf der Hornhaut sollen sich Ge- schwüre bilden, welche perforieren können. Auch pannöse Ge- fässe der Hornhaut sollen beobachtet werden. Trotz einer ge- wissen Ähnlichkeit der Conjunctivitis follicularis der Hunde mit dem Trachom des Menschen hat sie aber zu diesem keine Beziehung und ist f ü r den Menschen nicht ansteckend. Auch die gesunde Bin- dehaut des Hundes, ohne katarrhalische Erscheinungen, soll nach S c h l e i c h manchmal Follikelbildungen zeigen. Gerade weil Hunde an follikulären Konjunktivitiden erkranken, erscheinen sie T r a p e - s o n z e w a sehr geeignet f ü r Trachomexperimente. F r ö h n e r fand bei Hunden den Follikularkatarrh in 40%. Die Follikel ha- ben ihren Sitz hauptsächlich auf dem dritten Lide und werden dort oft übersehen. Auch F r ö h n e r hält sie f ü r nicht infektiös, weder f ü r Hunde noch f ü r Menschen. W e b e r schätzt die 18 JAAN UUDELT A XIX. i Häufigkeit des Follikularkatarrhs der Hunde noch höher, 50— 60% der Gesamtzahl. R ä h 1 m a n n hat den Follikularkatarrh bei Tieren, besonders bei Hunden, in solchen Fällen gefunden, wenn sie eng zusammen leben, und hält die Follikel f ü r pathologische Er- scheinungen der Bindehaut, analog den Trachomfollikeln des Men- schen. S c h m i d t , K u c h a r s k i und S h o n g o l o w i t s c h ha- ben sich vergebens bemüht den Hunden das Trachom beizubrin- gen. Zuletzt (1927) unterzog B l i d s t e i n - N e w o r o s h k i n a die Übertragungsversuche noch einer Kontrolle. Sie konnte fest- stellen, dass die Trachomübertragung auf die Bindehaut des Hun- des nicht gelang, wenn die Tiere im Freien oder in guten hygie- nischen Verhältnissen lebten. Wurden sie jedoch in schlechter Luft oder unter ungesunden Bedingungen gehalten, dann erschie- nen die Follikel sowohl nach der Verimpfung als auch spontan, ohne jegliche Impfung. Danach könnte man sich vorstellen, dass die Ursache der Follikelbildung bei Hunden nicht so sehr das ver- impfte Trachom ist, als gerade die schlechten Lebensbedingun- gen der Tiere. Dem pathologischen Bilde nach zeigten die Folli- kel der Hunde grosse Ähnlichkeit mit denen des Trachoms. B l i d - s t e i n - N e w o r o s h k i n a reizte die Bindehäute der Hunde mit verschiedenen Stoffen, wie Bakterientoxine und Bakterien, welche in der Erde und im Darm immer vorkommen, auch ver* suchte sie die Krankheit von Tier zu Tier zu übertragen, doch ausnahmslos ohne Erfolg. Also müssen bei der Entstehung des Follikularkatarrhs der Hunde nicht bakterielle Ursachen ins Auge gefasst werden, sondern vielmehr die unbekannten äusseren Ein- flüsse der Umgebung. Auf der Nichtbeachtung dieser Tatsachen beruhen manche Mit- teilungen von Experimentatoren, die mit Trachomvirus des Men- schen bei Hunden künstliches Trachom erzeugt haben wollen. K u n z glaubte bei einem Hunde in einer Trachombaracke massen- hafte Körner gesehen zu haben und S c h i e l e berichtete (1910), dass es ihm gelungen wäre, mit Reinkultur des Trachomvirus (auf Bouillon und Blutserum-Kochsalzlösung) die Übertragung des menschlichen Trachoms auf die Konjunktiva von Hunden und Kaninchen zu erzielen. G r e e f f hat einmal einen Hund mit sulzigen Körnern auf der Konjunktiva gesehen (nach B o 11 e r i). O w u c i, welcher bei verschiedenen Tieren Trachomimpfungen er- folglos versucht hatte, will Trachom auf Hunde und M a r o n g i n will es auf Meerschweinchen übertragen haben. Sonst sind die Au- 'A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 19 toren ( K u h n t , K ü s e l , G r e e f f , F r o s c h , C l a u s e n ) , welche die Verimpfungen an Hunden versucht haben, zu keinen positiven Resultaten gekommen. U h l e n h u t h hat beim Schwein während der Schweinepest auf der Konjunktiva Einschlüsse, sehr ähnlich den Trachom-Einschlüssert, gefunden. H e y m a n n und S u s s m a n n haben versucht die Konjunktiva des Schweines mit Trachomvirus zu infizieren, was ihnen aber nicht gelungen ist. H e s s und R ö m e r haben bei Übertragungsversuchen auf die Konjunktiva der Eule, K i m u r a bei solchen auf die Konjunktiva der Taube keine Erfolge erzielt. B e r l i n hat (1881) die Konjunk- tiva eines Uhu mit massenhaften Körnern besät und die Hornhaut mit Pannus bedeckt gesehen. B e r l i n führ t dies auf Stallin- fektion durch Unreinlichkeit zurück. N i c o l l e - C u e n o d - B l a i z o t haben sich an verschiedenen gebräuchlichen Versuchs- tieren mit Übertragungsversuchen des Trachoms im Laufe vieler Jahre in Tunis beschäftigt und sind zu der Überzeugung gekommen, dass das Trachom fü r Kaninchen, Meerschweinchen, Hunde, Tau- ben nicht ansteckend sei (1911—1913). Erst in späterer Zeit (1922) berichten N i c o l l e, C u e n o d und B 1 a n c, dass es ihnen gelungen sei mit einem bösartigen Trachomvirus bei Kaninchen auf der Konjunktiva Follikel zu erzeugen, welche sie f ü r echte Trachomfollikel halten. Über 6 Monate lang konnten sie von Kanin- chen zu Kaninchen durch Passagen das Trachom übertragen. Ob die erzeugten Follikel wirklich Trachomfollikel waren, wie sie damals glaubten, ist noch nicht erwiesen. In einer Arbeit vom Jahre 1926 sagen N i c o l l e und L u m b r o s o, dass man über die Impfungsresultate bei Kaninchen sehr vorsichtig urteilen müsse, weil Kaninchen oft, eigentlich meistens, an einer ansteckenden follikulären Bindehautentzündung leiden, deren infektiöse Ur- sache im Boden, im Stroh u. s. w. zu suchen sei. Die Krankheit sei ansteckend und man könne sie bei domestizierten Kaninchen in Tunis, Frankreich und Italien überall finden. Ob sie bei wilden Kaninchen vorkommt, wissen die Autoren nicht. Die Krankheit hat sich auch als auf die Bindehaut der Affen übertragbar erwie- sen. Doch haben N i c o l l e und L u m b r o s o beobachtet, dass die Inkubationszeit des follikulären Katarrhs der Kaninchen län- ger ist als bei Trachom. Darum erklären sie die Kaninchen, bei welchen sie bisher erfolgreich Trachom erzeugen konnten, fü r Impfversuche mit Trachom doch f ü r ungeeignet. Aus diesen Beobachtungen an Tieren ersieht man, dass bei die- 2* A XIX. i ' sen manchmal Follikelbildungen als normaler Zustand der Kon- junktiva anzusehen sind und dass andererseits follikuläre Ka- tarrhe bei manchen Tieren, wie Kaninchen, vorkommen, welche nur für dieselbe Spezies ansteckend sind, fü r den Menschen aber nicht. D i e P a t h o g e n e s e d e s m e n s c h l i c h e n T r a - c h o m s h a t d u r c h d i e E x p e r i m e n t e a n T i e r e n b i s - h e r k e i n e A u f k l ä r u n g e r f a h r e n , w e i l d a s T r a - c h o m v i r u s d e s M e n s c h e n n a c h d e n b i s h e r i g e n V e r s u c h e n f ü r d i e B i n d e h a u t d e r T i e r e n i c h t p a t h o g e n i s t . Als Fortschritt in der experimentellen Trachomforschung sind die Versuche von H e s s und R ö m e r mit V e r i m p f u n g d e s T r a c h o m s a u f d i e B i n d e h a u t v o n P a v i a n e n anzusehen. Die beiden Forscher haben 1905, also noch vor der Entdeckung der Einschlüsse durch H a l b e r s t ä d t e r und P r o - w a c z e k, exzidierte Trachomfollikel aus der Konjunktiva des Menschen in eine künstlich gebildete Tasche der Bindehaut von Affen übertragen, wodurch es ihnen gelang, bei fünf von drei- zehn geimpften Affen Körner und Entzündung der Bindehaut hervorzurufen. In einem Falle bekamen sie durch Übertragung des Sekretes vom geimpften und erkrankten rechten Auge Tra- chom auch in dem linken Auge. Von 17 Impfungen fielen fünf positiv aus, in manchen Fällen erst nach mehrmaligen Übertra- gungen. H e s s und R ö m e r haben gefunden, dass das Tra- chomvirus nicht filtrierbar ist. Wenn sie die Schleimhaut fein zerrieben und aufgelöst durch Berkefeldfilter filtrierten, so er- zielten sie mit dem Filtrate keinen Erfolg, wohl aber mit dem Rückstände. Ebenso glauben auch K u h n t und P f e i f f e r an die Unfiltrierbarkeit des Trachomvirus, weil es ihnen bei Ver- suchen mit filtriertem Trachommaterial nicht gelungen ist das Trachom auf die Bindehaut des Menschen zu übertragen. Das Spülwasser der Konjunktiva rief nach H e s s und R ö m e r eine katarrhalische Entzündung hervor. B e r t a r e l l 1, H a r t - m a n n , B o t t e r i, N i c o l l e, C u e n o d, B l a i z o t haben mit dem Filtrate des Trachomvirus das Trachom auf Affen übertra- gen. E> o 11 e r i sah die Infektiosität des Virus bei feuchter Aufbe- wahrung im Laufe von 3 Stunden bei O0—IO0 verschwinden und stellte als Grenztemperatur f ü r die Abtötung des Trachomvirus 410—430 c fest (Kiin. M. f. A. 1912). Die Inkubationszeit — von der Impfung bis zur Follikelbildung — ist verschieden, 14 Tage bis A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 21 4—5 Wochen (nach H e s s - R ö m e r ) . Zu Narbenbildungen ist es beim Trachom der Affen während einer Beobachtungszeit von 6 Monaten nicht gekommen, und die Autoren glauben, dass das Trachom bei Affen milder verlaufe als bei Menschen. Nach H e s s und R ö m e r's Abhandlung ist eine Reihe weiterer Arbeiten er- schienen, welche sich mit Trachomübertragung auf die Bindehaut der Affen beschäftigen. H a l b e r s t ä d t e r und P r o w a c z e k haben zahlreiche anthropoide Affen, besonders Orang-Utans, ge- impft und nach 7 Tagen nur Konjunktivitis ohne Follikel erzielt. Die Rückbildung erfolgte schnell und vollständig. Impfungen an niederen Affen sind immer negativ geblieben. L e b e r und P r o w a c z e k impften auf Sumatra mehrfach Orang-Utans und erzielten fast immer katarrhalische Entzündungen ohne Follikel. Die Entzündung verging spurlos, war aber auf andere Affen über- tragbar. Nach N i c o l l e und C u e n o d sollen sich die besten Resultate an Macacus innus, dem Affen von Algier, erzielen las- sen. Das von ihnen bei Macacus innus hervorgerufene Trachom zeigte charakteristische Merkmale des menschlichen Trachoms, war von langer Dauer — in einem Falle zwei Jahre — und bot auch Komplikationen, wie man sie häufig bei Menschen findet. Schwierig- keiten beim Experimentieren mit Macacus innus ergeben sich aus der zarten Gesundheit des Tieres, und die Autoren scheinen von ihm abgekommen und wieder auf Kaninchen übergegangen zu sein. Ebenso haben G r e e f f , C l a u s e n , F r o s c h , B e r t a - r e i l i, B o t t e r i, d i S a n t o , M o r a x, L ö h l e i n , N i c o l l e - C u e n o d - B l a i z o t, H e r f o r d , L i n d n e r , B a j a r d i , P o p - p e n , P a p a r c o n e und zählreiche andere Forscher bald mit ne- gativem, bald mit positivem Erfolge das Trachom auf Affen über- tragen. In vielen Fällen erschien klinisch nur eine diffuse Ent- zündung, ohne sichtbare Follikel; doch hat die pathologisch- mikroskopische Untersuchung des Gewebes auch in solchen Fällen Follikel nachgewiesen ( L i n d n e r ) . Zu Narben oder zu Pan- nus scheint es in keinem Falle gekommen zu sein. Nur in einem Falle von B o e i n g sollen Narbenbildungen beobachtet worden sein (nach A x e n f e l d ) . D e r V e r l a u f d e s e x p e r i - m e n t e l l e n A f f e n t r a c h o m s i s t g a n z a n d e r s , a l s d e r j e n i g e b e i M e n s c h e n . Die Krankheit verläuft spurlos, auch ohne Behandlung, während einiger (3) Monate, ohne Narben zu hinterlassen ( N i c o l l e , C u e n o d und B 1 a i z o t ) , und Pan- nus ist von keinem Experimentator mit Sicherheit nachgewiesen 22 JAAN UUDELT A XIX. i worden. Darum ist der Beweis fü r die Ansteckungsfähigkeit des Trachoms f ü r Affen nicht als sicher anzuerkennen. Aus allen diesen Verimpfungen können wir nur soviel schliessen, d a s s d a s T r a c h o m v i r u r b e i A f f e n e i n e B i n d e h a u t - e n t z ü n d u n g m i t o d e r o h n e F o l l i k e l h e r v o r z u - r u f e n i m s t a n d e i s t , w e l c h e a b e r k e i n e n b ö s a r - t i g e n C h a r a k t e r z e i g t , w i e d a s T r a c h o m b e i m M e n s c h e n . Die Übertragbarkeit des Trachoms auf Tiere bleibt zweifelhaft. Auch Impfungen anderer Bindehautentzündungen können bei Affen zu Follikeln führen. Das sehen wir aus Ü b e r t r a g u n g s - v e r s u c h e n m i t d e m S e k r e t v o n B l e n n o r r h ö e n m i t E i n s c h l ü s s e n . H e g n e r und W o 1 f r u m haben Bindehäute von Affen mit Sekret von Einschluss-Blennorrhöe der Neugeborenen geimpft und trachomähnliche Konjunktivitiden mit Follikeln hervorgerufen. Auch das pathologisch-anatomische Bild zeigte ähnliche Veränderungen wie beim Trachom des Men- schen. B o t t e r i und S p a n i e erzielten ebenfalls durch sub- konjunktivale Implantation von Gewebestücken und Injektion von zerriebenen Massen des P l a s m o m s der trachom- und ein- schlussfreien Bindehaut eines Arbeiters auf den normalen Binde- häuten eines Pavians nach 14 Tagen nach der Übertragung eine Entzündung mit Follikeln, hauptsächlich in den Übergangsfalten. Die Follikel waren unscharf begrenzt, oberflächlich oder tieflie- gend und erreichten ihre höchste Entwicklung erst nach 4½ Mona- ten. Das klinische wie auch das histologische Bild der Entzün- dung entsprach vollkommen demjenigen des chronisch verlaufen- den Impftrachoms bei Affen. an Menschen. Sichere Erfolge dürfte man von Impfungen des Trachoms nur auf der menschlichen Bindehaut erwarten können. Wenn man das- Trachom als eine selbständige infektiöse Bindehauter- krankung auffassen will, wie uns die klinischen Beobachtungen dies lehren, so müsste das Sekret vom frischen sezernierenden Trachom, auf die gesunde Bindehaut des Menschen übertragen, dasselbe klinische Bild ergeben, wie wir es bei echtem Trachom beobach- ten: grosse, saftige Follikel, welche nach einiger Dauer platzen oder sich resorbieren und Narben auf der Bindehaut hinterlassen, wobei Pannus und Exulzerationen der Hornhaut, Knorpelver- krümmung mit folgendem Entropium und Trichiasis hinzukom- men können oder müssen. A XIX. i Uber das Blutbild Trachomkranker 23 Es gibt eine Anzahl von Experimentatoren, welche d i e Ü b e r t r a g u n g d e s T r a c h o m s a u f d i e m e n s c h - l i c h e B i n d e h a u t zu versuchen sich nicht gescheut haben. Der Erste, der solche Versuche angestellt ha t , ' ist S a t t l e r (1881) i ) . S a t t l e r hielt die Mikrokokken, welche später als Staphylo- kokken erkannt wurden, f ü r die Er reger des Trachoms. E r brachte den Eiter vom Trachomauge auf einen Nährboden und in- fizierte mit der eiterhaltigen Kultur die Bindehaut des Menschen. Ebenso verimpfte er den Inhalt eines mit Borsäure gereinigten Korns von einem fas t abgelaufenen Trachom auf die Bindehaut des Menschen. In beiden Fällen entwickelte sich allmählich das Bild eines echten Trachoms. Nach 7 Tagen traten die ersten Er- scheinungen mit Follikeln auf, welche sich langsam zu einem „richtigen Trachom" entwickelten. Somit hatte S a t t l e r ge- zeigt, dass der Inhalt der Follikel auch eines fas t abgelaufenen Trachoms, ebenso auch das Sekret, imstande ist die Krankheit zu übertragen. Leider ist aus seiner Beschreibung nicht zu ersehen, wie die übertragene Krankheit abgelaufen ist, ob sie Narben und Pannus mit anderen Komplikationen des Trachoms hervorgerufen hat oder wieder spontan zurückgegangen ist, wie es beim Impf- trachom der Affen der Fall ist (zit. n. A x e n f e l d). C r a i n i - c e a n, der selbst an Ziegen, Böcken, Kaninchen, Meerschwein- chen und weissen Mäusen mit negativem Erfolge experimentiert hatte, berichtete auf dem internationalen Ophthalmologenkon- gress 1888 in Heidelberg, dass B a b e s und M a n o l e s c u 1 oder 2 Impfversuche an Menschen mit phthisischen Augen ohne Resultat gemacht haben. Die Konjunktiva des Menschen hatte das Trachomvirus nicht angenommen und war nicht erkrankt . L. B ä c k (1900) meint, dass die durch Skrofulose verur- sachte Disposition ein Faktor ist, der ausschlaggebend ist f ü r 1) P i e r i n g e r (Die Blennorrhoe am Menschenauge, 1841) wird in manchen Arbeiten zitiert, als habe er das Trachom auf Menschen übertragen, was aber nicht den Tatsachen entspricht, weil P i e r i n g e r nicht Trachom, sondern Blennorrhöe-Sekret auf die Bindehaut des Menschen (in 84 Fällen an 49 Individuen) geimpft hat, und zwar nachdem F r. J ä g e r die Blennorrhöe- infektion als Heilmittel gegen das Trachom empfohlen hatte. P i e r i n g e r er- zielte immer einen positiven Erfolg, wenn er nur das eitrige Sekret der Blennorrhoe benutzte, in manchen Fällen auch das Sekret von den Genitalien in die Augen übertrug und umgekehrt. So bewies er den genitalen Ursprung der Blennorrhoe noch vor Entdeckung der Gonokokken durch N e i s s e r. 24 JAAN UUDELT A XIX. i die Ansteckung. Er erzählt, dass er zu wiederholten Malen Selbst- infektionen an sich vorgenommen habe, jedoch immer mit nega- tivem Resultat. Wer nicht dazu disponiert ist, bekomme kein Trachom trotz "Infektion, wer aber disponiert ist, bekomme es, wenn er sich auch noch so sehr davor zu schützen suche. Auch G e r m a i x (1902) hält die Disposition fü r ausschlaggebend bei der Ansteckung mit Trachom. Nach ihm ist nur der Eiter, nicht die „Granulöse" kontagiös. Er hat bei einseitigen Trachomen den Inhalt der Körner ausgerollt und in das andere Auge des Kranken mehrere Mal eingerieben, ohne dass dieses Auge erkrankte. Er ist bei solchen Versuchen nie zu einem positiven Erfolge gelangt. Auch an sich selbst hat G e r m a i x experi- mentiert. Vor trachomängstlichen Patienten hat er mit den Fingern erst die trachomkranke Bindehaut und danach die Binde- haut seines eigenen Auges gerieben, ohne dadurch eine An- steckung hervorzurufen, weil seiner Meinung nach seine Binde- häute zum Trachom nicht disponiert waren. Das infektiöse Sekret ist nach G e r m a i x imstande katarrhalische Entzündungen auf der Konjunktiva und bei disponierten, skrofulösen, anämischen und geschwächten Personen auch Granulationen hervorzurufen. „Deswegen scheuten sich A r l t und d e W e c k e r nicht zu ihren Kindern Ammen mit trockenem Trachom zu nehmen." M u t t e r m i l c h (1910) hat den Inhalt der Trachomkörner auf die menschliche Konjunktiva gebracht und kein einziges Mal eine entzündliche Reaktion der Konjunktiva gesehen. Nur nach Einbringen des eitrigen Sekretes in den Konjunktivalsack sah M u t t e r m i l c h eine akute Entzündung, welche aber, ebenso wie bei Kaninchen, in kurzer Zeit und ohne Behandlung spurlos verging. Eine entscheidende Bedeutung fü r die Entstehung des Trachoms haben nach M u t t e r m i l c h verschiedene Bakterienarten, welche Konjunktivitiden hervorrufen können, und nur von den hygieni- schen Bedingungen hängt es ab, ob es zu einem Trachom kommt oder nicht. Der Charakter des Trachoms hängt vom Charakter der Bakterien ab, welche die ursprüngliche Konjunktivitis hervor- gerufen haben. M o r a x (1905) hat einem an unheilbarem Hirntumor lei- denden Patienten auf die skarifizierte Bindehaut frisches Tra- chommaterial übertragen. Am Todestage des Patienten (9 Tage nach der Impfung) waren keine Veränderungen der Bindehaut zu beobachten, auch mikroskopisch nicht. A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 25 A d d a r i o hat auf dem Kongresse zu Palermo (1906) be- richtet, dass er 3 blinde Individuen mit Atrophia bulbi mit frischem Trachom geimpft habe und dass danach ein typisches follikuläres Trachom mit Pannus entstanden sei. Er hatte etwas Follikel- inhalt in eine Bindehauttasche eingeführt. Nach 3 Tagen waren die ersten Reizerscheinungen aufgetreten, am 8. Tage Rötung der Conjunctiva tarsi et fornicis und Oedem der Conjunctiva bulbi. Bei allen 3 Individuen ist die Krankheit innerhalb der ersten zehn Tage auf das andere Auge übergegangen. Die heftigen Ent- zündungserscheinungen waren allmählich zurückgegangen, und am Ende des zweiten Monats soll das Bild des chronischen diffusen Trachoms sich entwickelt haben. Die Schwellung war verschwun- den, die obere und untere Übergangsfalte durchsetzt mit „zahl- reichen grauen Punkten", die sich zu „konfluierenden Follikeln" entwickelten und der Konjunktiva das charakteristische, schmutziggraue Aussehen, wie bei Trachom, verliehen. Nach zwei- jähriger unausgesetzter Behandlung soll „vollständige Heilung" erzielt worden sein. Der Bericht von A d d a r i o ist mir im Original nicht zugänglich gewesen, und deswegen kann ich nicht feststellen, ob seine Fälle geheilt waren ohne Narben zu hinterlassen. Aus den Referaten sieht man, dass die „vollständige Heilung" wohl so zu verstehen ist, dass das verimpfte Trachom narbenfrei vergan- gen ist. Auch über den Pannus berichtet nur G r e e f f (Klini- sches Jahrbuch 1907 und 1909), sonst ist der Pannus in den Refe- raten nicht erwähnt. M i j a s c h i t a (1908) impfte sechs Personen. In den ersten zwei Fällen, wo das Sekret aus dem trachomkranken Auge in den Konjunktivalsack gesunder Individuen eingerieben wurde, fiel der Versuch vollständig negativ aus. Im dritten Falle, wo bei ein- seitigem Trachom aus dem rechten trachomkranken Auge das Sekret durch Einreiben ins linke Auge derselben Person ver- impft wurde, verschwand der Patient ohne dass sich das Resultat feststellen liess. In der Beobachtungszeit von 3 Tagen waren noch keine Veränderungen auf der Bindehaut erschienen. In den übrigen 3 Versuchsfällen erzielte M i j a s c h i t a nach 7—8 Ta- gen eine heftige Konjunktivitis mit Follikeln. Die Konjunktivi- tis gab sich nach einiger Zeit und es blieben Follikel bestehen, so dass die akute Form des Trachoms in eine chronische über- ging. In einem Falle (Fall 4) erkrankte auch das andere, nicht geimpfte Auge 8 Tage nach der Erkrankung des ersten Auges. 26 JAAN UUDELT A XIX. i Das klinische Bild des künstlich erzeugten Trachoms war in allen Fällen stürmisch, mit starker Hyperaemie, Sekretion und Schwel- lung der Lider. Aus den Protokollen M i j a s c h i t a s ersieht man nicht, wie lange die Angesteckten in Beobachtung waren und wie die Erkrankungen im weiteren'Verlaufe endeten. Nur in einem Fall notiert e r : „Beginn des Pannus". Hätte M i j a s c h i t a Pannus und Narben wirklich beobachtet, dann hätte er sich wohl bestimmter über sie geäussert. E r scheint sich damit begnügt zu haben, das Erscheinen der Follikel und den Befund der Einschluss- körperchen (Pr. K.) fü r ein positives Impfresultat zu erklären. M i j a s c h i t a ist der Meinung, dass das Trachomvirus nicht filtrierbar ist, und führ t zum Beweis die von S a s s a r i ausge- führten Experimente an. S a s s a r i hat Wattebäuschchen, mit welchen er Trachom gerieben hatte, in physiologische Koch- salzlösung gebracht und dann mit dem Filtrate derselben 10 Au- gen mit negativem und mit dem Rückstände 2 Augen mit positi- vem Erfolge geimpft. G r e e f f (1909) impfte 2 Menschen. Im ersten Falle über- trug er mit der Platinöse den Inhalt der Trachomkörner und Epithel der Schleimhaut in den Bindehautsack eines gesunden Auges. Das geimpfte Auge blieb reizlos, und es kam zu keinem Trachom. G r e e f f glaubt die Erfolglosigkeit des Versuchs da- durch erklären zu können, dass die Ansteckungsfähigkeit des Tra- choms im Auge, aus welchem er das Material entnahm, vergan- gen war. Der Patient hat an frischem follikelreichem Körner- trachom und seine beiden Schwestern seit Monaten an fr i- schem Trachom gelitten. Darum scheint G r e e f f 's Annahme kaum begründet zu sein. In seinem zweiten Impffalle erzielte G r e e f f ein positives Resultat, indem die Konjunktiva schon am zweiten Tage nach der Impfung sich rötete und anschwoll und die Körner am 10. Tage erschienen. Nach zwei Wochen entwickelte sich das Bild eines stürmischen „akuten Trachoms". Nach 16 Tagen: „Es sieht aus, als wenn sich von oben her in der Kornea ein Pannus bilden wollte". Wegen des „bedrohlichen Zustandes" wurde von da an die Behandlung mit Cuprum-Stift (1 mal täglich) und mit Kompressen angewandt, welche fünf Monate gedauert hat. über die weitere Entwicklung des t Pannus berichtet G r e e f f nichts, und es ist anzunehmen, dass dieser nicht zustande gekommen ist. Ebenso fehlt jeder Hinweis auf Narben. Nur über das Ende der Behandlung erwähnt G r e e f f, dass ka- A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 27 tarrhalische Erscheinungen noch bestanden. Die Beschreibung der verimpften Krankheit überzeugt uns nicht davon, dass es sich um ein echtes Trachom gehandelt ha t : eher war es eine Schwimm- badkon j unktivitis oder ein Schwellungskatarrh. Wie B ä c k und G e r m a i x, hat auch O w u c i (1907) Ver- suche an der eigenen Bindehaut angestellt, und zwar zweimal: das erste Mal hat er mit dem Löffel die Oberfläche der Bindehaut eines Trachomkranken leicht abgekratzt und damit sein eigenes Auge ohne Resultat infiziert. Beim zweiten Male hat er den Folli- kelinhalt herausgenommen und in sein Auge eingeführt. Dieses Mal mit positivem Erfolge. Die entzündlichen Erscheinungen traten schon am dritten Tage auf. Aber im Sekret waren auch Bazillen zu finden, welche den K o c h - W e e k s ' s c h e n Bazillen ähnlich schienen. Die Follikel erschienen auch sehr f rüh, schon am 7. Tage nach der Infektion. Nach drei Wochen von der Infektion an gerechnet liess O w u c i sich behandeln, und darüber, wie die Krankheit später verlief, liegt kein Bericht vor. Pannus und Nar- ben werden nicht erwähnt, und man muss annehmen, dass sie nicht vorhanden gewesen sind. Da K o c h - W e e k s'sche Bazillen ge- funden wurden, ist es nicht ausgeschlossen, dass es sich hier um eine einfache K o c h - W e e k s -Konjunktivitis handelte. P e t e r s (1911) hat einer durch Leukom Erblindeten mit dem Material aus einem schwer-akuten Trachomauge die Krank- heit ins Auge übertragen. Im Auge entstand eine heftige Konjunk- tivitis mit schleimig-eitriger Sekretion, deren Ausgang war jedoch bloss eine leichte chronische Konjunktivitis. P e t e r s behauptet, dass das Trachom auch ohne Follikelbildung vorkomme, und hält darum die entstandene Konjunktivitis f ü r ein übertragenes Tra- chom. Von Follikeln, Pannus und Narben erwähnt P e t e r s in die- sem Falle nichts. Weiter haben Impfungen an Menschen gemacht: W a k i z a k a, N i c o l l e, C u e n o d und B l a i z o t (1912). Die letztgenannten drei Autoren haben mit abgekratztem Trachomma- terial, das sie 7 Tage lang in Glyzerin im Eisschrank gehalten hat- ten, noch ein typisches, allmählich entstandenes Trachom erzeugt. W a k i z a k a gelang es den Inhalt der Trachomkörner auf eine ge- sunde menschliche Bindehaut mit Erfolg zu übertragen, indem „Körner zum Vorschein kamen und P r o w a c z e k'sche Körperchen deutlich nachweisbar waren". Dagegen gelang die Übertragung mit Epithelien und Konjunktivalsekret nicht. Deshalb glaubt 28 JAAN UUDELT A XIX. i W a k i z a k a, dass die vermutlichen Trachomerreger höchst- wahrscheinlich in den Körnern nisten (zit. n. K r u m b a c h ) . Zu den experimentellen Trachom-Übertragungsversuchen möchte ich noch die von K a p u s c i n s k i (1921) veröffentlich- ten 55 Fälle von absichtlichen Übertragungen des Trachoms bei Stellungspflichtigen hinzurechnen. K a p u s c i n s k i fand als Schluss- befund 9 mal typisches Trachom,- 4 mal gröbere papilläre Hyper- trophie, 19 mal samtartige Beschaffenheit der Bindehaut, 8 mal follikulären Bindehautkatarrh und 20 mal normale Bindehaut. Trachomeinschlüsse waren in 27 Fällen und Bakterien von ver- schiedenen Arten fast in jedem Fall vorhanden. K a p u s c i n s k i misst den gefundenen Keimen keine ätiologische Bedeutung bei, obgleich unter ihnen allerdings die gewöhnlichen Konjunkti- vitiserreger zu finden waren, wie P n e u m o k o k k e n , K o c h - W e e k s - und M o r a x - A x e n f e l d-Bazillen. Ebenso wie P e t e r s hält auch K a p u s c i n s k i die Körner der Binde- haut nicht fü r ein notwendiges Zeichen des Trachoms. Auch zieht er keine scharfe Grenze zwischen Trachom, Follikularka- tarrh und akuter Konjunktivitis. Schon wegen dieser Anschau- ungen K a p u š c i n s k i ' s ist es schwer zu beurteilen, wieviel richtige Trachomfälle auf die 55 Angesteckten kamen. Bemerkt sei noch, dass es in einer Anzahl von Fällen zur spontanen In- fektion auch des zweiten Auges gekommen ist. Man möchte jedoch die gefundenen Keime kaum fü r bedeutungslos halten. Auch die unbeabsichtigten I n f e k t i o n e n d e r Ä r z t e m i t T r a c h o m m a t e r i a l , welche bei Ausquetschung der Körner sehr leicht zustande kommen können, werden in der Li- teratur als Beweis f ü r die Ansteckungsfähigkeit des Trachoms angeführt. Solche Fälle sind von K ü s e l , L i n d n e r , G i f - f o r d , M o r a x und P e t e r s beschrieben worden. In L i n d - n e r s Fall ist Trachomsekret dem Arzte ins Auge gespritzt und hat trotz sofortiger Beizung mit 2% Argentum nitricum-Lösung doch zur Erkrankung des Auges geführt. Auch in K ü s e 1 s Fall wurde das infizierte Auge bald ausgespült, und trotzdem er- krankte es in Form eines akuten Schwellungskatarrhs und trotzte jeder medikamentösen Behandlung, wobei es zur Bildung kleiner Körner und starker papillärer Hypertrophie kam. In P e t e r s ' (1926) Fall ist einem seiner Assistenzärzte beim Ausrollen der Trachomfollikel ein Partikelchen direkt ins Auge geflogen, und es ist zu einer „akuten, länger dauernden, schweren trachomverdächti- A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 29 gen Bindehautentzündung gekommen", ohne Pannus und ohne Nar- benbildung, also zu einer abortiven Form des Trachoms im Sinne von P e t e r s ' „follikelfreiem Trachom". G i f f o r d hatte sich selbst bei einer Trachomausquetschung infiziert. Die ersten Er- scheinungen traten am 8. Tage nach der Infektion ein. Die An- steckungsquelle war ein Trachom im atrophischen Stadium, wo nur einzelne Körner vorhanden waren. Ich habe hier kurz jene Fälle von absichtlichen und unabsicht- lichen Übertragungen des Trachoms vorgeführt, welche ich in der JeSc h er T 0 rgeSfen. mir erreichbaren Literatur gefunden habe. Das Impfmaterial haben fast alle Experimentatoren von frischem floridem Trachom genommen, welches allgemein fü r sehr ansteckend gilt. Es gibt aber auch Berichte über Fälle von Infektion mit Trachom, welche nicht durch Trachommaterial hervorgerufen sind. So hat P l a n g e (1925) d i e E n t s t e h u n g e i n e s T r a c h o m s b e i e i n e m A r z t e d u r c h H e r e i n g e l a n g e n v o n S p e i c h e l i n s Auge, so wie v o n P a r t i k e l c h e n von A d e n o i d e n d e s N a s e n r a c h e n r a u m e s , beobachtet. P l a n g e berichtet wörtlich: „Eine ausserordentlich seltene Entstehungsursache eines Trachoms konnte ich vor einem Jahr beobachten: Ein Spe- zialarzt f ü r Nasen- u. s. w. Krankheiten räumte adenoide Wuche- rungen im Nasenrachenraum aus. Der Patient hustete bei der Operation die Massen dem Kollegen ins Auge. Es entstand im Anschluss daran e i n T r a c h o m h a r t n ä c k i g s t e n C h a - r a k t e r s , das mehrere Monate zur Heilung bedurfte. Bei der anatomischen Ähnlichkeit des Trachomfollikels mit den Follikeln der Vegetationen ist die Annahme gestattet, dass die Halsfolli- kelinfektion direkt den Trachomfollikel erzeugt hat." Einen ganz analogen Fall fand ich von K r ü d e n e r beschrie- ben : „Ich habe eine akute Erkrankung der Konjunktiva mit m ä c h t i g e r F o l l i k e l b i l d u n g in der oberen wie unte- ren Übergangsfalte bei einem Arzte gesehen, dem beim Laryn- goskopieren ausgehustetes eitriges Sekret in das Auge gelangt war. Die Konjunktivitis t rat vierundzwanzig Stunden nach er- folgter Infektion auf, die Follikel aber schwanden nach 10 Tagen völlig und die Schleimhaut erlangte in dieser Zeit völlig normale Beschaffenheit, ohne später irgend welche Veränderungen zu zeigen." K r ü d e n e r selbst ist der Meinung, dass der akute Verlauf und die schnelle und definitive Heilung der Erkrankung nicht berechtige diese fü r Trachom zu halten. Er habe nach In- 30 JAAN UUDELT A XIX. i jektion von Staphylokokkenreinkultur in die Konjunktiva bei Katzen deutliche Follikelbildungen gesehen, welche nach wenigen Wochen zurückgingen, ohne Degeneration der Bindehaut zu ver- ursachen. Also seien die Ursachen der Follikelbildungen mannig- fach, und deswegen sei auch ihr Verlauf verschieden. Die Fälle von P l a n g e und K r ü d e n e r entsprechen voll- ständig dem, was mir ein Spezialkollege erzählt hat : Der Kollege hatte während des Krieges eine Anzahl von dienstpflichtigen jun- gen Männern vor der Einberufung beobachten können, welche sich mit Trachom infizieren wollten, was ihnen aber durch ein- fache Übertragung des Sekrets oder Eiters aus den Augen der Trachomkranken auf die eigene Konjunktiva nicht gelungen war. Nur wenn sie ihre Augen mit Speichel oder mit dem dem Zahn- stein anhaftenden Belag gleichzeitig mit Trachomsekret infizier- ten, bekamen sie Konjunktivitis mit Follikelbildungen, welche dem echten Trachom sehr ähnlich aussah. G i a l l o m b a r d o (1925) berichtet über ähnliche Fälle bei Militärpflichtigen. Es wurden nämlich 19 Menschen mit Trachom vom Militärdienst be- freit , welche es nach ihren ersten Angaben im Dienst erworben hatten. Es stellte sich aber später heraus, dass sie ihre Augen- krankheit künstlich durch mechanische Reizung der Binde- haut mit Rizinussamen, Tabaksstaub, Ipekakuanha u. s. w. erzeugt hatten. G i a l l o m b a r d o sagt, dass das klinische Bild der Krankheit dem Trachom sehr ähnlich, die Krankheit aber doch nicht als echtes Trachom anzusehen sei. Pannus hat er nicht beobachtet, wohl aber Narben, welche sich auf den Tarsus be- schränkten bei freier Übergangsfalte (Zentralbl. f. d. g. 0. Bd. 16). Klinisch dem Trachom ähnliche Bilder findet man oft nach Reizung durch einen Fremdkörper im Bindehautsack. Sie ver- schwinden aber schnell nach Entfernung des Fremdkörpers, hinterlassen auch keine Narben und verursachen wegen ihrer kurzen Dauer keine f ü r das Trachom charakteristischen Kompli- kationen. Auch die Trachomkranken geben nicht selten an, dass ihre Krankheit nach Hineingelangen eines Fremdkörpers in den Bindehautsack entstanden sei. Solche Angaben der Kranken muss man wohl so deuten, dass das Trauma nur den Boden fü r die fol- gende Infektion vorbereitet, nicht aber fü r sich allein die Ent- wicklung der bösartigen, nicht rückbildungsfähigen Follikel, wie sie bei Trachom auftreten, hervorzurufen imstande ist. A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 31 Eine besonders interessante Stellung in der Entstehungs- bfeM r̂hrt?- frage des Trachoms nehmen die „ E i n s c h l u s s b l e n n o r - r h ö e " und die „ S c h w i m m b a d k o n j u n k t i v i t i s " ein, welche von W o l f r u m , L i n d n e r , O g u c h i und anderen als verwandte Einschlusskrankheiten angesehen werden. Bei diesen beiden Bindehautkrankheiten sind fü r Trachom charakteristische Einschlüsse in den Epithelzellen zu finden, und alle drei rufen pa- pilläre Hypertrophie mit Follikelbildung hervor. Alle sind sie ansteckend mit einer Inkubationszeit von 7—14 Tagen. Die kli- nische DifFerentialdiagnose ist nicht immer gleich von vornherein möglich, wegen der Ähnlichkeit des klinischen Bildes dieser Krank- heiten untereinander, und erst der weitere Verlauf und haupt- sächlich der Endausgang ermöglichen sie voneinander zu diffe- renzieren. Die Einschlussblennorrhöe und die Schwimmbadkon- junktivitis heilen ohne Narben zu hinterlassen und ohne einen Pannus zu bilden. Beim heutigen Stande unserer Kenntnisse von den follikulären Krankheiten der Bindehaut, die nach der Behand- lung restlos zurückgehen, können wir also nicht urteilen, ob es sich um die eine oder die andere gutartige Konjunktivitis mit Follikelbildung oder um ein abortives Trachom ( P e t e r s ) han- delt. Im allgemeinen wird angenommen, dass das Trachom immer in die Tiefe der Bindehaut übergreift und daher trotz der Be- handlung auch Narben bilden oder sich mit Pannus komplizieren muss! ) . Seitdem von S t a r g a r d t und H e y m a n n in den Epithel- zellen der Bindehaut bei Blennorrhoe der Neugeborenen dieselben Einschlüsse wie bei Trachom entdeckt worden sind, hat man ver- sucht auch diese Krankheit bei Tieren und Menschen experimentell durch Übertragung des Sekrets hervorzurufen. B o t t e r i und L i n d n e r haben mit dem Sekret der Neu- geborenen-Blennorrhöe mit Einschlüssen Affen geimpft und fast immer positive Erfolge erzielt. B o t t e r i (1912) impfte-zwei x) H e r b e r t und W o 1 f r u m behaupten, dass bei Einschlussblen- norrhöe der Neugeborenen die Follikelbildung- manchmal deswegen aus- bleiben könne, weil die Bindehaut in der adenoiden Schicht in den ersten Le- bensmonaten noch sehr wenig entwickelt sei, wie es von S a t t l e r und an- deren Forschern schon früher konstatiert worden ist. Die Neugeborenen zeigen bei Einschlussblennorrhöe zwar sehr starke papilläre Hypertrophie, die Follikel aber sind spärlich und klein. Dasselbe beobachtet man auch bei der Gonokokkenblennorrhöe der Neugeborenen im Gegensatz zu der Gonokokkenblennorrhöe der Erwachsenen. 32 JAAN UUDELT A XIX. i Paviane und einen Macacus rhesus. Alle drei Tiere erkrankten (am 3., 6. und 11. Tage) an einer Konjunktivitis mit Schwellung der Bindehaut und starker Sekretion. Die sulzigen Körner er- schienen nach Abschwellen der Bindehaut um die fünf te Woche hauptsächlich auf der oberen Übergangsfalte. Die Bindehaut- reizung und die Körner bestanden bis zum Tode des Tieres im Anfang des fünften Monats. „Der histologische Bau der Folli- kel^rwies sich jenem eines Trachoms ganz gleich, und zwar waren in den Randteilen des Kornes hauptsächlich die Lymphozyten ge- lagert, während in der Mitte die einkernigen Leukozyten und die epitheloiden Zellen vorherrschten . . . " L i n d n e r's Impferfolge sind alle ebenso positiv ausgefallen (12 Versuche), desgleichen auch H e y m a n n's 13 Impfungen. W o 1 f r u m (1910) impfte mit dem Sekret der Einschlussblennorrhöe zwei Blinde und erzielte in beiden Fällen einen positiven Erfolg: nach 9 Tagen erschienen im Sekrete der Geimpften die Einschlüsse und im weiteren Ver- laufe entwickelte sich das „klinische Bild eines echten Trachoms". Die Follikel erschienen ziemlich früh, etwa eine Woche nach der Infektion. „Die beiden Trachome sind durch energische und gründliche Behandlung bereits wieder zur Abheilung gebracht." G e b b hat Einschlussvirus auf die Konjunktiva des Menschen geimpft (12 Personen!), wohl mit langwieriger Entzündung und Follikelbildung, doch ohne Narben oder Pannus. Ebenso ist es bei zufälligen, von L i n d n e r beobachteten Infektionen mit Ein- schlussblennorrhöe-Virus der menschlichen Konjunktiva (6 Fälle) kein einziges Mal zu Pannus oder Narben gekommen, wohl aber zum klinischen Trachombilde mit Follikeln. Nach O g u c h i soll W a k i z a k a das Sekret der Einschluss- blennorrhöe auf die Bindehaut Erwachsener übertragen und da- durch eine akute Konjunktivitis erzielt haben, welche „dem aku- ten Trachom ganz ähnlich" ausgesehen habe, wobei sich auch die P r o w a c z e k'schen Körperchen feststellen Hessen. Auf eine Kon- junktiva mit einem chronischen Trachom übertragen, erzeugte dasselbe Sekret ein Aufflackern des Trachoms und die Einschluss- körperchen, welche bisher nicht vorhanden waren, tauchten im Sekrete auf. O g u c h i, W o l f r u m , L i n d n e r sind der Meinung, dass die Einschlüsse der Einschlussblennorrhöe von den Genitalien stammen und dass sie die echten Erreger sowohl der Blennorrhoe als auch des echten Trachoms seien. Wie schon L i n d n e r gezeigt hatte, dass durch Infektion mit dem Sekrete A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 33 vom Trachom eine Urethritis oder Vulvitis mit Einschlüssen sich - erzeugen lässt, so hat auch W a k i z a k a mit dem Sekrete der Blennorrhoe, ohne Gonokokken- und anderen Bakterien-Gehalt, eine Urethritis beim Manne hervorgerufen, was ihm, im Gegen- satz zu L i n d n e r, mit dem Sekret des Trachoms nicht gelungen ist (siehe auch T h i m: Z. f. A., Bd. 67, 1929). Nach W o 1 f r u m ist Einschlussblennorrhöe der Neugeborenen nichts anderes als ein akutes Trachom, welches seine Entstehung der Infektion mit dem Schleime der mütterlichen Genitalien während des Geburts- aktes verdankt. Ihre Inkubationsdauer ist immer länger als die der Gonokokkenblennorrhöe und beträgt mindestens 7 Tage, meistens aber noch mehr. Dass sie bei Neugeborenen keine Narben hinter- lässt, muss wohl durch die anatomischen und histologischen Eigen- schaften der Bindehaut erklärt werden. Mit Einschlussblennorrhöe und Trachom wird öfters noch koniSivuS die „ S c h w i m m b a d k o n j u n k t i v i t i s " identifiziert, bei der man Einschlusskörperchen von demselben Aussehen findet, wie bei den beiden erstgenannten Krankheiten. Die Schwimmbad- konjunktivitis, welche durch Benutzung gemeinsamer Schwimm- bäder hervorgerufen wird, unterscheidet sich dem klinischen Bilde nach kaum vom Trachom. Sie lässt sich von ihm erst nach ihrem Verlaufe unterscheiden, weil sie keine Narben der Bindehaut und keinen Pannus der Hornhaut verursacht und weil Epidemien auch in trachomfreien resp. -armen Gegenden (Freiburg i. B., Köln, Magdeburg) beobachtet worden sind. Der erste Beobachter von „Schwimmbadkonjunktivitis" P. S c h u l t z (1900) hat sie auch zu dem Trachom gerechnet und als eine „Trachomepidemie" be- schrieben. Ers t F e h r (1900) gelang es die Schwimmbadkon- junktivitis vom Trachom zu differenzieren und zu beweisen, dass während derselben Epidemie alle Kranken durch Baden in einer und derselben Badeanstalt oder in ein und demselben Bassin sich angesteckt hatten. P a d e r s t e i n und H u n t e m ü l l e r konsta- tierten bald Einschlüsse im Konjunktivalsekrete, und ihnen ge- lang es auch die Krankheit auf Affen zu übertragen. Es stellte sich später heraus, dass es eine ,,Schwimmbadkonj unktivitis" auch ohne Schwimmbad geben kann ( A u s t , C o r n b e r g , L e u - b u s c h e r , F o d o r ) . Die späteren Forscher konnten feststel- len, dass sie sich auch auf anderen Wegen verbreiten kann, wie: vom Kinde auf die Mutter, vom Kranken auf den Arzt, auf direk- tem Wege und auch durch Geräte, Wäsche u. s. w. Ihre Inku- 3 34 JAAN UUDELT bationszeit beträgt 7—14 Tage; ihr Verlauf dauert von einigen Wochen bis zu mehreren Monaten: 6—8 Monate und mehr. Auch das Virus der Schwimmbadkonjunktivitis soll nach E n - g e l k i n g , P a d e r s t e i n, C o r n b e r g und manchen anderen Autoren aus den Genitalien stammen. E n g e 1 k i n g hält die Schwimmbadkonjunktivitis und die Neugeborenenblennorrhöe fü r identische Krankheiten,, welche aber ihres gutartigen Charak- ters wegen vom Trachom streng getrennt werden müssen. E n - g e l k i n g führ t einen Fall von Ansteckung eines Arztes mit dem Sekret eines blennorrhoischen Kindes an, wo die Krankheit unter dem Bilde der Schwimmbadkonjunktivitis verlief. Es gibt noch eine altbekannte follikuläre Krankheit der Binde- haut, welche wegen ihrer scheinbaren Ähnlichkeit leicht mit Tra- chom verwechselt werden kann: der „ F o l l i k u l a r k a t a r r h", über dessen Wesen und Pathogenese die Forscher bis in die neueste Zeit hinein nicht ausnahmslos sich in ihren Meinungen geeinigt haben, trotzdem dass seit dem Streite zwischen Unita- risten und Dualisten schon über dreissig Jahre verflossen sind. Damals wurde der Kampf zu Gunsten der Dualisten entschieden. Trachom wurde fü r eine Krankheit sui generis und zum Unter- schiede vom Follikularkatarrh fü r ansteckend erklärt. Aus ei- nem Follikularkatarrh könne sich nie ein Trachom entwickeln. Als „Follikularkatarrh" wurden die unschuldigen Follikelbildun- gen der Bindehaut anerkannt, welche man besonders bei in ge- schlossenen Anstalten Untergebrachten und bei Schulkindern in ungünstigen Lebensverhältnissen beobachten kann. Ihre Ur- sache wurde nicht in einem infektiösen Virus erblickt, sondern: in einer schlechten, verbrauchten, Staub und Ammoniak enthal- tenden Luft. Doch hat der Unitarismus bis in die neueste Zeit hinein seine Anhänger nicht ganz verloren, auch unter bedeuten- den Ophthalmologen ( P e t e r s , E l s c h n i g , A n g e l u c c i ) . Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass es auch einen infektiösen Follikularkatarrh geben kann. Es sind richtige Epidemien von Follikularkatarrh von A x e n f e l d, L i n d n e r , P i l l a t u. a. beobachtet und beschrieben worden. Heute wissen wir ja, dass verschiedene Noxen — infektiöse, chemische, traumatische und selbst allgemein ungünstige Gesundheitszustände, wie Anämie — follikuläre Bildungen auf der Bindehaut hervorrufen können. Je nach der ihn verursachenden Noxe kann ein Follikularkatarrh nicht infektiös und auch infektiös sein. Trotz vielfacher erfolg- A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker loser Impfungen solcher Follikel (von S a m p e r i , L i n d n e r , G r e e f f und M a y w e g ) sind andererseits mehrere Impfungen mit Erfolg ausgeführt worden ( M i c h e l , W i l b r a n d - S a e n - g e r - S t a e h e l i n , A x e n f e l d, B e a 1). A x e n f e l d hat eine Endemie des Follikularkatarrhs in einem Waisenhaus in Marburg beobachtet, wo die Mehrzahl der Kinder an ihm litt. Bei geringem Reizzustande waren die Bindehäute, besonders die Übergangsfalten, reichlich mit stark hervortretenden Follikeln bestreut. Das Sekret soll von gewöhnlichen Konjunktivitis- erregern frei gewesen sein. Überzeugt, dass es sich, nicht um eine Trachomepidemie handelte, hat A x e n f e l d sein eige- nes Auge infiziert, indem er einen Follikel von einem kranken Kinde in seinen eigenen Konjunktivalsack überpflanzte, um sich von der Ansteckungsfähigkeit des follikulären Katarrhs zu über- zeugen. Ich führe hier dieses hochinteressante Experiment wört- lich nach A x e n f e 1 d's eigener Beschreibung an, weil es die An- steckungsfähigkeit des Follikularkatarrhs und die Schwierigkeit seiner Unterscheidung vom Trachom auch seitens solcher Kenner des Trachoms, wie J. H i r s c h b e r g , uns vor Augen führt . „In der festen Überzeugung, dass es sich nicht um Trachom handle, habe ich einen Follikel exzidiert und in meinen linken unteren Konjunktivalsack eingelegt, ohne denselben zu irritieren. Wie lange der implantierte Follikel dort geblieben ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich habe hinterher nichts weiter gespürt, aber nach 10-tägigem negativem Befund begann eine Follikelbildung in der anfangs fast reizlosen Bindehaut, die langsam progressiv von unten auf die Bindehaut des oberen Lides übergriff und die ganze obere Übergangsfalte durchsetzte. 3 Wochen darauf setzte der gleiche Prozess auf dem anderen, rechten Auge ein, die Folli- kelbildung griff auch hier auf das Oberlid über und besetzte die ganze Übergangsfalte, während die Tarsalbindehaut beiderseits nur leicht papillär wurde, aber gröbere Körner nicht zeigte. Eine Therapie unterliess ich absichtlich. Als ich etwa nach 3 Mona- ten auf dem Heidelberger Kongress 1896 erschien, waren meine beiden Augen in annähernd gleichem Grade erkrankt. In der Demonstrationssitzung wurde meine Bindehaut von einer ganzen Reihe von Autoritäten besichtigt und von der Mehrzahl ohne weiteres f ü r ein „ T r a c h o m" erklärt, so. von H i r s c h b e r g , A. v. H i p p e 1, V o s s i u s. A. v. H i p p e 1 äusserte sein leb- haftes Bedenken, dass ich durch diese Impfung meine Laufbahn 36 JAAN UUDELT A XIX. i aufs Spiel gesetzt hätte. V o s s i u s riet mir, mich einer ausge- dehnten galvanokaustischen Zerstörung der Follikel zu unter- werfen, von anderer Seite wurde mir die Exzision der Übergangs- falten vorgeschlagen, von vielen Seiten jedenfalls eine energische Trachomtherapie. Ich bin auf alle diese Vorschläge nicht einge- gangen, in der Überzeugung eines spontanen günstigen Endes und im Interesse ungestörten Ablaufs der Beobachtung. Nur einmal hat mein damaliger verehrter Chef U h t h o f f mir die Konjunktiva etwas mit dem Kupferst if t touchiert, was aber auf den Verlauf keinen Einfluss hatte. Sonst habe ich mich darauf beschränkt, die Lidränder äusserlich abends mit etwas gelber Salbe einzusalben, aber jede Konjunktivaltherapie unterlassen. Sekretion bestand nicht oder nur gering, wohl aber Fremdkörper- gefühl und eine erhebliche Empfindung der Lidschwere. . . Den ganzen Winter hindurch erhielt sich der Zustand auf der Höhe, dann ging er langsam zurück, und nach einer Zeit von im ganzen etwa Iy2 Jahren war auf beiden Augen die ganze Bindehaut wieder völlig normal geworden ohne irgend welche Spuren oder Narben, und so ist es geblieben bis heute. Die Corneae haben sich niemals beteiligt." Ebenso ist auch in dem Waisenhause die Epidemie, freilich erst nach langer Dauer (2 Jahre), vergangen. Bei keinem von den Kin- dern ist Narbenbildung oder Pannus bemerkt worden. A x e n f e l d ist der Meinung, dass es sich bei ihm nicht um ein gutartiges Trachom gehandelt hat, sondern um einen infektiösen Follikular- katarrh. Von B e a l s drei Übertragungen von Conjunctivitis folli- cularis auf die gesunde Bindehaut steckte eine an. Vom infizier- ten Auge aus erkrankte spontan auch das andere Auge. Beide heilten wieder sehr schnell. Oben habe ich versucht in aller Kürze eine Übersicht der Übertragungsversuche von Trachom und anderen trachomähn- lichen follikulären Entzündungen der Bindehaut nach den Daten der experimentellen Forscher zu geben, welche diese Versuche an Tieren und Menschen ausgeführt haben. Selbstverständlich kann die von mir angeführte Versuchsreihe nicht auf Vollständigkeit Anspruch machen, weil die mir zugängliche Literatur nicht alle Quellen umfasst und weil die Zahl der Experimente, beson- ders in der Epoche nach der Entdeckung der Einschlusskörper- A XIX. i Uber das Blutbild Trachomkranker 37 chen, und besonders an Tieren, eine ausserordentlich grosse ist. Ich habe mich bemüht, neben den negativ ausgefallenen Ver- suchen besonders solche mit positivem Erfolge vorzuführen, auf welche die Forscher in ihrer Beweisführung der Übertragbarkeit und der Spezifität des Trachoms als einer Krankheit sui generis sich berufen ( S a t t l e r , A d d a r i o, G r e e f f ) . Da die zufälli- gen oder absichtlichen Übertragungen von sicher n i c h t tra- chomatösem Material die gleichen Bilder wie das experimentelle Trachom hervorgerufen haben, so habe ich auch diese Versuche referiert, um zu zeigen, dass die Frage der Erzeugung des experi- mentellen Trachoms viel komplizierter ist, als man im allgemei- nen annimmt. Die Resultate der excperimentellen Trachomforschung führen Trachomer- reger. alle zu dem Schluss, dass der vermutliche E r r e g e r d e s T r a - c h o m s nicht gefunden ist. Die von H a l b e r s t ä d t e r und P r o w a c z e k (1907) auf der Insel Java und von ihnen unab- hängig und gleichzeitig von G r e e f f (1907) entdeckten Ein- schlüsse in den Epithelzellen der trachomatösen Bindehaut kön- nen nach den bisherigen Erfahrungen nicht als Trachomerreger gelten ( N i c o l l e , T r a p e s o n z e w a), obgleich sie seinerzeit grosse Hoffnung auf die Spur des Trachomerregers zu kommen ge- weckt haben und noch jetzt von vielen Trachomforschern (L i n d - n e r , M a j i m a , N o g u c h i ) f ü r den gesuchten Erreger gehalten werden. Wenn man sich auf den herrschenden dualistischen Standpunkt stellt, dann müssten sie sich nur bei Trachom finden lassen. Das hat sich aber tatsächlich nicht als richtig erwiesen. Die späteren Forschungen stellten das Vorhandensein von Ein- schlüssen ausser bei Trachom auch bei vielen anderen Bindehaut- entzündungen fest, wie: sowohl gonokokkenfreie, als auch gonokok- kenhaltige Blennorrhoe der Neugeborenen ( S t a r g a r d t , W o l f - r u m , P r o w a c z e k, H a l b e r s t ä d t e r , F l e m m i n g), „Epi- theliosis desquamativa" ( L e b e r , P r o w a c z e k) , Schwimmbad- konjunktivitis ( H u n t e m ü l l e r , C o r n b e r g , E n g e l k i n g ) , Follikularkatarrh ( P a s c h e f f, F l e m m i n g), Frühjahrs- katarrh (L i n d n e r ) , Schweinepest (U h 1 e n h u t h). Ausser bei Konjunktivalkrankheiten sind solche Einschlüsse ferner bei Urethritiden des Mannes ( L i n d n e r , T h i m ) und bei Cervixka- tarrh des Weibes ( H e y m a n n ) gefunden worden. Die neueren For- scher (Cornberg, P i l l a t , Oguchi ) weisen wieder daraufh in , dass sie Einschlusskörper nur bei Trachom, Einschlussblennorrhöe und 38 JAAN UUDELT A XIX. i Schwimmbadkonjunktivitis haben finden können. Bei Trachom fin- den sie sich nicht immer, höchstens nur in circa 50—60% und nur kurze Zeit, ungeachtet dessen, dass das Trachom an sich ein exquisit chronisches Leiden darstellt. Alle Versuche die Ein- schlusskörperchen zu kultivieren sind fehlgeschlagen (wenn man die Berichte von N o g u c h i - C o h e n und M a j i m a nicht berücksichtigt, da seit ihrer Bekanntmachung, die vor Jahren erfolgte, nichts von der Sache zu hören gewesen ist). Über die Natur der Einschlusskörperchen (ob sie belebte Wesen oder ir- gendwelche künstliche oder Zerfallsprodukte der Zellen darstellen) herrscht keine allgemein anerkannte Anschauung. L i n d n e r und seine Schüler wollen in ihnen Mikroorganismen sehen, welche aus den Genitalien stammen, in Tausenden von Jahren sich an die menschliche Bindehaut des Auges angepasst haben und zu spezifi- schen Bindehautparasiten geworden sind, während H e r z o g sie einfach als Mutationsformen resp. Evolutionsformen der Gono- kokken ansieht. Dagegen halten N i c o l l e , S z i l y und T r a - p e s o n z e w a sie fü r zweifellose Zerfallsprodukte der Zellen. Beide Anschauungen sind nicht bewiesen, sondern rein spekulative Hypothesen ohne experimentelle Grundlage. N o g u c h i soll es neulich gelungen sein, aus dem Konjunkti- valsack von Eingeborenen von Neu-Mexiko, die an Trachom litten, auf tierserum- und hämoglobinhaltigem Nährboden wachsende gramnegative, kleine, polymorphe, unter bestimmten Bedingun- gen bewegliche Stäbchen („Bacterium granulosis") zu isolieren, deren Impfung in reiner Kultur an Affen in 8 von 12 Fällen zu einer chronischen Körnerkon junktivitis in 2—4 Wochen nach der Inokulation geführt habe. In 2—5 Monaten soll sich das Bild des frischen Trachoms entwickelt haben, wobei das andere, nicht geimpfte Auge sich bei drei Affen spontan vom ersten Auge aus infiziert habe, und in einem Falle nach 7 Monaten Narben zurück- geblieben seien. Dasselbe Stäbchen soll manchmal aber nur einen kurzdauernden Reizzustand der Bindehaut, oder auch eine länger- dauernde Konjunktivitis erzeugt haben. Die Mitteilung von N o - g u c h i ist noch zu frisch (1928), um eine Stellungnahme zu ihr zu rechtfertigen. Da solche Mitteilungen schon früher (Schie le) vorgekommen sind, wonach es dem Autor angeblich gelungen war das Trachomvirus zu entdecken, zu kultivieren und sogar einen ex- perimentell positiven Impferfolg zu erzielen, während sich diese Behauptungen späterhin als irrtümlich erwiesen haben, so muss A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 39 man sich auch zu N o g u c h i's Mitteilung skeptisch verhalten 1 ) . Der vermutliche Erreger des Trachoms ist auch von älteren Auto- ren ( M i c h e l , S a t t l e r , C z a p l e w s k i) angeblich mehrfach gefunden und als solcher beschrieben worden, doch mussten die Au- toren selbst nach den Kontrollen eingestehen, dass es sich nicht um den wirklichen Trachomerreger gehandelt habe, sondern eher um zufällige Saprophyten der Bindehaut. Ebenso muss ich gegenüber der vorläufigen Mitteilung von T h i m („Über einen Protozoen- befund bei akutem Trachom" (1928)) eine skeptische Stellung ein- nehmen. Der spezifische Erreger des Trachoms bleibt uns unbekannt, und wenn er überhaupt existiert, so muss er ein solcher sein, der sich mit unseren heutigen Forschungsmitteln (Ultramikroskop — R ä h l m a n n ) und Methoden nicht feststellen lässt. Denn alle diese Mittel und Methoden sind schon längst von erstklassigen Forschern versucht und geprüft worden, ohne zu irgendwelchem positivem Erfolge zu führen. Dass der Erreger filtrierbar und ultravisibel ist, wie es von manchen Forschern ( N i c o I l e - C u e n o d - B l a i z o t, A x e n f e l d, G e b b ) angenommen wird, ist noch nicht mit Sicherheit bewiesen ( H e s s , R ö m e r , P f e i f - f e r , K u h n t ) . Auch die S e r o l o g i e ist zur Trachomforschung herange- Forihunj'en 1J N o g u c h i ' s Ergebnisse der Trachomübertragung mit Kulturen seines „ B a c t e r i u m g r a n u l o s i s " auf die Bindehaut der AfFen sind auf Veranlassung des Fortsetzers der N o g u c h i'schen Forschungen, Dr. P r o c t o r, von L i n d n e r geprüft worden, welcher zu diesem Zweck aus Wien nach New-York und nach Albuquerque in Neu-Mexiko fuhr (1929), um die Trachomkranken, von welchen N o g u c h i das Material zu Kulturen entnommen hatte, und die geimpften AfFen an Ort und Stelle zu unter- suchen. Von fünf Kindern, von deren Konjunktiva N o g u c h i „Bacterium granulosis" gezüchtet hatte, konnten von L i n d n e r vier untersucht wer- den. Es erwies sich, dass zwei Kinder vollständig normale Bindehäute be- sassen, ohne jegliche Spur von Trachom. • Die übrigen zwei Kinder zeigten allerdings Merkmale eines in Vernarbung begriffenen Trachoms. Auch die geimpften Affen hatten kein Trachom, wohl aber zeigten sie das Bild einer ty- pischen Bindehautfollikulose mit einzelnen Follikeln bei normaler Bindehaut, ohne entzündliche Erscheinungen. Narben und Pannus bei den geimpften Affen, über die N o g u c h i in seiner Arbeit berichtet hatte, konnten von L i n d n e r nicht beobachtet werden. L i n d n e r ist überzeugt, dass das „Bacterium granulosis" kein Trachomerreger ist, wohl aber kann es ein Er- reger des infektiösen Bindehautkatarrhs sein (Arch. f. O., Bd. 122, 1929. Vgl. auch meinen Artikel im „Eesti Arst" 1929, Nr. 2). 40 JAAN UUDELT A XIX. i zogen worden. R ö m e r und L e b e r bemühten sich vergebens Antikörper im Blute der Trachomkranken mit Hilfe von Komple- mentablenkungs-Reaktion ausfindig zu machen. Nach langer Ruhezeit hat die Frage neulich wieder lebhafte Bearbeitung in verschiedener Richtung und seitens zahlreicher Forscher gefunden ( K l e c z k o w s k i , K a r e l u s, S g r o s s o, A n g e l u c c i, T r i - c o i r e , V i s s i c h , V a n c e a , G a n g i , B e s s o , M i k a e l j a n , F i l a t o w und Z y k u l e n k o ) . Im Jahre 1923 hat T r i c o i r e die allergische p e r k u t a n e R e a k t i o n , analog der Pirquet-R., an Trachomkranken mit einem aus Trachomfollikeln extrahier- ten Antigen hervorgerufen und hat gefunden, dass Trachomkranke, im Gegensatz zu den Nichttrachomatösen, auf sein Antigen nach intrakutaner Injektion in 24—48 Stunden mit einer schmerzlosen papulösen Rötung der Haut reagierten. Die Zahl der von ihm Geprüften war zu klein, um irgendwelche Konsequenzen daraus ziehen zu können. M i k a e l j a n prüfte T r i c o i r e's Methode an einer grösseren Krankenzahl (74) und kontrollierte sie an ge- sunden und an nichttrachomatösen Personen. E r konnte die Er- gebnisse von T r i c o i r e nur teilweise bestätigen, indem sich die Reaktion in 68% an Trachomkranken als positiv erwies, — an ge- sunden oder nicht an Trachom leidenden Kontrollpersonen nur in 14% (7 :50). Es erwies sich dabei, dass Trachomkranke mit ausgesprochenem Status lymphaticus alle negativ oder höchstens verdächtig (-) ) (1 : 24) reagierten. Weiter wandte M i k a e l - j a n anstatt des trachomatösen ein aus adenoidem Gewebe präpa- riertes Antigen bei Trachomkranken mit und ohne Status lympha- ticus an, und kam bei beiden Kategorien der Versuchspersonen zu den gleichen Ergebnissen. Die Reaktion fiel bei allen so wie bei den Gesunden negativ aus. Die Wirksamkeit des Antigens ging durch Inaktivieren während einer halben Stunde bei 50° C verloren. Interessant ist es zu notieren, dass nach M i k a e l j a n von 24 Tra- chomkranken mit lymphatischem Status und mit negativer T r i - c o i r e - R e a k t i o n nach P i r q u e t 19 positiv reagierten, was den Ergebnissen der Untersuchung der klinisch tuberkulosefreien Trachomkranken von M a u c i o n e auf Pirquet-R. entspricht (von 61 positive P.-R. 49). (Auf diese Frage werde ich unten bei der Besprechung der Skrophulose näher zurückkommen.) Wenn die T r i c o i r e - R e a k t i o n sich bei weiteren Kontrollunter- suchungen als richtig erwiese, so würden wir in ihr ein wichtiges differentialdiagnostisches Mittel f ü r die Trachomdiagnose haben A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 41 und vielleicht auch fü r die Klärung der Konstitutionsfrage bei Tra- chom. K l e c z k o w s k i und K a r e l u s untersuchten serologisch das Blut von Trachomkranken auf seine biologischen Eigenschaf- ten. Sie fanden, dass das Blut der Trachomkranken von dem der Gesunden oder Nichttrachomatösen in seinen biologischen Eigen- schaften verschieden ist. Es besitzt eine grössere Toxidität, als das normale Blut. Den Kaninchen eingespritzt, erwies sich das Tra- chomblut giftiger als das normale. Seine hämolytische Wirkung auf die Hammelblutkörperchen ist bedeutend grösser als die des nor- malen Blutserums. Umgekehrt sind seine Blutkörperchen nach K l e c z k o w s k i und K a r e l u s weniger widerstandsfähig ge- genüber der hämolytischen Wirkung des Kaninchenblutserums, als die Erythrozyten des normalen Blutes. Die hämolytische Wirkung des normalen Kaninchenblutserums auf die Erythrozy- ten des Trachomblutes konnte durch Sensibilisierung der Ka- ninchen mit trachomatösem Antigen bedeutend gesteigert werden, und die Blutkörperchen des Trachomblutes erwiesen sich gegen- über diesem Kaninchen-Serum als hämolytisch besonders labil, be- deutend labiler als die Erythrozyten der gesunden Menschen. Alle diese Versuche beweisen angeblich nach K l e c z k o w s k i und Ka- r e 1 u s, dass das Blut der Trachomkranken an irgendwelchen toxi- schen Stoffen, Albuminen, reicher ist als das normale Blut. Es ist den Verfassern nicht gelungen diese Stoffe näher zu bestimmen. Die Ergebnisse von K l e c z k o w s k i und K a r e l u s konnten von V i s s i c h in gewissem Masse bestätigt werden, doch erwies sich das hämolytische Verfahren ebenso wie das von ihm geprüfte Kom- plementablenkungs-Verfahren als f ü r praktische Zwecke noch un- sicher und darum nicht verwendbar. Diese Verfahren „geben in zweifelhaften Fällen keinen ganz bestimmten Aufschluss und müss- ten noch verbessert werden, um in der Praxis eine ausgedehnte Verbreitung zu erzielen" (zit. n. Ref.). Zu einem ganz entgegen- gesetzten Schluss gegenüber den vorgenannten Forschern ist nach zahlreichen eigenen Untersuchungen G a n g i gekommen. Ihm gelang es nicht, eine biologische Differenz zwischen normalem Serum und dem Serum von Trachomkranken in verschiedenen Stadien in Bezug auf die hämolytische Wirkung zu finden; auch physikalisch-chemisch (Kryoskopie, Viskosität u. a.) Iiess sich kein Unterschied zwischen normalem und trachomatösem Blute feststellen. — Die von S g r o s s o und V a n c e a geprüfte Kom- plementbindungsreaktion nach B o r d e t hat zu widersprechenden 42 JAAN UUDELT A XIX. i Resultaten geführt. Gegenüber den Erfolgen von S g r o s s o , , welcher unter 28 Fällen 22 mal positive Komplementbindung mit dem trachomatösen Antigen an Trachomserum erzielte, erreichte V a n c e a nur in 12,5% ein positives Resultat, und auch das nur bei „adenoiden Individuen". Als Antigen benutzten beide Autoren einen Auszug aus trachomatösem Gewebe und parallel auch aus anderen adenoiden Vegetationen, ohne Unterschied in der Wir- kung. H o r v a t h bestimmte die Senkungsgeschwindigkeit der Blutkörperchen verschiedener Augenkranker, darunter auch vie- ler trachomatöser, und konnte keine spezifischen Abweichungen bei denselben beobachten. Die Senkungsgeschwindigkeit war ganz individuell verschieden und zeigte keine bestimmte Regel fü r die eine oder die andere Krankheit des Auges 1J. Obwohl die Forscher in ihren Untersuchungen nicht zu ein- deutigen positiven Schlüssen in Bezug auf die serologischen Ei- genschaften des Blutes bei Trachom gekommen sind, hat die H ä m o - resp. S e r o t h e r a p i e in der Behandlung des Tra- choms praktische Anwendung gefunden. Abgesehen von V a n - c e a und S g r o s s o, welche die Vaccinotherapie2) (mit Auto-, meist aber mit HeteroVaccinen!) angeblich mit gutem Erfolg an- gewandt, doch anscheinend keine Nachahmer gefunden haben, ha- ben italienische und russische Ophthalmologen die Hämotherapie, hauptsächlich die Autohämotherapie, in weitem Umfange bei Tra- chom betrieben. A n g e l u c c i ist der Erste, der die Autohämo- therapie des Trachoms eingeführt hat. Er berichtete über „glän- zende" Erfolge seiner Autohämotherapie auf dem Kongresse fran- zösischer Augenärzte in Brüssel im Jahre 1925. Diese Therapie besteht in subkutanen Injektionen des Eigenblutserums (1—1,5 ccm 2 mal wöchentlich). Ausser Nachlassen der subjektiven Beschwer- den konnte A n g e l u c c i Rückbildung und Resorption der Folli- *) Ich habe die S. R. der Blutkörperchen bei 18 Trachomkranken (5 M. -f- 13 Fr.) bestimmt. Das Resultat war ganz unklar: es zeigten 7 Personen normale und 6 Personen stark erhöhte Senkungsgeschwindigkeit, während 5 Personen an der oberen Grenze der normalen Senkung standen (7—8 mm f ü r Männer und 12—13 mm f ü r Frauen in 1 Stunde). 2) N i c o l l e - C u e n o d - B l a i z o t, T r a b u t, N e g r e und R a y - m o n d sollen schon früher Versuche gemacht haben, das Trachom durch subkutane resp. subkonjunktivale Injektionen der aufgelösten trachomatösen Bindehautpartikelchen und des Sekrets zu behandeln (A x e n f e 1 d, Ätiol. des Trach.). A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 43 kel, Schwinden des Pannus und Heilung der Hornhautgeschwüre beobachten. Seine Methode wurde von seinen Schülern S a l v a t i und R i z z o weitergeführt. S a l v a t i konnte sogar feststellen, dass das Trachomblutserum prophylaktische Wirkung besitzt, in- dem er absichtlich mit Trachom infizierte Augen (3 Fälle) durch subkonjunktivale Injektion des Trachomblutserums vor der Er- krankung schützen konnte. In den nicht mit Serum vorbehandelten infizierten Augen entstanden dagegen typische Trachomfollikel. Ei- genbluttherapie ist mit gutem Erfolge in der Trachombehandlung noch von F i l a t o w und Z y k u l e n k o, W l a d y t s c h e n s k i, U 1 j a n i z k i, K o g a n u. a. angewandt worden. R i z z o sah nach der Eigenblutbehandlung im Blute die neutrophilen weissen Blutkörperchen zunehmen und die Eosinophilen und die Lympho- zyten abnehmen. B e s s o und K a r m i l o w konnten sich nicht fü r ihre therapeutischen Erfolge begeistern. Worin die Wirkung des Eigenblutes besteht, ist noch nicht aufgeklärt: besteht sie in spezifischen Antikörpern des Trachoms oder ist die Wirkung eine paraspezifische? Eher ist wohl das letztere anzunehmen. Sie wird wohl nichts anderes sein als eine Art Reiztherapie. Denn wir wissen, dass die Eigenbluttherapie auch auf anderen Gebieten der Medizin mit gewissem Erfolge an- gewandt wird. In der Ophthalmologie liegen Berichte über ihre erfolgreiche Anwendung bei verschiedenen chronischen Entzün- dungen der Hornhaut, der Iris, der Chorioidea etc. vor (L i c s k o). Die serologischen Untersuchungen haben keine Beweise dafür erbracht, dass wirkliche Antikörper im Blute vorhanden sind. Das Auge als Organ hat biologisch auf das Blut zu geringe Wirkung, um die Bildung irgendwelcher Antikörper im Blute beeinflussen zu können. Auch A n g e l u c c i hat die Frage offen gelassen.! Seine ersten Versuche mit Trachomblut-Serotherapie betrafen Tuberkulosekranke, bei welchen er einen günstigen Einfluss beobachtete. So hat er mit trachomatösem Heteroserum tuberku- löse Mastoiditis und Rhinitis, Iris- und Bindehauttuberkulose angeblich mit grossem Erfolge behandelt. A n g e 1 u c c i's Ver- fahren geht aus seinen Anschauungen über das Wesen des Trachoms hervor. Er will in Trachom und Tuberkulose Krank- heiten sehen, welche sich gegenseitig ausschliessen. Bei Schwind- süchtigen soll man selten oder gar nicht Trachom beobachten, und umgekehrt sollen Trachomatöse selten an Lungentuberkulose er- kranken. A n g e l u c c i stützt sich auf Beobachtungen an Tra- 44 JAAN UUDELT A XIX. i chomatösen und auf die Ergebnisse einer Umfrage bei den Tuber- kuloseärzten in Italien. Auch sein Schüler S g r o s s o konnte nach Resultaten einer Musterung von Kindern tuberkulöser Eltern das- selbe bestätigen. Mit diesen Tatsachen von A n g e l u c c i stehen jedoch die Ergebnisse anderer Autoren, wie B r u k, S a a t h o f f , auch A r 11, in Widerspruch. Diese Frage soll noch weiter unten bei Besprechung der Beziehungen des Trachoms zur Skrophulose näher erörtert werden. Bisher kann man nur soviel sagen, dass die serologischen Untersuchungen zu keinem einheitlichen positiven Schlüsse hinsichtlich des Trachomproblems geführt haben. Da die bakteriologischen und experimentellen Forschungen zu keinem eindeutigen positiven Ergebnis gelangt sind, so ist es kein Wunder, wenn von vielen Beobachtern und Erforschern des Trachoms an der Existenz des spezifischen Erregers des Trachoms überhaupt gezweifelt wird (W a l t e r , P e t e r s , M i l l e t, T r u c, P a s c h e f f u. v. a.). Das Trachom wird von ihnen als eine Krankheit angesehen, welche nach verschiedenen Reizen der Kon- junktiv# entstehen kann. M i l l e t erklärt, dass das Trachom als selbständige Krankheit nicht existiere: „Es gibt kein klinisch pathognomisches Zeichen, keine spezifische histologische Ver- änderung, keinen bakteriellen Befund, es ist bisher nur ein Syndrom, weiter nichts"; und W a l t e r sagt: „Auf Grund einer bald 30-j ährigen Tätigkeit an einem trachomreichen Kranken- material bin ich nun zu der Ansicht gekommen, dass das, was wir Trachom nennen, keine Krankheit sui generis ist, sondern ledig- lich der Ausdruck einer Reaktion von Seiten der Bindehaut auf die verschiedensten Reize". Im allgemeinen wird auch von diesen Autoren an der An- steckungsfähigkeit des Trachoms festgehalten — nur nicht durch einen spezifischen Erreger. Im Gegensatz zu der früheren Meinung, dass das Trachom an sich eine sehr ansteckende Augenkrankheit darstelle, sind in letzter Zeit immer mehr Stimmen laut geworden, welche behaupten, dass dieses der Wirklichkeit nicht entspreche ( P e t e r s , B i r c h - H i r s c h f e l d, H a n k e , H a a b , B r u k etc.). Sie stützen sich auf die Erfahrungen des Weltkrieges, wo die Soldaten in trachom- verseuchten Ländern, in Galizien, Polen und Litauen, längere Zeit in engste Berührung mit der trachomkranken Bevölkerung gekommen sind und sich dabei keine Infektionen geholt haben. Das bestätigen B i r c h - H i r s c h f e l d und P e t e r s fü r das deutsche, und A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 45 L ö w e n s t e i n und G s t e t t n e r (nach P e t e r s ) f ü r das öster- reichische Heer. In allen mitteleuropäischen Ländern hat man keinen Zuwachs an Trachomkranken nach dem Weltkriege beob- achtet, wie man es befürchten musste, da die Meldepflicht und die ärztliche Hilfe bei der Zivilbevölkerung während des Krieges viel zu wünschen übrig liess. Gerade die umgekehrte Erscheinung, den Rückgang des Trachoms, hat man nach dem Weltkriege kon- statieren können. So ist nach B i r c h - H i r s c h f e l d in Ost- preussen die Häufigkeit der Trachomkranken im Verhältnis zu allen Augenkranken der Königsberger Augenklinik nach dem Kriege von 15,5% auf 4,22% gefallen. B i r c h - H i r s c h f e l d und auch C l a u s e n wollen als Ursache des Rückganges des Trachoms neben der Verbesserung der sanitären Zustände der Bevölkerung noch die Möglichkeit der Abnahme der Virulenz des Trachomerregers annehmen, was keineswegs bewiesen ist. Auch in Ungarn (V a j d a) , Italien (S c u 11 i e a) , Frankreich und Bel- gien ist das Trachom trotz des Krieges in steter Abnahme begrif- fen (M i 11 e t ) . Die Kurve der Trachombewegung in Finnland zeigt nach G r o e n h o l m sowohl während als auch nach dem Kriege einen deutlichen Abfall. Auch bei uns in Estland ist das Trachom durch den Krieg nicht häufiger, sondern nach den klinischen Er- fahrungen sicher seltener geworden (siehe Tabelle I und Diagramme I, II) . Die Erfahrungen des Weltkrieges, wo die Völker durcheinandergeworfen wurden und wo Gelegenheiten zur Infektion und damit zur Verbreitung des Trachoms in Fülle vorhanden waren, beweisen allerdings, dass das Trachom bei Durch- führung der elementarsten sanitären Massnahmen nicht so an- steckend ist, wie das gewöhnlich lehrbuchmässig dargestellt wird. Wegen der geringen Ansteckungsfähigkeit des Trachoms hält P e t e r s die Meldepflicht bei Trachom f ü r ganz zwecklos, und B i r c h - H i r s c h f e l d sagt: „Wie mir scheint, wird die Kontagiosität des Trachoms vielfach übertrieben, was zu un- nötigen und kostspieligen Folgerungen führt" . Die Anschauung von der nicht grossen Ansteckungsfähigkeit des Trachoms in neuester Zeit entspricht durchaus derjenigen der älteren Autoren, wie S t r a u b , V e n n e m a n u. a. Dieser Anschauung muss ich mich wohl mit Recht anschliessen. Ich habe in unserer Klinik, wo die Trachomkranken mit Nichttrachomatösen in gemeinsamen Räumen wohnen, zusammen essen und sich unterhalten, gemein- same Aborte und Wannen benutzen, wo also reichliche An- 46 JAAN UUDELT A XIX. i steckungsgelegenheiten vorhanden sind, keinen einzigen Fall von Übertragung des Trachoms auf Nichttrachomatöse beobachtet. Ich könnte auch eine Reihe von Familien anführen, wo ungeachtet des- sen; dass ein Familienglied an schwerem und sekretreichem Tra- chom mit häufigen Exazerbationen und Komplikationen litt und dass keine strengen Vorbeugungsmassnahmen angewandt wurden, doch die übrigen, manchmal zahlreichen Familienglieder und Mit- einwohner nicht erkrankten. Auch B i r c h - H i r s c h f e l d hält nach seinen Erfahrungen während des Weltkrieges die Isolierung der Trachomkranken in separaten Baracken fü r nicht notwendig und die polizeiliche Meldepflicht in der jetzigen Form, wie sie in Ostpreussen vorgeschrieben ist, fü r nicht zweckentsprechend, eben- so wie P e t e r s fü r M e c k l e n b u r g und H a a b fü r die Schweiz dieselbe Anschauung vertreten. H a n k e hat bei Fabrikarbeitern keine Trachominfektion durch Benutzung gemeinsamer Wohn- und Schlafräume gesehen, obgleich in diesem Falle viele aus dem Burgenlande stammende Trachomkranke jahrelang 5 Tage in der Woche mit Gesunden zusammen arbeiteten und wohnten. H a 11 e n h o f f in Genf und S t e i g e r in Zürich haben unter den schweizerischen Schulkindern kein einziges Mal gesehen, dass trachomkranke Kinder von aus Italien, Polen, Galizien oder Russ- land eingewanderten Eltern ihr Trachom auf schweizerische Kin- der übertragen hätten. Auch haben die schweizerischen Ärzte bei Erwachsenen keine Ansteckung mit Trachom durch die Immigran- ten (nach H a l t e n h o f f in Genf 6000 Russen und 14 000 Italie- ner, unter ihnen auch viele Trachomkranke), die in schweizerischen Familien leben, beobachten können ( H a l l a u e r , S i e g r i s t u. a.). H a a b hält darum die Aussperrung der trachomkranken Einwan- derer aus dem Osten fü r die Schweiz f ü r unnütz und fü r eine „sehr umständliche und teure Massnahme", zu deren Anwendung kein Erfahrungsgrund vorliegt. „Wohl wurden Kopfläuse und Krätze gelegentlich bei uns importiert (sogar in die „besten Familien"), . aber dass Trachom bei Schweizern ausgebrochen wäre, obschon diese „Östlichen" auch ab und zu Trachom hatten, davon habe ich bis jetzt nichts vernommen" ( H a a b ) . EpTra™homhes Gegenüber den oben angeführten Beobachtungen werden an- dererseits immer wieder neue E p i d e m i e n v o n T r a c h o m beschrieben ( E l s c h n i g , B i r c h - H i r s c h f e l d, G r o e n - h o l m , S t e i n ) . E l s c h n i g - K u b i k (1925) haben in einem Konvikt russischer Studenten in Prag unter 400 Personen „12 A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 47 schwere Fälle und 45 leichtere Fälle in den verschiedenen Stadien, darunter auch viele Initialfälle, gefunden", und in einem anderen Konvikt unter 48 Personen 2 schwere und 8 leichte Fälle, unter den ersteren ein Narbentrachom, „offenbar die Infektionsquelle". B i r c h - H i r s c h f e l d (1922) konstatierte unter 500 Insassen einer Irrenanstalt 80 Fälle mit einem „akuten Schwellungskatarrh mit reichlicher Körnerbildung, besonders im oberen Fornix", da- runter 50 Fälle mit sicherer „Granulöse" und 30 Fälle als „sehr verdächtig". Alle heilten nach längerer Behandlung, ohne dass es zu einer Hornhautschädigung gekommen wäre. G r o e n h o l m beobachtete (1923) in einer Erziehungsanstalt auf einer Insel der Skären unter 63 Zöglingen von 10—18 Jahren 41 trachomver- dächtige. Es waren darunter Fälle von der „Follikulosis" über den „Follikularkatarrh" hinaus bis zu dem Vollbilde des Trachoms vertreten. „Nach Darlegung der Schwierigkeiten, welche diese Fälle in differential-diagnostischer Hinsicht boten, kam Vortragen- der ( G r o e n h o l m ) zu dem Schluss, dass hier doch Trachom vorlag, wenn auch von gutartiger Beschaffenheit" (Referat der Sitzung der Augenärzte Finnlands am 28. Sept. 1923. Acta ophthalmol.I). Alle Fälle sind nach Expression geheilt worden. Das ganze Personal, 38 Personen, ist von Trachom verschont geblieben. S t e i n (1927) beobachtete in einer trachomfreien Gegend (Kreuz- nach) in einem Erziehungsheim unter 93 Kindern 67 trachom- kranke. Die Infektionsquelle vermutet S t e i n bei Marokkaner- Soldaten, unter denen Trachomkranke waren, die mit den Kindern persönlich verkehrt und ihnen Naschwerk geschenkt hatten. Alle Kinder wurden glatt geheilt. „In keinem Falle kam es zu einer Beteiligung der Hornhaut." Wie lassen sich diese einander widersprechenden Beobachtun- gen erklären, dass das Trachom gewöhnlich eine wenig ansteckende Krankheit ist, gelegentlich aber wieder einen sehr kontagiösen, epidemischen Charakter zeigt? In der zeitweiligen Steigerung der Virulenz des unbekannten Erregers wird man wohl kaum die Er- klärung finden. Wir müssen hier mit der Tatsache rechnen, dass der Begriff des Trachoms bei verschiedenen Autoren ein ver- schiedener ist, und dass mancherlei Noxen zur Bildung von Folli- keln mit begleitenden katarrhalischen Erscheinungen der Konjunk- tiva führen und damit das Bild des Trachoms vortäuschen können. Wie aus den experimentellen Beobachtungen folgt, geben sich viele Krankheiten der Konjunktiva in Follikelbildung kund, wie 48 JAAN UUDELT A XIX. i Schwellungskatarrh, Schwimmbadkonj unktivitis, Einschluss- blennorrhöe, infektiöser Follikularkatarrti ( A x e n f e l d ) und auch Infektionen mit adenoidem Gewebe des Rachens (P1 a n g e) u. s. w. Es ist nicht bewiesen, dass diese aus grundverschiedenen Ursachen entstandenen follikelbildenden Entzündungen der Kon- junktiva an sich eine einheitliche Krankheit darstellen. Das würde zu einem weitgehenden Unitarismus führen, wonach nicht nur der follikuläre Katarrh, sondern auch noch andere follikelbildende Kon- junktivitiden zum Trachom zu zählen wären. Die modernen Unita- risten (E 1 s c h n i g) stützen sich gerade auf die Ergebnisse von Beobachtungen bei Epidemien, wo sie neben dem vollent- wickelten Trachombilde noch graduell verschiedene leichtere folli- kuläre Entzündungen bis zur einfachen Follikulose der Binde- haut gesehen haben, welche glasige Follikel ohne entzündliche Erscheinungen der Konjunktiva darbieten, wie in den von E l s c h n i g und G r o e n h o l m beobachteten Epidemien. Zu dem heutigen Begriffe des Trachoms gehört durchaus nicht bloss das Vorhandensein der Follikel mit begleitender Entzündung, auch nicht bloss ihre Lokalisation in der oberen Übergangsfalte. Oft, jedoch nicht immer, sieht man gerade die Follikulose auf der oberen Übergangsfalte am meisten entwickelt (L i n d - n e r ) ; die Follikel sitzen hier oberflächlich, über die Fläche hervorragend. Dagegen ist das Trachom eine tiefe pro- liferative Entzündung der Bindehaut, welche sich hauptsächlich in der tiefen adenoiden Schicht der Konjunktiva abspielt, auf das Konjunktivalgewebe zerstörend wirkt und Degeneration der Gewebe bis in den Knorpel hinein hervorruft. Es hat somit einen bösartigen Charakter, indem es nach der Zerstörung Schrumpfung und Vernarbung der Gewebe hinterlässt. Man könnte denken, dass das alles wohl f ü r vorgeschrittene Stadien des Trachoms gelte, dass letzteres aber in den Anfangsstadien rückbil- dungsfähig ad integrum sei. Die Trachomfollikel sitzen immer sub- epithelial, in den tiefen adenoiden Schichten, und wenn sie sich einmal entwickelt haben, ist ihr Rückgang ad integrum kaum zu erwarten. Die Heilung des Trachoms besteht, wie die patho- logische Anatomie lehrt, im Verschwinden der Follikel, indem sie platzen und ihren Inhalt nach aussen entleeren ( R ä h l m a n n , A d d a r i o ) , oder indem ihr Inhalt wieder resorbiert wird und sich in Narbengewebe umwandelt ( P i c k , G r e e f f ) . Die Rück- bildung resp. Schrumpfung der Trachomfollikel ist analog der A XIX. i Uber das Blutbild Trachomkranker 49 Rückbildung der chronisch entzündeten Lymphdrüsen anderer Regionen (wie der tuberkulösen Halsdrüsen, des adenoiden Ge- webes des Pharynx u. s. w.) • Der follikuläre Katarrh kann dagegen beliebig lange dauern, ohne dass er eine Zerstörung der Binde- haut hervorruft. Seine Follikel platzen und entleeren ihren Inhalt nicht nach aussen, sondern resorbieren sich, verschwinden spur- los ohne narbig zu werden. Das sehen wir auch aus dem Selbst- übertragungsversuch des Follikularkatarrhs von A x e n f e l d und an den Kindern, von welchen er sich infizierte. Bei allen Kindern, ebenso wie bei A x e n f e 1 d, heilte die Krankheit ohne Behand- lung im Laufe von Iy2—2 Jahren restlos. Das gab A x e n f e l d das Recht an seiner Meinung festzuhalten, dass es sich bei ihm und bei der von ihm beobachteten Epidemie um Follikularkatarrh und n i c h t um Trachom handelte, wie mehrere Autoritäten ( H i r s c h b e r g , H i p p e l , V o s s i u s) diagnostiziert hatten. Darum glaube ich annehmen zu dürfen, dass es sich dort, wo über epidemisches Trachom berichtet wird, nicht immer um echtes Trachom handelt, sondern wohl um verschiedene infektiöse Kon- junktivitiden mit Follikelbildungen. E c h t e s T r a c h o m i s t s e i n e m W e s e n n a c h e i n e x q u i s i t c h r o n i s c h e s L e i d e n . Das beweisen auch ganz leicht verlaufende, dem Träger selbst nicht einmal bewusste und erst vom Arzt zufällig bei einer Augenuntersuchung aus anderen Gründen entdeckte Fälle von abgelaufenem altem Narbentrachom. Solche Fälle müssen mit Bestimmtheit f ü r leichte Formen des Trachoms gehalten werden, wo die spontane Heilung ohne Narben zu hinterlassen am ehesten denkbar wäre: und doch bleibt, trotz des sehr milden symptom- losen Verlaufs, die Narbenbildung nicht aus. Solche Fälle be- obachtet man nicht nur an indolenten, wenig aufmerksamen Pati- enten, sondern oft gerade an sehr empfindlichen und intelligenten Personen. Hat aber das Trachom in Ägypten, Palästina und Syrien, w o 0 ^ ^ 1 , ; ; - , ' es noch heutzutage pandemisch herrscht, nicht einen epidemischen ri^'r Charakter? Neben dem echten Trachom wüten in jenen Ländern jahraus, jahrein verschiedene bazilläre Konjunktivitiden, die durch K o c h - W e e k s-Bazillen, Gonokokken, Pneumokokken, L ö f f 1 e r s Bazillen u. s. w. hervorgerufen werden. So fand J u - n e s unter 7000 Augenkranken in Tunis allein 6000 mit K o c h - W e e k s - Konjunktivitis, an die sich oft ein Trachom anschloss (J u n e s , Arch. d'ophth. Bd. 43), und in dem Bericht von M e y e r - 4 50' A XIX. i h o f aus Ägypten, welcher sich auf 744 bakterioskopisch unter- suchte an Konjunktivitis leidende Kinder im ersten Lebens- jahre bezieht, finden wir 54 Kinder als an Trachom erkrankt verzeichnet, dagegen 469 ( = 63%) an K o c h - W e e k s -Kon- junktivitis, 161 an Gonokokkenblennorrhöe und die übrigen an verschiedenen gemischten Infektionen, so auch mit L ö f f 1 e r- schen Bazillen. M a l k i n (Kl. Zeitschr. d. Universit. Saratow Bd. V. S. 333. 1928) konstatierte bei den epidemischen Konjunk- tivitiden im russischen Transkaspischen Gebiet, wo Trachom und Konjunktivitiden nebeneinander stark herrschen, in 63,1% den K o c h - W e e k s -Bazillus, welcher bei Trachom häufig Exazer- bation und Komplikationen hervorrief. Der Zunahme des Trachoms gehen oft Epidemien anders- artiger Infektionen der Konjunktiva voraus, besonders K o c h - W e e k s-Epidemien. Diese Beobachtung macht man in Ländern mit pandemischem Trachom immer wieder. Aus der genannten Zu- sammenstellung der Beobachtungen von M e y e r h o f an 744 Kindern in Ägypten geht hervor, dass unter den 54 mit Trachom im ersten Lebensjahre infizierten Kindern sich 40 solche befanden, bei welchen „die Bildung der typischen Follikel direkt an eine andere Infektion, wie K o c h - W e e k s, oder Gono- kokken-Konjunktivitis, sich anschloss". Die graphische Darstel- lung der Beziehung der vorangehenden K o c h - W e e k s - K o n - junktivitis zu dem ihr folgenden Trachom, nach Angaben von M e y e r h o f zusammengestellt, gibt das hier folgende Diagramm IV wieder. Man sieht, dass die ersten Trachomfälle im 4. Lebensmonat auf die gleichzeitig starke Verbreitung der K.-W.-Konjunktivitis folgen und dass im 11.—12. Monat mit der starken Vermehrung des Trachoms gleichfalls die K.-W.-Konjunktivitis kolossal zu- nimmt. Nach S s a m s s o n o w a folgt in Baku den im Sommer und Herbst herrschenden K o c h - W e e k s - Epidemien von Binde- hautentzündungen immer ein gehäuftes Auftreten des frischen Trachoms und zugleich auch ein häufiges Aufflackern des alten chronischen oder schon geheilten Trachoms. S t u k k e y , T o r n l i n und H u g h e s haben während des Weltkrieges von nach Frankreich importierten chinesischen Arbei- tern, welche alle in China vor dem Einschiffen auf Trachom unter- sucht worden waren, wobei die trachomkranken oder verdächtigen A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 51 zurückgehalten und nur die gesunden eingeschifft wurden, 10—15% an Trachom und 20—25% an Konjunktivitis unterwegs erkrankt gefunden. Bei späteren Transporten hat man die Arbeiter während der Fahrt auf den Schiffen gegen Konjunktivitis mit Zinktropfen behandelt. Bei der Ankunft in Frankreich fanden dieselben Au- toren unter diesen Arbeitern nur 1,6—3% an Trachom und 10% an Konjunktivitis erkrankt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass D i a g r a m m IV. Frisches Trachom und Konjunktivitis K o c h - W e e k s im ersten Lebensjahr in Ägypten (nach M e y e r h o f ) . m w S- h, w tVtta - lWjIlAfl I wo —t 1 1. 400 10 so JO 10 50 TU, 1-1 uJU. W / I / N /\ / / / Iwwl // ,/ - — ' — . _ — Mtvo % H- % t $ b i t S 1 10 H 1% Mfocht-Hs unter solchen Verhältnissen, wo verschiedene bazilläre Infektionen eine so grosse Verbreitung gefunden haben, auch vielfach trachom- ähnliche follikuläre Konjunktivitiden aus verschiedenen Ursachen entstehen können und f ü r Trachom genommen werden. Darum ist es auch verständlich, dass das Trachom in den südlichen Län- dern einen ganz anderen Charakter zeigt als bei uns im Norden. Nach G e r m a n n verläuft das Trachom in Syrien und Palästina viel akuter, ohne so häufige Komplikationen, und hat eine kürzere Dauer als in nördlichen Ländern. Wiederholte Untersuchungen 4* 52 JAAN UUDELT A XIX. i haben gezeigt, dass im Süden die Zahl der Trachomatösen im f r ü h e n Kindesalter grösser ist als im reifen Alter, was gegen- über den Beobachtungen in nördlichen Ländern paradox erscheint. M i 11 e t fand in Biskra unter Schulkindern 100%, bei der Muste- rung Militärpflichtiger nur 10% trachomkrank, und B o n n e t, der das Trachom fü r ein gutartiges Leiden hält, sah in Sahara- dörfern 90—100% von allen Schulkindern in „ausgesprochenster Körnerform" trachomkrank, bei den Erwachsenen dagegen konnte er nur in 25—30% Spuren von abgelaufenem Trachom feststellen. Die übrigen 60—75% waren restlos ohne jegliche Behandlung ge- heilt. Hier leuchtet es ein, dass es sich bei der Massenverbreitung des Trachoms, wie sie in Afrika vorkommt, nicht um die gleiche Krankheit, wohl aber um das gleiche klinische Bild handelt, welches wir im Norden als Trachom zu beobachten gewöhnt sind. Das lässt vermuten, dass der grosse Prozentsatz vom Trachom Ge- heilter auf das Konto des unechten Trachoms zu setzen ist. Wie in südlichen Trachomländern (Ägypten, Palästina, Tunis) neben dem wirklichen Trachom überall K o c h - W e e k s - Konjunktivi- tis herrscht, so ist auch in verhältnismässig trachomfreien Ge- genden (Mecklenburg) während der K o c h - W e e k s - E p i d e - mien ein häufigeres Auftreten des Trachoms beobachtet worden ( P e t e r s ) . Aus Diagramm V ersehen wir, dass bei uns in Tartu (Dor- pat) die akuten Konjunktivitiden auf Neuerkrankungen mit Tra- chom nicht ohne Einfluss sind. Dem Höhenstande der Konjunkti- vitiden entspricht auch das häufigere Auftreten der frischen Trachomfälle. Wer an dem Standpunkt der dualistischen Lehre vom Tra- chom festhalten will, der muss irgendein Symptom zur Hand haben, auf welches er sich in der Differentialdiagnose des Tra- choms praktisch stützen kann, und welches ihm einen Trachomfall von zahlreichen anderen körnigen Konjunktivitiden zu unter- scheiden erlaubt, wenigstens nach Ablauf der Krankheit. Ande- renfalls hat ein Dualist, der keinen anderen sicheren Beweis hat, als nur das Vorhandensein der Follikel mit begleitender diffuser Schwellung resp. papillärer Hypertrophie der follikelhaltigen Bindehaut sowie die Beschaffenheit und die Lokalisation der Follikel, keinen Grund graduell leichtere Formen von granulösen Bindehautentzündungen, follikuläre Katarrhe, echte Follikulosis, geschweige denn Schwimmbadkonjunktivitis, Einschlussblennor- A XIX. i Uber das Blutbild Trachomkranker 53 rhöe, Schwellungskatarrh u. s. w. vom echten Trachom -zu trennen. Nicht der Nachweis von Follikeln, auch nicht ihr Aussehen und ihre Lokalisation entscheidet jedesmal fü r oder gegen die Diagnose des echten Trachoms. N u r w e n n n a c h V e r - s c h w i n d e n d e r F o l l i k e l N a r b e n i n d e r K o n j u n k - t i v a n a c h b l e i b e n o d e r w e n n a u f d e r H o r n h a u t D i a g r a m m V. Vergleichende Frequenz des frischen Trachoms und der akuten Konjunktivitis in der Univ.-Augenklinik in Tartu in den Jahren 1921—1928. m i JÜJ l VfrWl ,cLui/ 5 Voj HC•tV JAVft.M i/n tui Mfb b-Oit f t JL i/i/Yvl ) V. 6 5 JMX \ 4 \ \ 3 N X y y _ — i&MU, T ' O m i mx m m w -/m mi mi s i c h e i n P a n n u s e n t w i c k e l t , k ö n n e n w i r m i t S i c h e r h e i t v o n e c h t e m T r a c h o m s p r e c h e n . Bei allen übrigen Formen der Granulöse, wo die Follikel nach kürzerer oder längerer Zeit spontan oder nach Behandlung restlos ver- schwinden, gibt es keine Sicherheit der Diagnose. Sie können zu gutartigem Trachom, aber auch mit ebensolchem Recht zu ein- fachen follikulären Entzündungen der Bindehaut gerechnet werden. Darin sehe ich eine Schwäche der dualistischen Anschauung, und darin steckt auch die Ursache, warum in letzter Zeit viele Ophthal- mologen ( P e t e r s , E l s c h n i g, B r u k u. a.) zum unitaristisehen 54 JAAN UUDELT A XIX. i Standpunkt wieder zurückgekehrt sind. P e t e r s geht noch weiter. Er glaubt an die Existenz des T r a c h o m s o h n e F o l - 1 i k e 1, weil er in Familien oder in Internaten neben dem echten Trachom, mit Narbenbildung und Pannus, verschiedene Grade von Bindehautentzündungen mit Follikelbildungen, bis auf solche ohne jegliche Follikel, beobachtet hat. E r glaubt, dass solche Bindehautentzündungen verschieden schwere Grade ein und der- selben Krankheit darstellen. Da man in den letzten 20 Jahren vom Trachom manche infektiöse follikelbildende Entzündungen der Bindehaut getrennt hat : infektiöser Follikularkatarrh, Schwimmbadkonjunktivitis, Einschlussblennorrhöe, — welche man früher zum Trachom zählte, so hat der Dualismus in Bezug auf die follikulären Bindehautentzündungen eine weitere Zersplitte- rung erfahren. Es ist eigentlich an Stelle des Dualismus ein Plu- ralismus getreten, und dadurch ist das Trachomproblem noch ver- wickelter geworden. ist das impf- Auch die Übertragungen des Trachoms auf die Bindehaut von trachom ein • ° ° echtes? Affen und Menschen haben hier keine Klärung gebracht. Der Ver- lauf des übertragenen Trachoms auf der Affenbindehaut ist ver- schieden von dem des typischen Trachoms beim Menschen. Wie wir schon gesehen haben, verläuft ersteres viel milder, und mit wenigen Ausnahmen (Boing) haben die Forscher bei Affen weder narbige Schrumpfung der Bindehaut noch Pannus auf der Horn- haut mit Sicherheit beobachten können. Um den positiven Erfolg der Impfung zu beurteilen, haben sie sich bei der Entzündung der Bindehaut an Affen mit dem Erscheinen von Follikeln begnügen müssen. Ebenso liegen die Dinge bei Übertragungen auf die Bindehaut des Menschen. Auch hier hat man nur Follikelent- wicklung gesehen, wenn man den Fall von A d d a r i o nicht in Rechnung zieht, wo von einigen Referenten — G r e e f f und C l a u s e n — Pannus erwähnt wird. Sonst berichtet kein an- derer Autor über Komplikationen des experimentellen Trachoms. A d d a r i o's Fall r u f t in Bezug auf den Pannus ebenfalls starke Zweifel hervor,wenn er sagt: „Ich bekenne mich schuldig,nachdem icli 1900 nach Italien zurückgekehrt war, 3 b l i n d e I n d i v i - d u e n m i t A t r o p h i a b u l b i mit frischem Trachom geimpft zu haben. Es entstand danach typisches follikuläres Trachom m i t P a n n u s " (zit. n. G r e e f f : Klin. Jahrbuch 1909, S. 19). Hierin liegt ein Widerspruch: denn der atrophische Zustand der bulbi schliesst an sich schon die Möglichkeit der Entwickelung A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 55 eines trachomatösen Pannus aus. Wenn aber der Pannus sich wirklich entwickelte, so ist es nicht bewiesen, dass er ein tracho- matöser und nicht ein degenerativer Pannus war, wie man ihn oft an atrophischen Augen sehen kann. Wenn man den Impferfolg bei Trachom nur nach der Ent- wicklung von Follikeln neben papillärer Hypertrophie beurteilt, dann ist man ebenso berechtigt die von W o 1 f r u m mit dem Sekrete von Einschlussblennorrhöe auf der menschlichen Binde- haut erzeugten akuten follikulären Konjunktivitiden f ü r Impf- trachom zu nehmen. W o 1 f r u m hält sie auch fü r ein echtes Impftrachom. Ebenso schwer dürfte es zu entscheiden sein, wer in dem von A x e n f e l d auf sich selbst übertragenen Falle von epidemischem Follikularkatarrh Recht hat — H i p p e l , H i r s c h - b e r g und V o s s i u s, welche Trachom annahmen, oder A x e n - f e 1 d, welcher bei seiner Überzeugung vom Follikularkatarrh blieb. Der Fall kann mit gleichem Recht f ü r ein leichtes Tra- chom, aber auch fü r einen hartnäckigen Follikularkatarrh ge- nommen werden. E r heilte ohne Behandlung erst im Laufe von anderthalb Jahren, und die Epidemie in der Schule dauerte 2 Jahre lang. Die Impftrachome bei Affen und auch bei Men- schen heilen ebenfalls sogar in kürzerer Zeit. Der von G r e e f f verimpfte Fall heilte schon in 6 Monaten. Das klinische Bild und der Verlauf des von A d d a r i o und G r e e f f übertragenen Tra- choms mit seinen akuten Erscheinungen ähnelt viel mehr dem klinischen Bilde einer Schwimmbadkonjunktivitis oder eines „akuten Trachoms", als dem typischen chronischen spontanen Trachom, von welchem das Material zur Impfung genommen wurde. Daraus ist ersichtlich, dass das Impftrachom sogar auf der menschlichen Bindehaut anders verläuft als das ursprüngliche natürliche Trachom. Es zeigt in seiner Intensität eine grosse Variabilität. Diese Eigenschaft des Trachoms dürfte zu Gunsten der unitaristisehen Anschauung vom Wesen des Trachoms und anderer follikulärer Bindehautentzündungen sprechen. Solange wir den Erreger einer jeden dieser follikelbildenden Bindehaut- entzündungen noch nicht kennen und den gleichen Zelleinschluss- befund — Einschlusskörperchen v. P. H. — vor uns haben, wäre es richtiger alle diese Krankheiten zu einer Gruppe der „G r a n u- 1 o s e", deren Hauptsymptom die Follikelbildung mit papillärer Hypertrophie ist, zu rechnen, wie es f rüher üblich war, weil sie sich klinisch nur graduell voneinander unterscheiden. Das 56 JAAN UUDELT A XIX. i Trachom mit allen seinen Komplikationen würde die schwerste und bösartigste Form der Granulöse darstellen, dann kämen leich- tere Formen des Trachoms, die Schwimmbadkonjunktivitis und Einschlussblennorrhöe, und zuletzt der „Follikularkatarrh". Ganz aus dieser Gruppe zu eliminieren wäre die „Follikulosis", als fast normale Erscheinung auf der reizlosen Konjunktiva, oder die„Schul- follikel",wie man sie auch nennen kann, weil sie meist bei Schulkin- dern vorkommen. DieFollikulosis steht an der Grenze zwischen dem Normalen und dem Pathologischen, weil die Körner auf der Binde- haut als vergrösserte Lymphfollikel zu betrachten und dabei keine katarrhalischen Erscheinungen zu finden sind. Die Follikulosis entsteht aber nicht bei allen Kindern, welche den gleichen Noxen ausgesetzt sind. Man sieht sie hauptsächlich bei anämischen und körperlich schwachen Kindern. Darum nehmen die meisten Au- toren fü r ihre Entstehung eine besondere Disposition an, auch solche, die fü r das Trachom eine Disposition in Abrede stellen oder wenigstens in Zweifel ziehen. Sie wollen in der lympha- tischen Diathese, welche die an Follikulosis leidenden Kinder oft zeigen, die Disposition sehen. Demnach wäre also die Follikulosis als eine lokale Manifestation des Allgemeinzustandes resp. -Ieidens zu betrachten. I I I . D i s p o s i t i o n s f r a g e b e i T r a c h o m . a) G e o g r a p h i s c h e u n d R a s s e n - I m m u n i t ä t r e s p . - D i s p o s i t i o n . Da bei der „F o 11 i k u 1 o s i s" eine individuelle Disposition als Grundlage, auf welcher durch äussere Schädlichkeiten Lymph- follikel entstehen oder sich vergrössern können, fas t von allen Autoren anerkannt wird, so kann die Frage immer wieder auf- geworfen werden: Gibt es gegenüber der Trachominfektion dispo- nierte und andererseits wieder immune Menschen? Das ist eine alte Frage, die schon lange vielfach erörtert und immer noch nicht entschieden ist. Die Trachomimpfungen auf die menschliche Bindehaut zeigen uns, dass das Trachom in vielen Fällen nicht zur Entwicklung kam ( G r e e f f , B ä c k , G e r m a i x, M u t t e r - m i l c h u. a.). Auch die Erfahrungen in Familien, wo Trachom- kranke längere Zeit mit Gesunden zusammenleben und sie doch nicht infizieren, dürften die Annahme einer individuellen Im- munität rechtfertigen. Andererseits sieht man nicht selten Tra- chomkranke, welche die Quelle ihrer Infektion nicht angeben können, da sie mit Trachomkranken nie zusammengekommen zu sein sich erinnern. Sind solche trachomkranke Personen vielleicht fü r die Trachominfektion besonders disponiert? Wenn wir diese Frage geschichtlich betrachten, so sehen wir einerseits, dass man nicht nur einzelne Personen, sondern sogar ganze Völkerrassen f ü r trachomimmun erklärt hat, und andererseits wieder versucht hat, diese Anschauung zu widerlegen. Sie hat bis in die neueste Zeit hinein immer wieder ihre Anhänger und Gegner gefunden. Die Tatsache ist jetzt als festgestellt anzusehen, dass das Trachom bei allen Völkern und in allen Weltteilen vorkommt. Doch ist seine Verbreitung nicht gleichmässig. Wenn man das Trachom nach seiner Frequenz in eine Weltkarte eintragen würde, wie G r o e n h o l m es f ü r Finnland getan hat, dann würden wir eine Karte mit grossen Trachominseln erhalten. 58 JAAN UUDELT A XIX. i E s i s t v o n j e h e r b e k a n n t , d a s s d a s T r a c h o m d i e N i e d e r u n g e n b e v o r z u g t . Die Bewohner der Meeres- küsten und Flussniederungen leiden bedeutend häufiger daran als die der höher gelegenen Gegenden und besonders der Gebirgslän- der. Ägypten, alle Küstenländer des Mittelmeeres in Afrika, Asien und Europa, Portugal, Spanien und Frankreich an der Küste des Atlantischen Ozeans, Belgien und Holland an der Nordsee, Ost- preussen, die baltischen Staaten und Finnland an der Ostsee, die Küsten des Kaspischen und des Schwarzen Meeres, die Flussge- biete der Wolga, Donau, Weichsel und des Njemen, der Unterlauf des Rheins u. s. w. sind mit Trachom mehr oder weniger verseucht. Die Tatsache der stärkeren Verbreitung des Trachoms an Küsten und an Strömen hat manche Autoren zu dem Gedanken geführt, dass die Ursache des Trachoms vielleicht im Wasser zu suchen sei. N i c o 1 i c h M e r i d a und N e v o t fanden die Fischer der spa- nischen Mittelmeerküsten stärker verseucht als die übrige Be- völkerung. M e r i d a denkt an die Möglichkeit der Über- tragung durch Fische, hat auch diesbezügliche Untersuchungen ausgeführt, ohne jedoch zu einem positiven Ergebnisse gekommen zu sein. Im früheren Livland hat W e i s s (Dissert. Dorpat 1861) Trachom mehr in niedrigen und sumpfigen Gegenden, als in trockenen Gebieten gefunden. Die Fischerdörfer am Peipus sind eben noch stark verseucht. Dagegen sind die Bewohner der est- ländischen Inseln (ösel, Runö) vom Trachom mehr verschont geblieben als die Bewohner des Festlandes. K r ü d e n e r fand die Insulaner auf Runö, ausser einem von ösel stammenden Mädchen, trachomfrei, obwohl ihre Beschäftigung Fischerei und Seehundj agd ist. Nach O l e B u l l sind die Fischer an den nor- wegischen Küsten trotz nicht selten von auswärts durch Seeleute eingeschleppten Trachoms und trotz Armut und Schmutz vieler Fa- milien unverSeucht geblieben. Das ganze Norwegen, wie auch Schweden und Dänemark (nach R ö n n e und H i r s c h b e r g ) , ist fast trachomfrei, ausser einem südlichen, nach Dänemark zu liegenden, flachen norwegischen Landstrich. Gebirgsländer werden mehr oder weniger vom Trachom ver- schont. Die Schweiz ist von Trachom frei geblieben, ebenso kommt es in Tirol und Oberbayern nur selten vor. Nach russischen Au- toren ( K r a u s , T s c h e c h o w a, W l a d y t s c h e n s k i j u. a.) findet man bei Gebirgsbewohnern in Kaukasien nur wenig Tra- chom, obgleich sie von allen Seiten, im Norden wie im Süden, im A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 69 Osten wie im Westen, von trachomverseuchter Bevölkerung um- geben sind. Ebenso ist das hochgelegene Küstenland der Krim nach F i s c h , O t s c h a p o w s k i j u. a. fast frei von Trachom. Die seltenen Fälle sind hier meist von aussen importiert. Der seinerzeit von C h i b r e t (1884) auf Grund seiner Untersuchun- gen in der Schweiz, Frankreich und Belgien aufgestellten Be- hauptung, dass das Trachom in Höhen von 200 m über dem Mee- resspiegel nicht vorkomme, wurde von S a t t l e r , R e i s i n g e r u. a. widersprochen. Jetzt muss man zugeben, dass eine so exakte Höhengrenze fü r das Vorkommen des Trachoms nicht existiert. Wir können nach den bisherigen Erfahrungen nicht behaupten, dass das Trachom in Höhen über so und soviel Meter nicht vorkomme. Es ist sogar in einer Höhe von mehreren tausend Metern beobachtet worden. Doch bleibt die Tatsache einer relativen, nicht absoluten, Immunität der Höhenlage f ü r Trachominfektion be- stehen. Dies haben die Forschungen von T r i g o, H a a b , B a u e r , S p e r 1, A l v a r e z und F i s c h neuerdings bestätigt. Das Tra- chom ist in den Niederungen eine wirkliche Volksplage, das Hoch- gebirge sichert aber nicht absolut gegen Ansteckung mit Trachom. Nach vielen Autoren ( H a a b , K u h n t, T r i g o, O t s c h a - p o w s k i j u. v. a.) h a t d a s T r a c h o m i m H o c h g e b i r g e e i n e n g u t a r t i g e n C h a r a k t e r und führ t nicht zu Epi- demien resp. Endemien. Die schweizerischen Ärzte haben schon lange die Beobachtung gemacht, dass die Schweizer, welche sich das Trachom in Frankreich oder in Italien zugezogen haben, nach ihrer Rückkehr in die Heimat die Krankheit nicht auf ihre Angehörigen übertragen und selbst schnell und gründlich genesen. H a a b fand unter seinen 192 300 Krankengeschichten aus 42 Jah- ren nur 2 Fälle mit „sicherem Trachom" und 2 Fälle mit „unsiche- rem Trachom", welche sich im Lande hätten infiziert haben können. Er hat aber nicht gesehen, dass sie die Krankheit weitergegeben hätten. Nach H a a b und nach Äusserungen anderer schweize- rischer Ärzte „ist die Schweiz tatsächlich immun fü r Trachom". Er empfiehlt die Ansicht von A x e n f e l d und L a p e r s o n n e, dass „weder Rasse noch Klima Immunität gegen Trachom schaffe", einer Revision zu unterziehen. T r i g o machte die Erfahrung in Bolivien in 2000 m über dem Meeresspiegel gelegenen Gegenden, dass die Eingeborenen „fast trachomfrei" seien, dagegen beobach- tete er bei asiatischen Einwanderern oft Trachom, welches einen „sehr milden Verlauf" zeigte. In Spanien, zwischen den Pyrenäen 60 JAAN UUDELT A XIX. i und dem Duero, kommt nach A l v a r e z das Trachom „in gut- artiger Form" vor. Die günstige Wirkung des Höhenklimas auf das Trachom hat K u h n t anerkannt, wenn er in seiner „Therapie der Con- junctivitis granularis" schreibt, „dass die Granulösen Ostpreussens viel schneller und sicherer ausheilen, wenn sie ihre Tiefebene verlassen und sich in das thüringische, süddeutsche, oder west- phälische Hügelland begeben. . . Er (der Ortswechsel) erhöht die Chancen einer schnellen Sanierung", und weiter sagt K u h n t : „Könnten wir unsere masurischen oder litauischen Bauern in die seuchenfreien Berge Thüringens oder Süddeutschlands transpor- tieren, dann wäre der Not zum Teil abgeholfen. Wissen wir doch, dass dort schon durch die Höhenlage ein nicht unbedeutender Schutz gegen die Reinfektion gegeben ist". S o l a r e s (nach O t s c h a p o w s k i j ) sah in den Kordilleren selten Komplikationen an der Hornhaut und den Lidern. Er glaubt, dass das Höhenklima fü r den trachomatösen Prozess ein guter Heilfaktor ist, der den Prozess verkürzt und auf seine Intensität günstig wirkt. Das- selbe haben auch russische Ärzte in der Krim erfahren; einer von ihnen ( F i s c h ) schreibt, dass er bei den Bewohnern des ge- birgigen Küstenlandes Pannus, Trichiasis, Hornhautgeschwüre, Xerosis und andere Komplikationen fast nie gesehen hat. Darauf begründen M a r k o w , S s u c h o w und F i s c h (cf. O t s c h a - p o w s k i j ) ihren Gedanken, das Trachom der Klimatotherapie in der Krim (Jalta!) oder auf den kaukasischen Gebirgen zu unterwerfen. Demselben Gedanken folgte schon viel f rüher ß P rt i n i c e a n (Ber. des intern, ophth. Kongr. in Heidelberg 1888), indem er seine Patienten in das Gebirge schickte. Als C h i b r e t seine Annahme, dass das Trachom schon auf Höhen von 200 m nicht vorkomme, nach Widerlegung durch Beobachtungen anderer Autoren zurückziehen musste, schloss er sich der Meinung S w a n B u r n e t t 's (1892) an, der die R a s - s e n i m m u n i t ä t f ü r Trachom behauptete. S w a n B u r - n e 11 hatte nämlich konstatiert, dass die Neger, wie in ihrer Hei- mat so auch in Nordamerika, in schlechten hygienischen Ver- hältnissen lebend und mit Trachom in Berührung kommend, den- noch frei von ihm bleiben,, Wie S w a n B u r n e t t die Neger, so hielt C h i b r e t die keltische Rasse fü r immun gegen Trachom. Dass die Rassenimmunität der Neger und Kelten nicht den Tat- A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 61 Sachen entspricht, wurde bald gezeigt ( V a n M i l l i n g e n , S g r o s s o, G a m a P i n t o ) . Doch kam die Frage nicht zur Ruhe. J a r r (Brit. Med. Journ. 1898: Trachom among various races) prüfte die Immunitätsfrage bei verschiedenen Völkern und kam zu dem Schluss, dass doch nicht alle Rassen gleich empfäng- lich fü r Trachom seien. Er teilte sogar die Völker nach der Trachomempfänglichkeit in drei Gruppen: Trachomempfängliche, relativ immune und absolut immune (Indianer und Eskimos). Bezüglich der nordamerikanischen Indianer tr iff t das nach den neuesten Untersuchungen nicht zu. Nach R o y e r , L u c k e t t , Mc. C o r m i c k (Ref. Zentralbl. f. g. O., Bd. 17, 1927) und W e b s t e r F o x (Ref. The Brit. Journ. of Ophth. 1926) sind die Indianer in Nordamerika und in Mexiko mit Trachom stellweise sogar stark verseucht. Darum scheint es, dass kein Volk, keine Rasse gegen Trachom immun ist. Weder die Neger noch die Indianer sind, wie nachgewiesen, unempfänglich fü r Trachom- infektion. Trotzdem stehen heute noch einige Autoren ( H a a b , E l s c h n i g, S p a s s k i j, Z y t o w i t s c h) auf dem Standpunkt der Rassenimmunität. Sie wollen zur Bekräftigung ihrer An- schauung die Erfahrung heranziehen, dass auch schweres impor- tiertes Trachom in trachomfreien oder trachomarmen Ländern nicht zu Epidemien oder Endemien führt . So wird nach E l s c h n i g nach Böhmen durch Landarbeiter aus Galizien, Polen u. s. w. schweres Trachom ins Land eingeschleppt und damit der einheimischen Bevölkerung reichlich Infektionsgelegenheit geboten. Trotzdem hat er keine Epidemien bei Einheimischen gesehen, und wenn sie überhaupt erkrankten, dann meist an leichten For- men. „Die Ursache, weshalb wir so viele leichte und nur relativ wenig schwere Fälle von Trachom in unserer Bevölkerung beobach- ten, ist zweifellos nicht allein auf die allgemeinen Lebensverhält- nisse, Reinlichkeit, frühzeitige Behandlung und dergleichen zu- rückzuführen, sondern scheint mir in erster Linie auf R a s s e n - d i s p o s i t i o n zu beruhen. . . Dafür und nicht nur fü r atmo- sphärische Einflüsse spricht auch das bekannte inselförmige Vor- kommen endemischen Trachoms und Trachomfreiheit in bestimm- ten Landstrichen oder Höhenlagen" ( E l s e h n ig , 1925). Den- selben Eindruck scheint H a n k e aus der Trachomuntersuchung und -bekämpfung im Burgenlande gewonnen zu haben. Auch er hat bei den ansässigen Bewohnern meist nur leichte Trachome beobachtet, obwohl eingewanderte Arbeiter aus dem Osten und aus 62 JAAN UUDELT A XIX. T Ungarn schweres Trachom hatten. M a r k o w machte auf dem 11. Kongress russischer Ärzte in St. Petersburg 1910 darauf auf- merksam, dass die kulturell höherstehenden deutschen Kolonisten an der Wolga mehr an Trachom litten, als die kulturell niedriger stehende russische Bevölkerung daselbst. Nach 14 Jahren wurde diese Frage von S s a w o s t i n a wieder berührt, wobei Z y t o - w i t s c h seine Meinung in dem Sinne aussprach, dass das Tra- chom bei den deutschen Wolgakolonisten wahrscheinlich deswegen häufiger vorkomme, weil die Deutschen sich von anderen Nationen durch eine stärkere Entwicklung des adenoiden Gewebes aus- zeichnen (?) (Ref. Russ. Journ. f. Ophth. 1925). S p a s s k i j fand die Tscheremissen (== Mari) von Trachom stark, bis 30— 35% infiziert, und nebenbei in denselben Dörfern die russische Bevölkerung nur wenig berührt. In zwei Dörfern mit gemischter Bevölkerung war das prozentuelle Verhältnis des Trachoms bei den Tscheremissen und Russen wie 22,9 : O und 29,1 : 1,1. Die kulturelle und wirtschaftliche Lage beider Nationalitäten scheint dabei eine ziemlich gleiche zu sein. S p a s s k i j hält die Tschere- missen und andere kleine finnische und türkische Stämme in Russ- land fü r disponiert zum Trachom und versucht ihre Disposition durch die biologischen Rassenunterschiede des Blutes zu erklären. Er geht von der Tatsache der Abnahme des Trachoms in der Rich- tung von Südosten nach Nordwesten und der umgekehrten, die- ser Linie entgegengesetzten Richtung des sogenannten „biochemi- schen Index" des Rassenblutes ( H i r s c h f e l d : R-BI) aus. Der biochemische Index der östlichen Rassen ist nach biologisch- anthropologischen Untersuchungen niedriger als der der nordi- schen Rassen. So haben Engländer, Franzosen, Deutsche und Skandinavier einen hohen R-B I und wenig Trachom, dagegen Japaner, Chinesen, Inder, Koreaner, Zigeuner u. a. östliche Ras- sen umgekehrt einen niedrigen R-B I und leiden häufig an Tra- chom. Also: die Völker, welche einen niedrigen R-B I haben, sind nach S p a s s k i j zu Trachom mehr disponiert als diejenigen mit hohem R-B1I. Nach den Untersuchungen von P e t r o w ist der R-BI der Tscheremissen niedrig (0,7), ebenso der der Tschu- waschen (0,8), welche ebenfalls reich an Trachom sind. „Zum Trachom disponierte Völker, wie Tscheremissen, Tschuwaschen und ihnen verwandte Völkerschaften, haben einen niedrigen R-B I, und das deutet darauf hin, dass diese Völker ihrer Herkunft nach in den Südosten des asiatisch-europäischen Kontinents oder sogar A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 63 nach Afrika gehören, was auch durch historische Daten bestätigt wird" (S p a s s k i j ) . Was die Verbreitung des Trachoms anbetrifft, so ist es in den Hauptzügen wahr, dass es im Osten und Süden mehr verbreitet ist als im Westen und Norden. Doch sind im Westen und im Nor- den Trachomherde zu finden, welche manchen Gegenden des Ostens nicht nachstehen (in Italien, Spanien, sogar in Belgien, Holland u. s. w.). Auch die Ergebnisse der Rassenblutuntersuchungen scheinen im allgemeinen, wie es aus der Monographie von S c h e i d t zu ersehen ist, mit der Annahme, dass der R-B I von Osten nach Westen zunimmt, zu stimmen. Interessant ist es zu konstatieren, dass die von J a r r seinerzeit behauptete absolute Immunität der Indianer mit dem hohen R-B I ihrer Rasse über- raschend gut stimmt. Ihr R-B I ist sogar höher als der der Eng- länder. Die Neger, welche nach S w a n - B u r n e t t immun sein sollen, zeigen dagegen einen ziemlich niedrigen R-BI , und wiederum die trachomverseuchten polnischen Juden einen hohen R-B I. Die biologisch-serologischen Blutuntersuchungen a l l e i n können nach den bisherigen Erfahrungen - f ü r die Rassenkunde praktisch nicht verwertet werden, ebenso kann man nicht den Blutbefund irgendwelcher Rasse mit einer Krankheit in Zu- sammenhang bringen ( H i r s c h f e l d , S c h e i d t ) . Das haben auch diesbezügliche Blutuntersuchungen auf Agglutinogen B von S p a s s k i j bei Gesunden und bei Trachomkranken bestätigt. E r konnte keinen Unterschied im Blute beider Gruppen — der Ge- sunden und der Trachomkranken — feststellen. Agglutinogen B war im Blute beider Gruppen gleich vorhanden: der R-B I bei Gesunden und bei Trachomkranken war gleich und bei den letzte- ren nicht niedriger, als er es vorausgesetzt hatte. Dass die Rasse keine ausschlaggebende Bedeutung in der Pathogenese des Trachoms haben kann, ist wiederholt betont wor- den. Der Begriff „Rasse" ist immer mit denjenigen des Ortes und der Zeit verbunden. Darum sehen wir auch, dass, wo zu einer Rasse gehörende Menschen in ihrer Heimat nicht erkranken, dies nicht nur daran liegt, dass dazu keine Gelegenheit geboten wird — die kann ja vorhanden sein —, sondern dass das Trachomvirus dort aus rein lokalen Ursachen keinen günstigen Boden fü r seine Ent- wicklung und Verbreitung finden kann, wie wir an dem Beispiele der Schweiz wiederholt gesehen haben. Die Schweixer sind in 64 JAAN UUDELT A XIX. i ihrer Heimat immun gegen Trachominfektion, ausserhalb der Schweiz — in Italien, Frankreich — verlieren sie die Immunität ihrer Rasse. Ebenso hat O l e B u l l unte^ den Norwegern in den Vereinigten Staaten von Nordamerika oft schwere Fälle von Trachom gesehen, was er in Norwegen nicht beobachten konnte, wie wir schon oben erwähnt haben, obwohl die Menschen auch hier nicht selten Gelegenheit hatten von Seeleuten und Fischern, die auswärts infiziert waren, mit Trachom angesteckt zu werden. O l e B u l l sah unter seinen 14 OOO Patienten 5—6 Fälle von eingeschlepptem Trachom, und keinmal hat er eine Übertragung der Krankheit beobachten können. Er glaubt, dass fü r die Ver- breitung des Trachoms in Norwegen nicht der Wohlstand und die Zivilisation des Volkes ein Hindernis darstelle. „Wohl kann in Norwegen jeder Einwohner lesen und schreiben, aber niemand wird glauben, dass dieses gegen Trachom schützt." Die Zivili- sation sei da nicht so hoch, dass „jedes einzelne Familienglied sein eigenes Handtuch und Waschservice" benutze. In einzelnen Teilen des Landes sollen die Leute so arm leben, dass „die Be- schaffung von Waschschüsseln und Handtüchern als ein unnötiger Luxus angesehen wird" (1896). Entgegengesetzte Verhältnisse sah O l e B u l l später in Nordamerika (Minnesota), wo die Skandinavier (unter ihnen auch Norweger) jedenfalls in öko- nomischer Hinsicht besser gestellt waren als in ihrem Heimat- lande: 30% sämtlicher von O l e B u l l behandelter Skandinavier litten an Trachom, so dass amerikanische Ärzte sie fü r sehr zu Trachom disponiert hielten. Neulich hat W a j d a in Miskolcz an den ungarischen Emigranten, welche nach dem Weltkriege nach Ungarn heimkehrten, die Beobachtung gemacht, dass die heim- gekehrten Auswanderer häufiger und an einem viel bösartigeren Trachom litten, als sonst in Ungarn, so dass er sich mit K r e i k e r veranlasst sah, von „amerikanischem Trachom" zu sprechen. Wie die Verbreitung, so kann auch die Schwere des Trachoms innerhalb enger Grenzen und einer Nationalität verschieden sein. Nach Angaben von K r ü d e n e r und O t t a s zeigt das Trachom auf der Insel ösel durchaus einen gutartigen Charakter und Verlauf. Im Dörptschen und im Pernauschen Kreise verläuft es dagegen besonders bösartig. S t a v e n h a g e n beobachtete schon im Jahre 1868 den Unterschied im Charakter des Trachoms in Dorpat, wo er früher arbeitete, und in Riga. In Riga konnte er keinen Fall mit wuchernden Granulationen sehen, die man mit der Schere A XIX. i Uber das Blutbild Trachomkranker 65 abtragen musste, wie man es in Dorpat damals nicht selten be- obachten konnte. O t t a s sah auf ösel unter seinen Augenkranken 29% Trachom: darunter mit Trichiasis 9%, mit Pannus 15% und Erblindete 9% (von allen Blinden), im Dörptschen Kreise gleich- falls 29% Trachom, dagegen: mit Trichiasis23%,mitPannus36,6% und Erblindete 40,4% (zit. n. K u r i k s ) . Man sieht einen deut- lichen Unterschied in der Malignität des Trachoms an verschiede- nen Orten, sogar in den Grenzen eines kleinen Landareals und in- nerhalb einer einzigen Nationalität. Darum ist eine Erklärung schwerlich in der verschiedenen Resistenz der Rasse zu suchen, eher schon in den örtlichen klimatischen Bedingungen. Eine ver- schiedene Virulenz des Erregers auf der Insel ösel und auf dem Festlande ist kaum anzunehmen, da die Öselaner als Saisonarbei- ter jeden Sommer auf das Festland kommen und im Herbst wieder in die Heimat zurückkehren, und dadurch eine beständige Mischung des Erregers hier und dort unterhalten müssten; dadurch müssten auch die biologischen Eigenschaften des Trachomerregers immer- for t ausgeglichen werden. Man könnte j a denken, dass das Trachom auf ösel deswegen milder verlaufe, weil die Menschen dort sauberer leben und im Fall einer Erkrankung mehr Sorge f ü r Behandlung tragen. Nach meiner persönlichen Erfahrung auf ösel (1910) kann ich aber das Ge- genteil behaupten: sie leben in viel schlechteren sozialen Verhält- nissen, ärmer und unsauberer, als die Bewohner des Festlandes, so dass der Trachomerreger dort gerade den geeigneten Boden fü r seine Entwicklung finden müsste. Auch in Bezug auf die ärztliche Hilfe war ösel damals, als K r ü d e n e r und O t t a s ihre Beobach- tungen machten, ganz unzureichend bestellt, unvergleichlich un- günstiger als der Dörptsche Kreis. Hier gab es ausser Privat- ärzten noch die Universitätsaugenklinik, wo die Hilfe unentgelt- lich geboten wurde. Auf ösel praktizierte damals kein Augen- arzt, und die praktischen Ärzte lebten nur in der Stadt Arens- burg. Auf dem Lande arbeitete kein Arzt, während im Dörptschen und Pernauschen Kreise die Kirchspielsärzte der Bevölkerung immer erreichbar waren. Dass das Trachom auf ösel wirklich gutartiger als auf dem Festlande war, kann ich aus eigener Er- fahrung durchaus bestätigen. Dass keine Nationalität resp. Rasse gegen Trachominfektion immun ist, zeigen die Beobachtungen in Russland, wo die Russen in getrennten oder in gemischten Dörfern neben verschiedenen 5 66 JAAN UUDELT A XIX. i kleineren Völkerschaften leben, wie T s c h i r k o w s k i j es dar- stellt. So berichtet er, dass die Russen in rein russischen Bezirken 6% Trachom haben, dagegen in Gemeinden mit einer mit Tschu- waschen gemischten Bevölkerung, welche bis 35% verseucht sind, 25,4%. Man darf nicht glauben, dass die Russen weniger empfäng- lich fü r Trachom sind als andere Nationalitäten in Russland. Bei uns in Estland sind am Peipussee die Fischerdörfer mit russischer Bevölkerung stark trachomverseucht, sicher stärker als die acker- bauenden Esten. b) Z u r F r a g e d e r i n d i v i d u e l l e n D i s p o s i t i o n . „Das Trachom ist nicht ansteckend, aber die Ursache desselben, der con- tagiöse Catarrh, ist ansteckend." (P. B 1 u m b e r g, Graefes Archiv f. 0. Bd. 15. Abh. I. S. 129. 1869.) „In erster Linie besteht aber die Disposition in der Gelegenheit zur In- fektion." (A x e n f e 1 d, Lehrb. d. Au- genheilkunde. 2. Aufl. 1910.) Das klinische Bild eines Trachoms kann entstehen, wie wir bei der Beschreibung des experimentell erzeugten Trachoms gese- hen haben, ausser durch Trachominfektion auch noch durch ver- schiedene andersartige Schädlichkeiten, welche scheinbar mit dem echten Trachom nichts Gemeinsames haben. Das bestätigen die Beobachtungen von P l a n g e , K r ü d e n e r (Rachensekret), K a p u s c i n s k i, G i a l l o m b a r d o (verschiedene Reize), B o t t e r i und S p a n i e (Impfung von Plasmomgewebe). — Trachombild Viele allgemeine Körperkrankheiten geben sich durch Follikel- hei Allgemein- leiden. bildung in der Konjunktiva kund. (Hier wollen wir von den Atropinfollikeln absehen. Sie sind allbekannt und schon von G r a e f e besehrieben. Trotzdem führen sie manchmal den ge- übtesten Augenarzt irre und werden gelegentlich sogar ausge- rollt! Doch kommen sie selten vor.) In erster Linie kann die L u e s sich auf der Bindehaut in Form von Entzündung und Follikelbildung manifestieren, die zu Verwechselung mit Trachom geführt haben, wie sie von G o l d - z i e h e r , S a t t l e r , I n o u y e, I g e r s h e i m e r, M o r a x und S c h u s b ö e beschrieben worden sind (zit. n. D e r k a c ) . Dass es sich in vielen Fällen um syphilitische Veränderungen ge- handelt hat, beweist die positive Wasse rmann-Reak t ion und die der antiluetischen Behandlung folgende schnelle Heilung. In den A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 67 meisten von D e r k a c beobachteten Fällen scheint es freilich, dass eine gleichzeitige Kombination von Trachom und Syphilis vorlag. In Bezug auf 2 Fälle ist D e r k a c der Ansicht, dass die narbigen Veränderungen der Bindehaut luetischen Ursprungs sein konnten. L e u k ä m i e und P s e u d o l e u k ä m i e können zu ent- zündlichen Vergrösserungen der Follikel in der Bindehaut führen, welche geschwürig werden und nachher vernarben können (M e 1- 1 e r, zit. n. G r o e n o u w). Multiple Lymphombildungen der Kon- junktiva sollen in den von P a s c h e f f und E l s c h n i g beobach- teten Fällen das Trachom vorgetäuscht haben (n. G r o e n o u w ) . Kürzlich (1926) hat M ö w i s c h einen Fall mitgeteilt, wo im An- schluss an Grippe eine granulöse trachomähnliche Konjunktivitis auftrat , und wo die Biutuntersuchung und Milzvergrösserung Leu- kämie ergaben. Wir haben einen Fall beobachtet, wo bei einer leukä- mischen Frau das Trachombild in einem Auge entstand, und wo eine Infektion mit Trachom sicher ausgeschlossen war. Den Fall möchte ich hier näher beschreiben. Patientin K. P., 59 Jahre alt, kam in die Klinik im Winter 1924 mit Störung der Tränenableitung, besonders im linken Auge. Beide Augen waren in normalem Zustande, abgesehen von der be- hinderten Tränenableitung. Wegen der Enge des Tränenkanals wurde sie einmalig sondiert. Die Sondierung ergab aber keinen Er- folg. In der Nase, hauptsächlich linkerseits, waren grosse Granulationen und mit trockenen Borken belegte Wucherungen vorhanden, und die Patientin wurde zum Spezialisten zur Nasen- untersuchung geschickt, wegen Verdacht auf Tbc der Nasen- schleimhaut. Der Rhinologe behandelte sie längere Zeit ohne we- sentlichen Erfolg. Tbc der Schleimhaut wurde von ihm negiert, aber um was fü r Wucherungen in der Nase es sich handelte, blieb unklar (Lues war ausgeschlossen). Nach einem Jahr, im Winter 1925, bekam die Patientin ein randštändiges Infiltrat auf der lin- ken Hornhaut, welches sich in ein Geschwür umwandelte. Das Ulcus heilte diesmal ohne Perforation, aber nach einiger Zeit bil- dete sich ein zweites, welches perforierte und mit Irisvorfall heilte. Inzwischen war die Patientin an Herpes zoster mit nach- folgenden Varizellen erkrankt. Sie erholte sich von diesen Er- krankungen. Im Blute wurde eine schwere lymphatische Leu- kämie festgestellt. Im nächsten Frühling, 1925, kam sie wieder in die Klinik mit dem ausgesprochenen Bilde eines follikulären Trachoms am linken Auge. Es war eine starke papilläre Hyper- 5* 68 JAAN UUDELT A XIX. i trophie mit grossen und zahlreichen Follikeln an beiden Lidern des linken Auges vorhanden. Sie wurde als Trachom behandelt. Die Patientin hatte Zeit und Geduld, um die Kur genügend durch- zuführen. Die Follikel verschwanden nach einigen Monaten. Die Konjunktiva vernarbte wie bei Trachom. Das rechte Auge blieb intakt. Eine Gelegenheit zur Infektion mit Trachom war ausge- schlossen. Sie lebte mit ihrer gesunden Tochter (Zahnärztin) zu- sammen und war in der betreffenden Zeit mit Fremden, geschweige denn mit Trachomkranken, gar nicht in Berührung gekommen. Später bekam sie im rechten Auge eine oft rezidivierende purulente Dakryozystitis. Die Kranke starb im Herbst 1926. Das Blutbild zeigte 26.1. 1925: Er. 3.400.000, Leukozyt. 26.000, davon Neutroph, 16,0%, Lymphoz. 81,0% und Mon. 3,0%; 2. VI. 1926: Neutroph. 2,0%, Lymphoz. 97,0%, Mon. 1,0% bei einer Leukozytenzahl von 50.000. Hier scheint mir wohl die Annahme berechtigt, dass das Trachombild im linken Auge nicht durch ektogene Trachomin- fektion entstanden, dass es hier vielmehr durch die Leukämie, aus endogenen Gründen, zur Entstehung der Follikel und der Pa- pillarhypertrophie der Bindehaut, also der Hyperplasie des lymphatischen Gewebes im Auge wie auch am übrigen Körper, gekommen war. Der bakterielle Reiz, der vielleicht die f rüher entstandenen rezidivierenden Hornhautgeschwüre verursacht hatte, kann dazu als ein Stimulus beigetragen haben. Im Sekrete war ausser Staphylokokken nichts gefunden worden, Einschluss- pörperchen fehlten. Dass die Granulationen in der Nase, welche ebenso wie die Trachomfollikel geschwürig wurden und ver- narbten, also denselben Verlauf wie bei Trachom zeigten, hier leukämische Bildungen darstellten, scheint auch sehr plausibel. Denn Lues und Tuberkulose, welche zu ähnlichen Granulationen hätten führen können, waren ganz ausgeschlossen. Traehomähnliche Bilder auf der Konjunktiva aus unbekannter Ursache haben v. D u y s e und P a s c h e f f beschrieben. In der Aussprache zu D u y s e s Mitteilung erklärten G a l l e m a e r t s , C o p p e z und E l e v a u t ebensolche Erkrankungen gesehen zu haben (Zentrabi. f. g. O. Bd. 15; 1925). P a s c h e f f ' s 2 Fälle sind auch von den früher behandelnden Ärzten f ü r Trachom ge- halten worden, doch der Verlauf und die Behandlung haben ihn überzeugt, dass es sich nicht um echtes Trachom handelte. Das pathologisch-anatomische Bild, bestehend aus lauter Lymphozyten A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker G9 und Lymphoblasten, erinnerte in seiner Struktur mehr an rich- tige Lymphome, als an echtes diffuses Trachom. Darum hat P a s c h e f f die Krankheit „ C o n j u n c t i v i t i s h y p e r p l a - s t i c a l y m p h a d e n o i d e s d i f f u s a" genannt. Das Blutbild war normal, abgesehen von einer Lymphozytose von 39,5%. Diese hier vorgeführten Follikelbildungen sollen nicht Ver- anlassung zu der Annahme geben, dass das echte Trachom durch Syphilis, Leukämie oder durch andere unbekannte Ursachen sich entwickeln könnte. Sie zeigen nur nochmals, dass Follikelbildungen auch aus verschiedenen e n d o g e n e n Ursachen entstehen können. Sie können ausserdem als allergische Reaktion der Konjunktiva auf abakterielle Reize (Pollenstaub) auftreten, wie L e m o i n e und L e h r f e 1 d bei Frühjahrskatarrh und bei Trachom gezeigt haben. Vielleicht lässt sich auf diese Ursachen die altbekannte Beobach- tung zurückführen, dass das Trachom im Frühjahr häufiger auf- tritt , und dass alte Trachome im Früh jahr häufiger exazerbieren als zu anderen Jahreszeiten. Den Follikelbildungen auf der Konjunktiva ist auch von sei-̂ anû TrisYäte- ten der inneren Medizin Aufmerksamkeit geschenkt worden, näm- s S f Iich seitens der Tuberkuloseärzte. S a a t h o f f in Oberstdorf sah ^ m P h a t i c u s - bei den auf latente Tuberkulose suspekten Kindern, wie bei zwei- felhaften Bronchialdrüsenaffektionen, bei Temperatursteigerun- gen aus unbekannten Ursachen, bei Bleichsucht und Anämie, wo bei dem weiteren Verlaufe des Leidens die Tuberkuloseinfektion sich nachweisen liess, oder wo sie schon von Anfang an sicher nachweisbar war, die Kinder sehr oft im äusseren Winkel des unte- ren Augenlides Hyperplasien der Lymphfollikel aufwiesen. Die Follikel seien in verschiedenem Grade, von kleinen Körnern bis zu „glasigen vorragenden Kuppen", die an das Trachom (?) erin- nern sollen, zu finden. Im Frühjahr , ebenso auch nach einer Tu- berkulinreaktion, welche bei solchen Kindern meist positiv aus- fiele, würden die Follikel grösser und verschwänden mit Besserung des Allgemeinzustandes. S a a t h o f f bringt die vergrösserten Follikel in ursächlichen Zusammenhang mit der Tuberkulosein- fektion, und beschreibt sie als ein Frühsymptom derselben unter dem Namen: „ C o n j u n c t i v i t i s g r a n u l a r i s l a t e r a - 1 i s". Das S a a t h o f f'sche Symptom wurde von K o o p - m a n n geprüft und bestätigt. Doch in Bezug auf seine Bedeu- tung fü r die Tuberkuloseinfektion ist K o o p m a n n anderer Mei- nung. E r bezieht die Follikelvergrösserung auf den Status thymo- 70 JAAN UUDELT A XIX. i lymphaticus. Was f ü r eine Bedeutung* die „Conjunctivitis granu- laris lateralis" f ü r die Tuberkuloseinfektion hat, überlassen wir den Fachleuten zu entscheiden. Uns interessieren mehr die Unter- suchungen von Koopmann , welcher den klinischen Befund an den Augen und den Sektionsbefund an den Leichen der betreffenden Personen verglichen hat. Er fand, dass mit zunehmendem Lebens- D i a g r a m m VI. Thymus-Gewicht nach H a m m a r in den verschiedenen Lebens- altern (nach H o h 1 f e 1 d, Handb. d. allg. Path. und path. An. des Kindesalters, 1913). Mk / \ / \ NP yunti •h, 30 / Xi 4-i t- /H- \ Jjav ftSASd viM IvhJAv iv -XhAs / \ V ¢4 JJb: ytovti\ a .i _ Ii" / f d L , c,.JL..ji MlsAim .At & ^01 / 10 // \ ) \ \ / \ 1? N1 / \/ \1 <10 \ \ Mtw " I - H Mß M W Xi-IS M 3W M f H-If r r alter das S a a t h o f f'sche Symptom und die Zeichen des Status thymo-lymphaticus an der Leiche beide in gleicher Weise abnahmen und einen überraschenden Parallelismus zeigten, gerade entgegen- gesetzt der Tuberkuloseinfektion. Darum will K o o p m a n n in der „Conjunctivitis granularis lateralis" ein Zeichen des Status thymo-lymphaticus am Lebenden sehen: „Wenn man sich ver- gegenwärtigt, dass das S a a t h o f f'sche Zeichen histologisch A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 71 nichts anderes darstellt, als ein hyperplastisches Lymphfollikel- chen, und dass der Status thymo-lymphaticus mehr oder weniger eine Hyperplasie des ganzen lymphatischen Apparates bedeutet, so kann man diesen Parallelismus erwarten, und darf in ihm einen D i a g r a m m VII. Die Grösse des Thymus bei plötzlich Gestorbenen und Kriegs- gefallenen nach G r o l l . w% 10 \ 80 \ / \ \ / P \ \ AO V / V i • fO \ \\ 10 \ 7 N A 3 0 \ / \ 10 / N i / i 10 • \ A 0 \ ^ 1 3 0 ¥0 vier tyO $ Thymus vergrössert „ normal „ verkleinert Beweis f ü r die Annahme erblicken, dass tatsächlich das S a a t - h o f f'sche Zeichen nur ein Teilsymptom des Status thymo-lympha- ticus bedeutet". Diese von K o o p m a n n auf dem. Sdctionstische gemachte Beobachtung von der prozentuellen Häufigkeit des Status thymo- lymphaticus in verschiedenen Lebensaltern, sollte sie der Wirk- 72 JAAN UUDELT A XIX. i lichkeit entsprechen und von anderen bestätigt werden, dürfte fü r die Klärung der Frage der persönlichen Disposition in der Trachomgenese von grosser Bedeutung werden. Wegen der grossen Wichtigkeit, welche dem Status thymo- lymphaticus fü r das Trachomproblem in der ophthalmologischen Literatur in letzter Zeit beigemessen wird, bringen wir hier die Tabelle von K o o p m a n n über den Parallelismus zwischen Sta- tus thymo-lymphaticus und „Conjunctivitis granularis lateralis" von S a a t h o f f mit der Abänderung, dass wir beide Geschlechter zusammenziehen und bei den Zahlen die Bruchteile fortlassen, die Zahlen also abrunden: Lebensjahr: 0—10 11—20 21—30 31—40 41—50 51—60 St. thymo-lymph. 69 91 79 44 9 2 in %% Conj. grand. lat. 93 88 69 46 20 13 in %% Um den Zustand des Iymphatischen1Apparates in jedem Le- bensalter des Menschen zu veranschaulichen, bringe ich hier die Kurven über die Entwickelung des Thymus nach den Forschungen von H a m m a r (nach H 0 h 1 f e 1 d, Handb. d. allg. Pathol. u. d. path. An. des Kindesalters, 1913) und nach den Sektionsbefunden an im Weltkriege Gefallenen und plötzlich Gestorbenen von G r o l l (M. m. W. 1917): Diagramm VI und VII. Wir setzen gleich hierher die Zahlen des Follikularkatarrhs (1924—1928) und des Trachoma I (1920—1928) nach dem Ma- teriale unserer Klinik (siehe Tab. IV, V u. Diagr. VIII, IX) : Lebensjahr: 0—10 11—20 21—30 31—40 41—50 51—60 ConjTTolk 18,94 49,86 22,66 4,80 1,87 1,6Õ~ in %% Trachoma I 15,39 41^88 29,63 9^8 2,28 O ^ T in %% Man sieht, dass das adenoide Gewebe oder der lymphatische Apparat des Menschen in verschiedenen Lebensaltern ungleich entwickelt ist: seine Entwicklung findet im Kindes- und jugend- lichen Alter statt, sein Höhepunkt fällt auf das 15.—20. Jahr, mit dem Reifealter tritt seine Involution und im Mannes- und Greisenalter seine Hypoplasie ein. Da das subepitheliale Gewebe der Bindehaut die Struktur des Lymphgewebes hat und nach den Untersuchungen von P a s c h e f f sogar hämatopoetische Funktion A XIX. i Uber das Blutbild Trachomkranker 73 besitzt, indem Blutzellen in der Bindehaut erzeugt werden, so können wir annehmen, dass das adenoide Gewebe der Bindehaut dieselbe Mutation je nach dem Lebensalter des Organismus durch- macht, wie die übrigen lymphatischen Organe des Gesamtkörpers. Aus diesem Grunde ist anzunehmen, dass die Bindehaut nicht in jedem Lebensalter des Menschen und auch nicht bei jedem Indi- D i a g r a m m VIII. Verteilung des frischen Trachoms (I) und des Follikularkatarrhs nach dem Lebensalter (Ambulanz der Univ.-Augenklinik in Tartu) . Fälle. Iftt /HAuLiftA vttJlfdu Ihhti . viduum gleich stark auf Reize mit Follikelbildung reagiert. Da- f ü r ist ein gutes Beispiel im „Follikularkatarrh", im Kollektivsinne dieser Benennung ( = Follikularkatarrh plus Follikulosis), ge- geben. Gewöhnlich wird diese Krankheit auf abakterielle Reize zurückgeführt, also nicht fü r infektiös gehalten, obgleich sie, wie wir aus dem Selbstversuch von A x e n f e l d gesehen haben, manchmal auch infektiös sein kann. Wie aus der Tabelle IV und aus dem Diagramm VIII zu ersehen ist, erkrankt an Folliku- larkatarrh ein Teil der Menschen gerade im kindlichen Alter, bis zu 10 Jahren, und besonders im jugendlichen Alter bis zu 20 T a b e l l e IV. Verteilung des Follikularkatarrhs nach dem Lebensalter (Ambu- lanz der Univ.-Augenklinik in Tartu, 1924—1928). J a h r 0 - 5 6—10 11 — 15 16-20 21—25 26—30 31—35 36—40 41—45 46-50 51—55 56—60 61-70 S u m m e 1924 7 11 15 14 17 5 0 o 1 0 0 1 0 71 *) 1925 6 9 18 19 9 3 2 3 1 0 1 I 0 72 „ 1926 3 9 23 19 13 4 3 1 0 1 1 0 0 71 71 » 1927 5 5 17 20 14 5 5 0 0 0 0 0 1 72 „ 1928 4 12 25 17 12 3 3 1 1 3 1 1 0 83 „ ! Zusammen 25 ! 46 98 89 65 20 13 5 3 4 3 3 1 375 % 6,67 12,27 26,13 23,73 17,33 5,33 3,47 1,33 0,80 1,07 0,80 0,80 0,27 100 % 18 94 49,86 22,66 4,80 1,87 1,60 0,27 100 *) Die hier angegebenen Gesamtzahlen der Jahre 1924—1928 entsprechen nicht genau denen in der Tabelle II aus denselben Jahren (1924—1928), weil die zweite Zählung nach Altersgruppen erst viel später ausgeführt wurde, als manche Registrierkarten bereits aus einem Jahre in ein anderes gelangt waren. T a b e l l e V. Verteilung des frischen follikulären Trachoms nach dem Lebens- alter (Ambulanz der Univ.-Augenklinik in Tartu, 1920—1928). J a h r 0 — 5 6 - 1 0 11—15 16—20 21-25 26-30 31—35 36—40 41-45 46—50 51—55 56-60 61—70 S u m m e 1920*) 1 2 5 10 15 1 2 1 0 0 0 0 0 37 1921*) 2 2 11 9 4 0 0 0 0 0 0 0 0 28 1922*) 6 8 14 16 10 1 1 2 1 0 0 1 0 60 1923 1924 7 13 13 13 9 8 3 1 2 1 0 0 1 71 1925 2 4 11 12 7 0 2 2 0 0 0 0 0 40 1926 **) 3 1 8 11 11 6 5 1 1 0 0 0 0 47 1927 **) 2 0 2 5 16 4 5 2 3 0 0 2 0 41 1928 1 0 2 5 9 3 5 2 0 0 0 0 0 27 Zusammen 24 30 66 81 81 23 23 11 7 1 0 3 1 351 % 6,84 8,55 18,80 23,08 23,08 6,55 6,55 3,13 1,99 0,29 0,00 0,85 0,29 100 % 15,39 41,88 29,63 9,68 2 28 0,85 0,29 100 *) Die Angaben für die Jahre 1920—1922 stammen aus der Dissertation von Dr. 0. K u r i k s . **) Die hier angeführten Gesamtzahlen weichen von den Gesamtzahlen der Jahre 1926 und 1927 in der Tab. I ab, weil die Zählung nach Altersgruppen viel später ausgeführt wurde, als manche Zählkarten bereits aus einem Jahre in ein an- deres gelangt waren. 76 JAAN UUDELT A XIX. i Jahren, mit dem Kulminationspunkt im 15. Lebensjahre. Nach Erlangung der Keife, von dem 20. Lebensjahre an, nimmt der Follikularkatarrh an Häufigkeit rapid ab, und nach dem 30. Lebensjahre sieht man ihn nur noch ab und zu in vereinzelten Fällen. Da der Follikularkatarrh gewöhnlich nicht auf bakteri- ellen Ursachen beruht, sondern auf endogenen und ektogenen abakteriellen Reizen, so ist es höchst wahrscheinlich, dass er die D i a g r a m m IX. Vergleichende Kurven des frischen Trachoms, des Follikular- katarrhs und des Stat. thymo-lymphaticus nach dem Lebensalter. fiM-l- lLJxAiAjd^v Reizbarkeit der Bindehaut überhaupt anzeigt. Dass diese Reiz- barkeit von dem jeweiligen Status des lymphatischen adenoiden Gewebes abhängig ist, scheint ebenfalls annehmbar zu sein. A l s o : w i r k ö n n t e n d e n S c h l u s s z i e h e n , d a s s d i e F ä h i g - k e i t d e r B i n d e h a u t a u f R e i z e m i t F o l l i k e l b i l - d u n g z u r e a g i e r e n j e d e s m a l a u f d e n G r a d d e r E n t w i c k l u n g d e s s u b e p i t h e l i a l e n a d e n o i d e n G e w e b e s d e r B i n d e h a u t z u r ü c k z u f ü h r e n s e i . Es ist auch histologisch bestätigt worden, dass das adenoide Ge- webe der Bindehaut im ersten Lebensjahre und dann wieder im A XIX. i Uber das Blutbild Trachomkranker Alter weniger entwickelt ist, als in jugendlichen Jahren ( S a t t - l e r , B l u m b e r g , F e d o r o w). Das Trachom ist eine Krankheit, welche sich von der „Con-̂ ®J„nkJfnJUall junctivitis follicularis" klinisch dadurch unterscheidet, dass zu Tracllom' den Follikelbildungen noch proliferative, entzündliche Erscheinun- gen und eine diffuse papilläre Hypertrophie hinzutreten, und dass der Prozess sich in der Tiefe der Bindehaut im subepithelialen Gewebe abspielt. Damit t r i t t er in innige Beziehung zu dem je- weiligen Zustande des adenoiden Gewebes der Bindehaut. Die Tiere scheinen fü r Trachom unempfänglich zu sein, weil ihre Bindehaut bei mangelhafter Entwicklung der adenoiden Schicht keinen günstigen Boden fü r das Trachom bietet. Wenn man die Verbreitung des Trachoms im Anfangsstadium so- wie die Zeit der Infektion bei Menschen verschiedenen Alters ver- folgt, dann sieht man, dass es nicht in jedem Alter gleich häu- fig ist. Nach unserer Beobachtung herrscht das jugendliche Alter (um das 20. Lebensjahr) vor, ebenso wie beim Folli- kularkatarrh. Die Diagramme VIII und IX veranschaulichen die Verbreitung des Follikularkatarrhs und des Trachoms im An- fangsstadium (Trachoma folliculare seu recens) in den verschiede- nen Lebensaltern, nach dem Material der Dorpater Univ.-Augenkli- nik. Diagramm X vergleicht das Dorpater Material mit dem- jenigen der Augenklinik in Saratow ( B a r y s c h n i k o w a , Kl. Zeitschr. d. Univ. Saratow, Bd. V. H. 3. 1928). Aus den Diagrammen VIII und IX ersehen wir, dass die Kurve der Trachomansteckungszeit in den ersten 10 Lebensjahren einen ziemlich langsamen Anstieg zeigt, dagegen nach dem 10. Lebens- jahre einen plötzlichen Sprung nach oben macht und ihren Höhe- punkt im 20. Lebensjahr erreicht, dann stehen bleibt und nach dem 25. Lebensjahr wieder steil abfä l l t 1 ) . Der Follikularkatarrh (Diagr. VIII, IX) durchschreitet den gleichen, fast parallelen Weg, x) H o p p e erhielt auf Grund einer Besichtigung der ganzen Bevölkerung einiger Dörfer in Ostpreussen fü r Trachom I - I I I folgende Zahlen: O— 6 J. a. in 6,17% | 6 - 1 4 „ „ „ 10,35% l 14—21 „ „ „ 13,04% j — 21—95 „ „ „ 7,06% J Nach H o p p e fällt die Trachomfrequenz nach dem 21. Lebensjahr rapid. Es kommen wenige neue Erkrankungen hinzu, wohl aber kommen Heilungen des in der Jugend zugezogenen Trachoms vor. 78 JAAN UUDELT A XIX. i wie das Trachom (I), nur wird sein Höhepunkt etwas früher, im 15. Lebensjahr, erreicht, hält sich bis zum 20. Lebensjahr ungefähr auf gleicher Höhe und fällt dann wieder steil ab. Der Höhepunkt liegt bei Trachom I in der Nähe des 20., bei dem Follikularkatarrh in der Nähe des 15. Lebensjahres i ) . Nach B a r y s c h n i k o w a fällt der Kulminationspunkt auf das 30. Jahr. Doch dürfte tat- D i a g r a m m X. Verteilung des frischen Trachoms auf die Lebensalter in Sara- tow (nach B a r y s c h n i k o w a ) und in Tartu (Vergleichskurve). 50% / \ //\ / / \ , %, ) 10 t '/ \ I U, l 1 / / i • r/r* V \ r I Uff * ) 30 / / \ 4 1 / / \ /, / j 1 \ 10 y/ 5 V ' \ (* 'J) i Kn$i ! ' frfl \ /! \ / ] / — -, -Si t ( ) ,J i- sächlich der Höhepunkt auch bei ihr auf ein früheres Jahr fallen. Sie hat ein zu langes Zeitintervall, vom 15.—30. Jahre, genommen und dadurch ist eine künstliche Verschiebung nach rechts zustande ') Nach Angaben von S s a m s s o n o w a beobachtet man bei Jugend- lichen in den Pubertätsjahren (16—17 J.) nicht nur ein häufiges Auftreten des frischen Trachoms, sondern auch, dass das alte, schon in den Ruhezustand getretene Narbentrachom wieder aktiv wird, neue frische Follikel hervorbringt und sich aus dem dritten Narbenstadium in das erste frische, follikuläre Stadium umwandelt, welches sich nach Verlauf der Pubertätsjähre wieder beruhigt, zurückbildet. S s a m s s o n o w a bringt diese Erscheinung bei Tra- chom in Analogie mit dem Aktivwerden der latenten Tuberkulose in den Pubertäts j ahren. A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 79 gekommen. In das Diagramm IX haben wir neben den Kurven des Trachoms (I) und des Follikularkatarrhs noch die Kurve des Sta- tus thymo-lymphaticus nach K o o p m a n n eingetragen. Daraus ersehen wir, dass die Kurven in allen Lebensjahren den gleichen parallelen Verlauf zeigen. Wir sehen also deutlich, dass jugend- liche Personen f ü r Trachominfektion prädisponiert sind, und dass das Alter, mit einzelnen Ausnahmen, verschont bleibt. Dies kann man nicht dem Zufall zuschreiben, denn dieses Verhältnis bleibt durch alle 8 Jahre unserer Beobachtungen konstant. D a r a u s k ö n n e n w i r d e n S c h l u s s z i e h e n , d a s s i n u n s e r e n V e r h ä l t n i s s e n d a s j u g e n d l i c h e A l t e r d e r T r a - c h o m i n f e k t i o n m e h r a u s g e s e t z t i s t u n d d a s s a l t e M e n s c h e n r e l a t i v r e s i s t e n t g e g e n s i e s i n d . Ich glaube nicht, dass diese Resistenz durch irgendwelche äus- sere Faktoren, wie soziale Lage oder Gewohnheiten einer Alters- gruppe, zu erklären sei ( T s c h i r k o w s k i j ) , sondern dass sie durch innere Faktoren bedingt ist. Da die Jahre der häufigsten Infektion mit denen des Vorkommens des Status thymo-lympha- ticus zusammenfallen, und da die Follikel der Bindehaut nichts anderes sind als Lymphfollikel, s o i s t e s m e i n e s E r a c h - t e n s g a n z g e r e c h t f e r t i g t , i n d e m S t a t u s t h y m o - l y m p h a t i c u s e i n p r ä d i s p o n i e r e n d e s M o m e n t z u s u c h e n , d a s d e n B o d e n f ü r T r a c h o m i n f e k t i o n b e r e i t e t . Wenn in südlichen Ländern, wie in Palästina ( S c h i m k i n ) , die Kinder schon im 8. Lebensjahr ihre höchste Infektionsfrequenz erreichen, so ist das vielleicht durch die frühere Entwicklung der Südländer zu erklären (Diagramm XI). Andererseits ist das Trachom in stark verseuchten Ländern, wie Palästina, Ägypten und dem nordafrikanischen Küstengebiet, durch vielfache andersartige Infektionen so stark kompli- ziert, sein klinisches Bild so verwickelt, dass die Feststellung des reinen Trachoms unmöglich wird. Die R e s i s t e n z d e s Al - t e r s g e g e n T r a c h o m i n f e k t i o n in Analogie mit der erworbenen Immunität gegen Kinderkrankheiten, wie Masern, Diphtheritis u. s. w., zu bringen, sie ebenso durch Immunisierung infolge beständigen Kontakts mit den Erregern erklären zu wollen, etwa wie die Forschungen von R u d d e r (M. med. W. 1927. H. 6 und 32) und D e g k w i t z (Kl. W. 1926. H. 49) die Immunität der Erwachsenen gegen Kinderkrankheiten interpretiert haben, scheint hier beim Trachom nicht angängig zu sein (T s c h i r- 80 JAAN UUDELT A XIX. i k o w s k i j ) . Gegen eine erworbene Immunität sprechen die vaccinotherapeutischen und serologischen Untersuchungen von H e s s , R ö m e r , M i k a e l j a n , V i s s i c h , V a n c e a und C a n g i, die eine solche nicht nachweisen konnten. Nach D i a g r a m m XI. Frequenz des „aktiven" Trachoms in Palästina nach den Lebens- altern (nach S c h i m k i n) . klinischen Beobachtungen von Reinfektionen ( K u h n t und M e y e r h o f ) erzeugt das überstandene Trachom keine erwor- bene Immunität. E s m u s s a l s o d i e T a t s a c h e d e r r e l a - t i v e n U n e m p f ä n g l i c h k e i t d e s A l t e r s u n d d a - g e g e n d e r r e l a t i v e n E m p f ä n g l i c h k e i t d e r J u - A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 81 g e n d f ü r T r a c h o m b e s t e h e n b l e i b e n , w e l c h e w i r n i c h t d u r c h I n f e k t i o n s g e l e g e n h e i t u n d a u c h n i c h t d u r c h e r w o r b e n e I m m u n i t ä t e r k l ä r e n k ö n n e n . Die häufige Erkrankung an Trachom im jugendlichen Alter ist schon von alten Ophthalmologen festgestellt worden. Eine . Autorität wie A r l t (1855) drückt sich darüber folgender- massen aus: „ R ü c k s i c h t l i c h d e s A l t e r s f ä l l t d i e Z e i t de r E n t s t e h u n g am h ä u f i g s t e n m i t den J a h - r e n d e s M a n n b a r w e r d e n s z u s a m m e n , u n d z w a r v o r d e m Z u s t a n d e k o m m e n d e s s e l b e n . B e i K i n - d e r n u n t e r 5 J a h r e n k o m m t e s n a c h m e i n e n b i s - h e r i g e n B e o b a c h t u n g e n g a r n i c h t , u n d v o n d a b i s z u m 12. J a h r e a u c h n u r a u s n a h m s w e i s e v o r . I m M a n n e s - u n d G r e i s e n a l t e r e n t w i c k e l t e s s i c h s e h r s e l t e n ; . . . d o c h k o m m e n m i t u n t e r F ä l l e v o r , w o d a s e r s t e A u f t r e t e n i n d i e Z e i t d e r I n v o l u t i o n ( d e r k l i m a k t e r i s c h e n J a h r e ) f ä l l t " . Die alten Ophthalmologen, auch A r 11, haben dem A l l g e - Aiigememzu- ' stand uiid m e i n z u s t a n d e d e s K ö r p e r s bei Augenerkrankungen Trachom, mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als die Ophthalmologen unserer Zeit. A r l t kann das Krankhafte, das Schwächliche der Körper- beschaffenheit nicht entgangen sein, denn er schreibt: „Das Vor- kommen des Trachoms... steht in einem so auffallenden Verhältnisse zu dem Vorkommen der Scrofulosis und Tuberculosis, dass eine innigere Beziehung zu diesem Allgemeinleiden nicht in Abrede gestellt werden kann". Wenn heutzutage von vielen Autoren (B r a n a, A n g e l u c c i, W a l t e r u. a.) angenommen wird, dass auf der Grundlage einer defektiven Körperkonstitution Tra- chom infolge äusserer Reize entstehen kann, so finden wir diesen Standpunkt bei A r l t (1855) in folgendem ausgedrückt: „Das Trachom entwickelt sich beim Vorhandensein dieser Anlage (siehe oben!) spontan, in Folge des Allgemeinleidens allein, oder auf verschiedene äussere Veranlassungen, wTelche teils auf das Auge, teils auf den Gesamtorganismus nachteilig einwirken. Bei mehr als zwei Dritteln der Kranken, welche ich an Trachom zu behan- deln hatte, und von denen mir genaue Erhebungen vorliegen, bot entweder der Status praesens oder die Anamnesis unzweideutige Merkmale der Scrofulosis dar. Bei vielen Erwachsenen liess sich Tuberculosis pulmonum mit grösster Wahrscheinlichkeit, bei meh- 6 82 JAAN UUDELT A XIX. i reren mit Bestimmtheit nachweisen. Aber auch die Übrigen zeig- ten fast durchgängig eine blasse, aufgedunsene, oder erdfahle und welke Haut, geringe und schlaffe Muskulatur, Trägheit in den Bewegungen des Körpers und in den Verrichtungen des Un- terleibes. Bisher habe ich nur 5 mal Gelegenheit gehabt, Indivi- duen zu seziren, an denen ich im Leben Trachom diagnostizirt hatte, aber alle zeigten Tuberculosis pulmonum, oder waren ge- radezu in Folge dieses Leidens gestorben" ( A r l t ) . Dass das Trachom aus einer Skrofulose a l l e i n entstehen könnte, diesen Gedanken hat A r l t später aufgegeben (2. Auflage seiner „Klin. Darstellung der Krankheiten des Auges" 1881), doch hat sich der auf seinen Beobachtungen beruhende und von späteren Forschern aufgenommene Gedanke, dass die Skrofulose resp. auch die Tu- berkulose f ü r die Trachominfektion von entscheidender Bedeu- tung sei, bis in unsere Tage erhalten. Dass die Skrofu- löse den Trachomprozess schwer beeinflussen kann, sehen wir heutzutage fortwährend. Diese Beobachtung hatte auch K u h n t, ein guter Kenner des Trachoms, gemacht. Für den besten Schutz gegen die Ansteckung mit Trachom wird von ihm eine gute ge- sunde Konstitution gehalten. Dagegen prädisponieren nach K u h n t Skrofulose, Tuberkulose, Blutarmut und lymphatische Diathese zur Infektion. Seine Anschauungen ersieht man am deutlichsten aus den Äusserungen, die er auf dem XII. intern, med. Kongress in Moskau 1897 über den Einfluss der Skrofulose auf den Charakter des Trachoms gemacht ha t : „Mir ist kaum eine andere Krankheit bekannt, bei welcher die gute oder schlechte Konstitution eine solche Rolle f ü r die Heilung spielt, wie bei der Granulöse. Während wir bei den sogenannten „Kerngesunden" mit relativ einfachen Mitteln und relativ schnell eine Heilung erreichen, auch nur bei sehr, sehr langem Bestände des Leidens eine Hornhautkomplikation sehen, zeigt das geschwächte, blut- arme, nervöse Individuum nicht nur langsamste Fortschritte, son- dern auch gar häufig Exazerbationen und fast immer schliesslich Hornhautgranulose". Derselben Meinung, wie A r l t und K u h n t, dass das Tra- chom bei schwächlichen und skrofulösen Individuen eher vor- komme und bei ihnen besonders schwere Formen annehme, sind die meisten älteren Ophthalmologen, wie B l u m b e r g , M a n - d e l s t a m m , T r u c, C a z a l i s , G r ü n f e l d , O e t t i n g e n, R ä h l m a n n u. a. Sie glauben zwar nicht, dass allein aus einer A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 83 Skrofulose sich ein Trachom entwickeln könne, geben aber doch zu, dass die Skrofulose seine Entstehung befördere. R ä h 1- m a n n sieht in der individuellen Disposition, welche meistens in der Skrofulose bestehe, den Grund f ü r die Entstehung des Pannus trachomatosus. Bei Trachomkranken „schaffe jede schwächende Potenz, welche den Kräftezustand längere Zeit be- einflusst, eine Disposition zur Hornhauterkrankung. Jede inter- kurrent entstehende Anaemie rückt die Gefahr des Pannus und damit die Gefahren f ü r das Sehvermögen überhaupt in die nächste Nähe". 70—75% der Kranken mit Pannus seien skrofulös. Robuste, wohlgenährte, gutsituierte Personen bekommen dagegen den Pannus selten, wenn sie auch an einer schweren Form des Kon- junktivaltrachoms leiden. R ä h 1 m a n n richtete ferner seine Auf- merksamkeit auf den Zustand der Lymphdrüsen des Körpers. Nach seiner Erfahrung sind diese in verschiedenen Körperregionen, hauptsächlich in der Zervikal- und Axillarregion, meist stark vergrössert. Die skrofulösen Individuen seien geneigt zu ver- mehrter Lymphgewebebildung, zur Hyperplasie des lymphoiden Gewebes: darum seien ihre Konjunktiven zur Entstehung des Kon- junktivaltrachoms, dessen Follikel j a nur als kleine Lymphfollikel aufzufassen seien, mehr disponiert als diejenigen von'Menschen mit einer gesunden Konstitution. „Aber gerade zur Entstehung des Pannus liefert die Skrofulose die Hauptdisposition. Der Pannus gehört seinem histologischen Charakter nach in die Reihe der lymphatischen Gewebe. . . Auch seine Entstehung leitet sich ein durch das Auftreten lymphoider Infiltrate, welche ihrer Konfigura- tion nach dem Initialstadium der Follikel gleichen, — kurz, wir haben es bei Pannus mit einer Erkrankung zu tun, deren Häufigkeit bei vorhandener Skrofulose nichts rätselhaftes bietet." Diese von R ä h l m a n n hier zuerst ausgesprochene Anschauung von dem Wesen des Pannus ist grundlegend und hat sich bis auf unsere Tage erhalten. Die neuesten Untersuchungen von P a s c h e f f , H u b e r , R ö t t h und T a b o r i s k y (Kl. M. f. A. Bd. 80. 1928) können dieselbe immer noch bekräftigen. Der Pannus ist danach das echte Trachom der Hornhaut, dem die Follikelbildung vorausgeht, und ist von P a s c h e f f auch in den Fällen von krassen Formen „trachoma verum corneae" genannt worden. Daraus ist ersichtlich, dass die älteren Trachomforscher ge- rade der konstitutionellen Disposition fü r die Pathogenese des 6 * 84 A XIX. i Trachoms und seiner Komplikationen das Hauptgewicht beige- messen haben. Neben der Infektion musste noch etwas in dem betreffenden Individuum stecken, was es f ü r Trachominfektion empfänglich machte. J a l a b e r t, G e r m a i x, B ä c k u. a. be- haupteten sogar, dass das klinische Bild eines richtigen Trachoms n u r bei skrofulösen Individuen sich voll entwickle, dass das Trachom ansteckend sei n u r fü r Menschen mit Skrofulose, nicht aber fü r Gesunde. Nach T r u c und C a z a l i s kann bei einem „terrain predispose" Infektion mit beliebigen Konjunkti- vitiserregern Trachom erzeugen. Die späteren Vertreter dieser Ansicht, B ä c k und G e r m a i x, versuchten Beweise dafür zu erbringen, indem sie das Trachom sich selbst und auch anderen Personen beizubringen versuchten, doch vergeblich, weil sie nicht skrofulös waren. Nach der Entdeckung der Einschlüsse, der sogenannten „Tra- chomkörperchen", in den Epithelzellen der trachomatösen Kon- junktiva durch G r e e f f , H a l b e r s t ä d t e r und P r o w a c z e k (1907) wurde die Aufmerksamkeit der Forscher ausschliesslich auf die bakteriologischen Untersuchungen gelenkt, weil es schien, dass man der Entdeckung des Trachomerregers ,schon nahe ge- kommen wäre. In dieser Zeit entstanden zahlreiche experimen- telle Arbeiten mit Übertragungsversuchen des Trachoms, über welche wir teilweise schon berichtet haben. Dabei wurde der weiteren Beobachtung des trachomkranken Menschen wenig Aufmerksamkeit geschenkt, und die Disposition f ü r die Krank- heit ganz zurückgewiesen, In der Begeisterung f ü r die gross- artigen Errungenschaften der Bakteriologie und Serologie auf dem Gebiete der Infektionskrankheiten war man zu der Anschau- ung gekommen, dass bei der Trachominfektion gleichfalls, wie bei den übrigen Infektionskrankheiten, alles vom Virus und sei- nem Haftenbleiben abhäng-e, so dass jeder Mensch, dem der Tra- chomerreger auf die Bindehaut gelangt und da sitzen bleibt, auch rettungslos der Trachomerkrankung anheimfallen müsse. Aus dieser Zeit stammt auch die Anschauung, welche ich oben ange- führ t habe, dass die Disposition nur in der Infektionsgelegenheit bestehe. Diese Anschauung lehnt damit die persönliche Dispo- sition bei der Erkrankung an Trachom ab und bringt die letztere in alleinige Abhängigkeit von dem Gelangen des Erregers auf die Bindehaut. Deshalb müsste auch jeder Mensch, dem der Tra- chomerreger ins Auge gelangt, bedingungslos erkranken. Dieser A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 85 Anschauung widersprechen aber die klinischen und epidemiologi- schen Erfahrungen. Auch experimentelle Übertragungen auf die menschliche Bindehaut haben oft versagt ( B a b e s und M a n o - I e s c u, B ä c k , G e r m a i x, M u t t e r m i l c h , M o r a x, M i j a - s c h i t a , G r e e f f, O w u c i, P e t e r s , W a k i z a k a). In schwer trachomverseuchten Ländern sieht man immer, dass ein grosser Teil der Bevölkerung verschont bleibt. S p a s s k i j fand in 33 Fa- milien, wo beide Eltern an Trachom litten, unter den Kindern 48 ( = 60%) kranke und 31 ( = 4 0 % ) gesunde. Die Familien leb- ten in den ärmsten und schmutzigsten Verhältnissen, die man sich nur vorstellen kann; damit war die Gelegenheit f ü r alle reich- lich vorhanden sich gleichfalls zu infizieren, und trotzdem taten sie es nicht. Von S p a s s k i j wird nicht angegeben, an welcher Form des Trachoms die Eltern litten, ob an frischem oder an altem Narbentrachom. Das spielt hier auch weniger eine Rolle: da die Geschwister der gesunden ,Kinder ebenfalls (in 60%) an Trachom leidend waren, so hatten die gesunden Kinder eine mehr- fache Gelegenheit nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von ihren kranken Geschwistern sich zu infizieren. Man braucht gar nicht in der Literatur nach solchen Beispielen zu suchen: sie sind allen Ärzten aus klinischen Beobachtungen gut vertraut, und nicht etwa aus gut situierten Familien, sondern gerade aus solchen, wo die elementarsten Begriffe von Sauberkeit fehlen, und wo man keine Ahnung von der Ansteckungsfähigkeit des Trachoms und von seiner Prophylaxe hat. Es scheint ganz ausgeschlossen, dass in solchen Lebensverhältnissen die Keime nicht auf die Konjunktiva aller Angehörigen gelangen. Als Beispiel führe ich den fol- genden Fall an: J. M., 59 Jahre alt, Vater einer aus 6 Per- sonen bestehenden Familie, leidet schon 25 Jahre an einem schweren, oft rezidivierenden Trachom beider Augen. Solange seine Krankheit dauert, ist er in beständiger Behandlung, und man kann sagen, dass er, wegen der häufigen ,Rezidive und wegen der Komplikationen seitens der ,Hornhaut (Pannus, rezidivie- rende Ulzerationen), nie gesund wird. Seine Familienglieder sind alle von mir persönlich untersucht worden, und ich habe bei ihnen, sogar mittels des Kornealmikroskops, keine Anzeichen von Trachom, auch von abgelaufenem, gefunden. Sie leben in armen Verhältnissen und unsauber. Von getrennten Waschgeschirren oder Handtüchern kann keine Rede sein. Die Frau und eine von den vier Töchtern sollen angeblich an Trachom gelitten haben, 86 JAAN UUDELT A XIX. i und beide durch alleinige Instillation von Zinktropfen in kurzer Zeit geheilt worden sein. Es f r ag t ,sich: warum heilten diese bei- den in kurzer Zeit durch ein f ü r eine Trachomkur zu mildes Mittel spurlos, und warum wird ihr ,Familienvater trotz ener- gischer und langdauernder Behandlung nie gesund? Diese Frage lässt sich nicht durch verschiedene Virulenz des Erregers beim Vater und bei seiner Frau und Tochter erklären und beantwor- ten, wie man es gerne tut. Beim besten Willen kann ich hier keine andere Erklärung fü r den Unterschied im Verlaufe des Trachoms bei verschiedenen Individuen finden, als in der ver- schiedenen Widerstandsfähigkeit derselben gegenüber dem Tra- chomerreger. M a n c h e M e n s c h e n s i n d z u r T r a c h o m - i n f e k t i o n m e h r d i s p o n i e r t u n d l e i d e n a u c h a n s c h w e r e r e n F o r m e n a l s a n d e r e . Das hat schon K u h n t, wie wir oben aus seinen eigenen Äusserungen ersehen haben, beobachtet, und B i r c h - H i r s c h f e l d scheint ihm zu- zustimmen, wenn er sagt: „Andererseits gebe ich K u h n t durch- aus Recht, wenn er hervorhebt, dass nicht jede Bindehaut fü r die Ansteckung in gleicher Weise empfänglich ist, und dass durch andersartige Katarrhe und mechanische Reize der Bindehaut die Infektionsgefahr erhöht wird". A d a m a n t i a d i s sah beson- ders schwere Hornhautkomplikationen („Keratite en sillon") bei Kriegsflüchtlingen, weil sie fast alle schlecht genährt waren. E r nimmt sogar ein latentes Trachom an, besonders bei Kindern, das f ü r immer versteckt bleiben, aber auch durch sekundäre Infektio- nen (K o c h-W e e k s ) zum Vorschein gebracht werden kann. Wie wir oben sahen, hinterlässt das überstandene Trachom keine Im- munität, und wenn wir auf unseren Fall J. M. zurückkommen, dann scheint es doch sehr auffallend, dass der Vater im Laufe so vieler Jahre (25), wie seine Krankheit dauert und immer rezi- diviert, also die vermutlichen Erreger noch vorhanden sein müs- sen, seine Familie nicht zu infizieren imstande ist. Dass er noch ansteckungsfähig sein muss, lässt sich daraus vermuten, dass seine Krankheit noch nicht abgelaufen ist. Auch der Ansteckungs- stoff, das Sekret, ist reichlich in seinen Augen vorhanden. Also: alle Vorbedingungen die Krankheitskeime zu verbreiten und seine Angehörigen zu infizieren sind bei unserem Kranken J. M. vorhan- den. Man kann sich kaum vorstellen, dass unter solchen Verhältnis- sen die Erreger nicht auf die Bindehäute der Familienglieder ge- langen können. In diesem wie auch in vielen ähnlichen Fällen A XIX. i Uber das Blutbild Trachomkranker 87 s i n d w i r g e z w u n g e n a n z u e r k e n n e n , d a s s d i e I n f e k t i o n l a n g e n o c h n i c h t j e d e s m a l d i e E r - k r a n k u n g m i t s i c h b r i n g t . Hier könnte man eine andere chronische Volksseuche — die Tuberkulose — in Erinnerung bringen, welche epidemiologisch besser als das Trachom erforscht ist, weil man ihren Erreger schon lange kennt. In der Tuberkuloseforschung ist man längst zu der Erkenntnis gekommen, dass nicht aus jeder Infektion mit den K o c h'schen Bazillen sich eine Tuberkulose entwickelt. Mittels der serologischen Methoden an Lebenden und durch patho- logisch-anatomische Untersuchungen an Leichen hat man konsta- tiert, dass die meisten Menschen in sich tuberkulöse Keime beher- bergen und doch nicht daran erkranken oder sterben. Man behaup- tet sogar, dass bis 95% der Menschen auf dem Sektionstische Spu- ren der tuberkulösen Infektion aufweisen oder auf die Tuberkulin- probe reagieren ( H a m b u r g e r : „Die Tuberkulose im Kindes- alter", D e u t i c k e 1912; J. B a u e r ) . Dennoch erkrankt nur ein kleiner Teil der Menschheit an Tuberkulose. Dasselbe ist man wohl berechtigt von der Trachominfektion und Trachomer- krankung zu behaupten. Nicht nach jeder Infektion mit Trachom- virus — mag es ein spezifisches oder ein unspezifisches sein — tritt eine Erkrankung ein, wie es sein müsste, wenn „die Dispo- sition gleich der Infektionsgelegenheit" wäre. Für diesen Stand- punkt sprechen, ausser der klinischen Erfahrung, alle oben be- richteten negativen Übertragungsversuche des Trachoms auf Menschen. Wie man in der allgemeinen Medizin in letzter Zeit der kon- stitutionellen Pathologie mehr Beachtung geschenkt hat, ebenso ist in der Erforschung des Trachomproblems die Konstitutions- frage wieder neu aufgetaucht und einer lebhaften und vielseitigen Diskussion unterworfen worden. Man sucht den Schlüssel zur Erklärung der Tatsache, dass nicht alle mit Trachomkeimen Infi- zierten erkranken, in der angeborenen Immunität, in der Konsti- tution der betreffenden Individuen. In dieser Frage sind die jün- geren Ophthalmologen wieder zu der Anschauung gelangt, der A r l t und viele andere seines Zeitalters waren, mit der Modi- fikation, dass sie ein infektiöses Virus annehmen, jedoch glauben, dass zur Erkrankung die Konstitution eine geeignete Grundlage schaffe. Sie stützen sich auf die epidemiologischen und klinischen Untersuchungen. Dafür scheinen aber auch die Experimente von 88 JAAN UUDELT A XIX. i B l i d s t e i n - N e w o r o s h k i n a an Hunden zu sprechen, wonach Ernährung und Lebensbedingungen beim Auftreten von Follikeln der Bindehaut wirklich eine Rolle spielen, ja sogar eine wesentlichere als die verschiedenen übertragenen Keime an sich. Diese Forscherin konnte, wie wir schon gesehen haben, durch Übertragung verschiedener Keime, auch derjenigen des Trachoms, und durch Reizen der Bindehaut keine Follikel an Hunden hervor- rufen, solange sie in guten hygienischen Bedingungen lebten; so- bald sie aber in unsauberen Räumen untergebracht und auf schlechte Kost gesetzt wurden, traten Follikel der Bindehaut spontan auf. Da- raus kann man zwar keinen bindenden Schluss auf die Entstehung der Trachomfollikel ziehen, doch zeigen diese Experimente, dass der körperliche Zustand auf Entstehung und Entwicklung der Follikel einen wichtigen Einfluss ausübt. Analoge Erscheinun- gen haben N i c o l l e , L u m b r o s o und T r a p e s o n z e w a in Tunis an Kaninchen beobachtet. Also: d i e L e b e n s b e d i n - g u n g e n , w e l c h e z u m T e i l d i e K o n s t i t u t i o n be - s t i m m e n , s i n d f ü r d i e E n t s t e h u n g d e r k o n j u n k - t i v a l e n F o l l i k e l v o n B e d e u t u n g . A l l e d e n Ge- s a m t o r g a n i s m u s s c h w ä c h e n d e n F a k t o r e n d i s - p o n i e r e n zu d e r e n E n t w i c k l u n g , u n d u m g e k e h r t : d i e d e n G e s a m t o r g a n i s m u s k r ä f t i g e n d e n l e i s - t e n i h r W i d e r s t a n d . Zu den schwächenden Faktoren ge- hören akute und insbesondere chronische Infektionskrankheiten. TnSrkuiosed Wenn R e g a n a t i (Ref. Zentralbl. f. g. 0 . Bd. 18) ein häufiges Auftreten des Trachoms bei Kindern nach Masern und Röteln beobachten konnte, so sind die chronischen Krankheiten von noch grösserer Wichtigkeit f ü r die Trachomdisposition, weil sie eine grössere allgemeine Körperschwäche verursachen. Wie seinerzeit A r l t das Trachom pathogenetisch mit Skrofulose und Tuberkulose in Verbindung brachte, so fand auch W i n s k i unter den tuberkulösen russischen Kriegsgefangenen viele Tra- chomkranke, und zwar in einem Lager unter 312 tuberkulösen Soldaten 127 Mann mit Trachom, und später in einem Lazarett, in welchem von 1800 Betten 684 von Tuberkulosekranken be- setzt waren, unter diesen 241 Trachomkranke. Auch in der Au- genabteilung konnte W i n s k i unter den 46 Trachomkranken bei vielen Zeichen von Tuberkulose nachweisen. E r hat Ausstrich- präparate von der Lidbindehaut gemacht und sie nach der M u c h'schen Methode und nach Z i e h l - N e e l s e n gefärbt. * A XIX. i 89 W i n s k i meint die M u c h'schen Granula der Tuberkelbazillen zu seinem „Erstaunen" gefunden zu haben, doch konnte er die K o c h'schen Stäbchen nicht feststellen, obgleich er von der tracho- matösen Konjunktiva Kulturen auf „geeigneten Nährböden" an- legte und Versuche in der Vorderkammer des Kaninchens und in der Bauchhöhle der Meerschweinchen anstellte. Trotzdem glaubt W i n s k i an das Bestehen eines „rätselhaften Zusammenhan- ges" zwischen Trachom und Tuberkulose. Die trachomatöse Konjunktiva ist dem Tuberkulin gegenüber sehr sensibel. Darum haben seinerzeit A d a m und S c h i e l e (Russkij Wratsch. 1§08) bei der Ausführung der Ophthalmo- reaktion nach C a l m e t t e an Trachomkranken zur grössten Vor- sicht gemahnt. Man bekomme mit Tuberkulin an der trachoma- tösen Konjunktiva unerwünscht starke Reizungen, und S c h i e l e habe sogar „das Bild eines akuten Trachomprozesses" sich ent- wickeln sehen. Daraus lasse sich schliessen, dass die Trachom- kranken ebenso auf Tuberkulin reagieren, wie die Tuberkulose- kranken. S t a j d u h a r und D e r k a c haben die Angaben von W i n s k i inbezug auf die M u c h'schen Granula in den Zellen der Bindehaut einer Kontrolle unterzogen und haben dieselben nicht bestätigen können, obgleich sie an den Methoden von W i n s k i streng festgehalten haben. Sie fanden freilich punkt- förmige Gebilde in den Epithelzellen der Bindehaut, welche sie aber mit Trachom oder mit Tuberkulose in keinen Zusammenhang bringen konnten. Diese Gebilde stellten vielmehr Degenerationsbe- funde an den Zellen dar, welche mit den M u c h'schen Granulis nach der Auffassung von S t a j d u h a r und D e r k a c nichts Ge- meinsames hatten. Sie waren in 3 Fällen in gesunder Bindehaut zu finden, keinmal aber in trachomatöser. Auch die klinischen Untersuchungen der Tuberkulösen ergaben keine höhere Zahl gleichzeitig an Trachom Leidender. Es fand sich unter den 208 tuberkulösen Kranken nur einer mit Trachom, wohl aber sahen die Forscher häufiges Vorkommen kleiner glasiger Körner im unte- ren Fornix, das S a a t h o f f'sche Zeichen, fast bei allen Kindern, welche eine positive Pirquet-Reaktion zeigten, und auch sonst bei Individuen mit hyperplastischem Adenoidgewebe des ganzen Körpers. S t a j d u h a r und D e r k a c finden, dass das gleich- zeitige Vorkommen von Trachom und Tuberkulose selten sei, und dass das Trachom und die Tuberkulose getrennt in dem Lande, 90 JAAN UUDELT A XIX. i wo sie ihre Untersuchungen ausführten (Zagreb, Jugoslavien), sogar häufiger vorkommen,, — eine Tatsache, die nach ihrer Mei- nung nicht zu unterschätzen ist. Damit kommen diese Autoren zu dem Ergebnis, dass an offener Tuberkulose leidende Personen eher selten als häufig an Trachom erkranken. Dieselbe Behauptung hat, wie wir schon oben gesehen haben, A n g e l u c c i aufgestellt. Sein Schüler S g r o s s o fand in Neapel, wo die Bevölkerung stark trachom- verseucht ist, unter 700 Kindern von tuberkulösen Eltern kein einziges Mal Trachom, was sonst in Neapel nicht vorkomme. Auch W a r s c h a w s k i j ' s Musterung der tuberkulösen Kinder im Sa- natorium in Alupka ergab keinmal Trachom (russ. Arch. Ophth. Bd. 4). Daraus ersehen wir, dass die Ergebnisse der Untersuchungen verschiedener Autoren über die Beziehung der offenen Tu- berkulose zum Trachom einander ganz widersprechen. Die Beobachtungen in unseren Verhältnissen lassen allerdings be- haupten, dass die manifeste Tuberkulose zum Traqhom keine auf- fallende Beziehung hat. Wir haben keinmal eine offene Lungen- tuberkulose unter den Hunderten von Trachomkranken, die wir einer allgemeinen Untersuchung unterzogen, feststellen können. Darum darf man dem Tuberkuloseerreger keine direkte Rolle in der Pathogenese des Trachoms zusprechen, wie W i n s k i es sich vorstellte. — Anders liegt die Frage der Beziehung der Skro- fulose zum Trachom. Skrofulöse Zeichen findet man gerade bei Trachomkranken häufig, besonders im Kindesalter, wo die Diagnose der Skrofulose einfacher ist. Wie oft Skrofulose bei trachomatösen Kindern bei uns vorkommt, sehen wir aus unseren Ergebnissen. Hier möchte ich ein Diagramm (XII) folgen lassen, aus welchem ersichtlich ist, dass das Trachom manchmal gleichzeitig mit der Abnahme der phlyktänulären Erkrankungen des Auges (Augenskrofulose) abnehmen kann, obgleich der betreffende Beobachter ( W e r n e r in Helsingfors) dem Zusammenhange zwischen Skrofulose und Trachom keine Be- deutung beimisst. Trotzdem bemerkt er, dass die Abnahme der skrofulösen Augenerkrankungen in Helsingfors „curiously enough, fairly accurately to the decline in trachoma cases" entspricht. Von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus sieht B r u k diese Frage an. Er sieht sowohl in der Tuberkulose als auch im Trachom eine familiäre Krankheit, f ü r deren Entstehung d i e A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 91 E r b l i c h k e i t massgebend ist, indem die beiden Krankheiten zwar nicht direkt vererbt werden, wohl aber die Veranlagung zu deren Entwicklung von Generation zu Generation durch die an- geborene Konstitution erblich weitergegeben wird. B r u k unter- suchte 13 Familien in drei Generationen und fand, dass sowohl das Trachom als auch seine Schwere von der ersten Generation zu den folgenden Generationen abnahm. Die erste Generation litt meist an sehr schweren Formen des Trachoms, die Kinder D i a g r a m m XII. Trachom und phlyktänuläre Erkrankungen in der Univ.-Augen- klinik zu Helsingfors in d. J. 1901—1926 (nach S. W e r n e r ) . i j I .| /\ 8000). Hier sei bemerkt, dass bezüglich der Norm der Gesamtzahl der Leukozyten selbst die Hämatologen nicht unbedeutend ausein- andergehen : S c h i l l i n g hält f ü r die Norm 6—8000 L. im cmm, J a g i c 5000—8000 L., und N a e g e 1 i (Blutkrankheiten, 3. Aufl. S. 287) meint, dass erst in Fällen von über 10 000 L. im cmm Blut von einer Leukozytose zu sprechen sei. Ich habe hier die Normen von J a g i c eingehalten. Aus der D i f f e r e n t i a l z ä h l u n g D B i u t b i i d f e der Leukozyten ergibt sich, dass von 100 Personen hatten: 22 Personen bis 30% Lymphozyten, 12 „ von 31—35% 31 „ „ 36—40% „ und 35 „ über 40% „ Bei Differentialzählungen der Leukozyten ergaben die im Laufe der Zeit periodisch wiederholten Zählungen der Lymphozyten des Blutes einer und derselben Person erhebliche Schwankungen der Prozentzahl der Lymphozyten. Dass diese Schwankungen nicht etwa einem Zählungsfehler (welcher übrigens nie mit Sicherheit ausgeschlossen ist), sondern den natürlichen Schwankungen des Lymphozytengehaltes des Blutes zugeschrieben werden dürfen, er- gibt sich daraus, dass ich bei Kontrollzählungen verschiedener Prä- parate ein und derselben Blutprobe (ein und derselben Blutzapf ung) nie erhebliche Differenzen gefunden habe. Auch wurden die Leuko- zyten von manchen Kranken zur Kontrolle gleichzeitig von zwei Beobachtern differenziert, meist ohne erheblich auseinanderge- hende Ergebnisse. Diese Labilität des Blutes bezüglich des prozentuellen Ver- hältnisses des Lymphozytengehaltes bei Trachomkranken finden wir auch in der Arbeit von G i e s e und B r ü c k n e r , welche bei A XIX. i Uber das Blutbild Trachomkranker 129 wiederholten Bestimmungen des Prozentsatzes der Lymphozyten gleichfalls grosse Schwankungen in kurzer Zeit beobachteten (im Falle T h i e n e 1, 23 J. a., Schwankung der Ly von 41% zu 19,5% und im Falle A n t o n , 36 J., a., von 22% zu 35%, 29%, 50% und 43%). Darum glaube ich, dass diese Erscheinung, die mich anfangs stutzig machte und zu wiederholten Nachprüfungen veranlasste, nicht als Zählungsfehler aufzufassen sei, umsomehr als ich mich immer bemühte die Prozentsätze aus einer verhältnismässig grossen Zahl von gezählten Leukozyten (400 und mehr) zu berech- nen. Darum muss der Zählungsfehler sogar bei den seltener im Blute sich findenden weissen Blutkörperchen, wie den Eosino- philen, Monozyten und Basophilen, wo der Zufall einen viel grösse- ren Spielraum hat als bei den häufigen Neutrophilen und Lympho- zyten, ein ziemlich minimaler sein. Die verschiedenen Resultate der Lymphozytenzählung bei ein und derselben Person machen bei der Gruppierung der Kranken immerhin einige Schwierigkeiten. Muss man einen Fall, wo die erste Zählung z. B. 30% Ly ergab und die nächste 40% Ly, in die Gruppe mit 30% Ly oder in die Gruppe mit 40% einordnen? Ich habe f ü r richtig befunden in einem solchen Falle den Mittelweg zu gehen, indem ich fü r ihn den mittleren Wert, also 35%, der Lym- phozyten annehme (30+40 :2 = 35). An diese Richtlinie habe ich mich in der oben angeführten Gruppierung der Kranken nach dem relativen Werte der Lymphozyten meistens gehalten. Nach der S c h w e r e d e s T r a c h o m s teile ich die Kran- ken in drei Gruppen: a) mit leichter (27 Fälle), b) mit mittel- schwerer (24 Fälle) und c) mit schwerer Form des Trachoms (49 Fälle). Diese Einteilung kann ja trügerisch sein, da sie vielfach von der Subjektivität des Beobachters und von dem jeweiligen Zu- stande des Kranken, sowie auch von einer vorausgegangenen Be- handlung abhängig ist. Ihr war immer zu Grunde gelegt das je- weilige klinische Bild der Krankheit im Moment der ersten Unter- suchung sowie der Krankheitsverlauf. In vielen Fällen beobachtete man auch, dass das erstmalig erscheinende schwere klinische Bild im Laufe der Zeit trotzdem spurlos ausheilte. Wir sehen, dass die r e l a t i v e n W e r t e d e r L y m p h o - z y t e n von 100 Fällen in 34 Fällen unter 35% betragen und dass 66 Fälle über 35% Lymphozyten im Blut haben. Wenn wir mit 9 130 JAAN UUDELT A XIX. i S c h i l l i n g 35% Ly als oberste Grenze fü r die Norm ansetzen, dann können wir behaupten, d a s s 66% v o n d e n u n t e r - s u c h t e n T r a c h o m k r a n k e n e i n a b n o r m e s B l u t - b i l d a u f w e i s e n , i n d e m s i c h b e i i h n e n e i n e r e l a - t i v e L y m p h o z y t o s e e r g i b t . Die r e l a t i v e n W e r t e d e r L y m p h o z y t e n sind bei den Erwachsenen erhöht (über 35%) bei 49 Personen von 71 ( = 69%), bei den Kindern und Jugendlichen bei 17 Personen von 29 ( = 58%). Dieser Unterschied erklärt sich vielleicht dadurch, dass bei den Erwachsenen mehr schwere Fälle des Trachoms vorkommen, als bei den Kindern und Jugendlichen. Das schwere Trachom zeigt aber, wie wir gleich sehen werden, häufiger Lymphozytose, als das leichte. Unter den Fällen von Trachom bei Kindern waren auch zweifelhafte, welche nach dem späteren Verlauf vielleicht als Follikularkatarrh zu bezeichnen waren. Die a b s o l u t e n Z a h l e n d e r L y m p h o z y t e n sind vermehrt (über 2800 Ly) bei 36 Personen von 91 ( = 39,5%) : bei Erwachsenen 20 Fälle von 63 ( = 32%) und bei Kindern und Ju- gendlichen 16 Fälle von 28 ( = 57%). (Bei 9 Personen sind die absoluten Zahlen nicht bestimmt worden.) D i e r e l a t i v e u n d d i e a b s o l u t e L y m p h o z y t o s e ist gleichzeitig bei 31 Personen von 91 (34%) vorhanden. Da die relative Lymphozytose in 66%, die absolute Lympho- zytose dagegen nur in 39,5% von der Gesamtzahl der Fälle vor- kommt, so lässt dieser Unterschied zwischen den beiden Lympho- zytosearten den Schluss ziehen, dass die Lymphozytose meist mit Neutrophilopenie verbunden ist. Die Neutrophilen halten mit der Vermehrung der Lymphozyten nicht gleichen Schritt. D i e E o s i n o p h i l e n f i n d e n s i c h : relativ normal ( < 4 % ) bei 67 Personen, „ vermehrt (>4%) „ 33 „ (33%), absolut „ (<300) „ 32 „ (35%). Ein Drittel von allen untersuchten Trachomkranken hat rela- tive oder absolute Eosinophilie. A b s o l u t e u n d r e l a t i v e E o s i n o p h i l i e sind gleichzeitig vorhanden 24 mal von 91 (=26%). Die Eosinophilen sind bei den Erwachsenen relativ vermehrt in 22 Fällen von 71 ( = 31%), bei den Kindern und Jugendlichen A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 131 etwas öfter, in 11 Fällen von 29 ( = 38%). Absolut vermehrt fin- den wir sie bei den Erwachsenen in 19 Fällen von 63 ( = 30%) Undj bei den Kindern und Jugendlichen in 13 Fällen von 28 (=46%) . Die Eosinophilie kommt bei den jungen Trachomkran- ken häufiger vor, als bei den Erwachsenen. Für normal halten wir relative Werte der Eosinophilen bis 4% und absolute Werte bis 300 Eos. im cmm (nach J a g i c und S c h i l l i n g ) . Die M o n o z y t e n halten sich im ganzen in ziemlich nor- malen Grenzen, zeigen aber bei den Kindern und jugendlichen Kranken höhere Werte, als bei den Erwachsenen. Für ihre nor- malen Grenzen halte ich 3—8% ( J a g i c ) . Die b a s o p h i l e n Leukozyten schwanken von 0% bis 2%. Ihr Durchschnittswert ist 0,6—1%. Die n e u t r o p h i l e n Leukozyten weisen meist, entsprechend der Vermehrung der Lymphozyten, niedrige relative Werte auf. Auch zeigen ihre absoluten Zahlen recht oft eine Neutrophilopenie an ( < 3000 nach J a g i c ) . Bei frischem Trachom sind hohe Lymphozytenwerte etwas Die Bezitiliung des weissen häufiger als bei altem Trachom. Blutbildes zu d e m E n t w i c k - Bei den Kranken mit Trachoma recens finden wir r e l a t i v e lungss adium u. der Schwere L y m p h o z y t o s e ( > 35%) in 26 Fällen von 37 ( = 70%), bei des Trachoms, denen mit altem Narbentrachom dagegen in 40 Fällen von 63 ( = 63%). A b s o l u t e L y m p h o z y t o s e (>2800 Ly) sehen wir bei frischem Trachom in 16 Fällen von 35 (=46%) , bei Narben- trachom in 20 Fällen von 56 ( = 3 6 % ) . Auch E o s i n o p h i l i e i s t h ä u f i g e r b e i T r a - c h o m a I, als bei Trachoma II und III. R e l a t i v e E o s i n o p h i l i e findet sich bei frischem Tra- chom in 15 Fällen von 37 (=40,5%), bei Narbentrachom dagegen in 18 Fällen von 63 (=28,5%). A b s o l u t e E o s i n o p h i l i e haben bei frischem Trachom 16 Personen von 35 ( = 46%) und bei Narbentrachom 16 Personen von 56 (=28,6%). Nach diesen Berechnungen würde man wohl behaupten kön- nen, dass die L y m p h o z y t o s e u n d n o c h m e h r d i e Eo- s i n o p h i l i e s i c h h ä u f i g e r m i t d e m f r i s c h e n F o l - l i k e l t r a c h o m v e r b i n d e n , als mit dem geschwürigen und Narbentrachom. Doch wird der Wert dieser Behauptung durch 9* 132 JAAN UUDELT A XIX. i den Faktor des verschiedenen Alters, in dem die Kranken an frischem oder an Narbentrachom leiden, beeinträchtigt. Die an frischem Trachom Leidenden sind meistens jüngere Personen, das Narbentrachom dagegen das Schicksal des höheren Alters. Wenn wir jedoch die Altersdifferenzen gebührendermassen in Betracht ziehen, so kommen wir immer noch zu dem Schlüsse, dass d a s f r i s c h e T r a c h o m h ä u f i g e r ü b e r n o r - m a l e L y m p h o z y t e n w e r t e z e i g t a l s d a s N a r b e n - t r a c h o m , u n d d a s s d i e s e W e r t e b e i e r s t e r e m a u c h h ö h e r s t e i g e n . Hinsichtlich der B e z i e h u n g d e s B l u t b i l d e s z u r S c h w e r e d e s T r a c h o m s lässt sich keine genaue Regelmässigkeit feststellen. Man sieht das normale Blutbild sowohl bei leichten, als auch bei sehr schweren Formen des Trachoms, und auch das Umgekehrte: Blutbilder mit hoher Lymphozytose und Eosinophilie bei ganz leichten und mittelschweren Formen des Trachoms. Im ganzen scheint es jedoch, dass die schweren Trachomformen durchschnittlich h ö - h e r e r e l a t i v e Lymphozytenwerte ergeben als die leichten und mittelschweren Formen. Wir sehen bei l e i c h t e m T r a c h o m unter 27 Personen relativ normalen Ly-Gehalt bei 14 ( = 52%) und relative Lymphozytose bei 13 ( = 48%), bei m i t t e l s c h w e r e m T r a c h o m unter 24 Personen relativ normalen Ly-Gehalt bei 10 (=42%) und relative Lymphozytose bei 14 ( = 58%) und bei s c h w e r e m T r a c h o m unter 49 Personen relativ normalen Ly-Gehalt bei 10 ( = 20%) und relative Lymphozytose bei 39 ( = 80%). Die a b s o l u t e Lymphozytose hält sich bei leichtem und schwerem Trachom fast in gleicher Höhe. Es kommen von absoluter Lymphozytose bei leichtem Trachom 10 Fälle auf 22 Personen ( = 45%), „ mittelschwerem „ 7 „ „ 24 „ (=28%), „ schwerem „ 19 „ „ 45 „ ( = 42%). A XIX. i Uber das Blutbild Trachomkranker 133 Ebenso sieht man auch hinsichtlich des Verhaltens der Eosino- philen keinen Unterschied zwischen leichtem und schwerem Trachom. Von relativer Eosinophilie fallen bei leichtem Trachom 10 auf 27 Personen ( = 37%), „ mittelschwerem „ 6 „ 24 „ (=25%), „ schwerem „ 17 „ 49 „ ( = 35%). Die absolute Eosinophilie verhält sich ebenso wie die relative. Auf Grund dieser Übersicht des Blutbildes bei leichtem und schwerem Trachom dürfte es berechtigt sein den S c h l u s s z u z i e h e n , d a s s d i e E o s i n o p h i l e n u n d d i e a b s o l u t e n Z a h l e n d e r L y m p h o z y t e n k e i n e n U n t e r s c h i e d i n B e z u g a u f d i e S c h w e r e d e s T r a c h o m s z e i g e n , w o h l a b e r k o m m t d i e r e l a t i v e L y m p h o z y t o s e b e i s c h w e r e m T r a c h o m h ä u f i g e r v o r a l s b e i l e i c h t e m , u n d z w a r v e r h ä l t s i c h d i e r e l a t i v e L y m p h o z y t o s e b e i s c h w e r e m T r a c h o m z u d e r - j e n i g e n b e i l e i c h t e m w i e 80 z u 48. Beim V e r g l e i c h m e i n e r B e f u n d e m i t d e n j e n i - vergleich mei- ner Befunde mit g e n a n d e r e r A u t o r e n , von welchen einige dasselbe Thema denjenigen an- derer Autoren. behandelnde Arbeiten vor kurzem erschienen sind ( B r a n a , T o w - b i n und O k u n e w, M i k a e l j a n , K r u g l o w und T a r n o - p o l s k y ) , sehen wir, dass die Befunde in grossen Zügen über- einstimmen. Unter den 4 Fällen von G i e s e und B r ü c k n e r finden wir 2 mit ausgesprochener Lymphozytose: im Falle T h i n e l bis 41% Ly und im Falle A n t o n bis 50% Ly. Die Eosinophilen steigen nicht über 4%. B a y e r fand in der Klinik von A x e n f e l d in einem Falle von Trachom verbunden mit Frühjahrskatarrh bei 4 mal wieder- holten Zählungen und Differenzierung der Leukozyten im Laufe von 2y2 Monaten, dass im Blute ausser einer Eosinophilie von 6,8—11,2% noch eine starke Lymphozytose von 41,2—47,2% vor- handen war. Erst dieser Blutbefund erlaubte B a y e r mit Sicher- heit die Diagnose des Frühjahrskatarrhs neben dem Trachom zu stellen. S g r o s s o fand im Blute von 71 Trachomkranken 55 mal ( = 78%) Lymphozytose und 39 mal ( = 55%) Eosinophilie. 134 JAAN UUDELT A XIX. i B r a n a hebt in seiner letzten Mitteilung hervor, dass von 118 über 20 Jahre alten Trachomkranken die Internisten G a s - p a r, P a l i k und S ü l l e nur bei 16 ein morphologisch normales Blutbild fanden. Dagegen zeigten ganze 102 Trachomkranke eine „Verschiebung" der Leukozyten zu Gunsten der Lymphozyten, und zwar: in 3 Fällen über 50%, in 16 Fällen über 40%, in 45 Fällen über 30% und in 38 Fällen 25%—30% Lymphozyten. T o w b i n und O k u n e w fanden im Blute von 25 Trachom- kranken unter 30% Lymphozyten 8 mal, über 30% 8 mal und über 35% 9 mal. Ebenso fanden sie an Eosinophilen in 10 Fällen über 4%. M i k a e l j a n , K r u g l o w und T a r n o p o l s k y fanden im Blute von 56 Trachomkranken in 24 Fällen normale Werte der Lymphozyten und der Eosinophilen, dagegen bei 16 Personen Eo- sinophilie, bei 8 Personen Lymphozytose und bei den übrigen 8 Personen sowohl Eosinophilie als auch Lymphozytose. Um die Befunde der obengenannten Autoren mit den mei- nigen vergleichbar zu machen, nehme ich als Vergleichsbasis 30% Lymphozyten, da die meisten von den Autoren diese Zahl als Nor- malgrenze betrachtet haben. Dann sehen wir, dass meine Ergeb- nisse mit denjenigen der obengenannten Autoren recht gut über- einstimmen. So haben B r a n a bei 63%, T o w b i n und O k u - n e w bei 68%, S g r o s s o bei 77 %, G i e s e und B r ü c k n e r bei 50%, nur M i k a e l j a n , K r u g l o w und T a r n o p o l s k y seltener — bei 30%, ich aber bei 78% von allen untersuchten Kran- ken Lymphozytenwerte über 30% gefunden. Die Eosinophilie (über 4%) fand sich bei mir in 33%, bei S g r o s s o in 55%, bei T o w b i n und O k u n e w in 40% und bei M i k a e l j a n , K r u g l o w und T a r n o p o l s k y in 45% von allen untersuchten Fällen. Also zeigen nach meinen Untersuchungen die Trachomkran- ken häufiger Lymphozytose und etwas seltener Eosinophilie, als die anderen Autoren gefunden haben. Hier muss ich noch bemerken, dass die Resultate der verschie- denen Autoren schwer vergleichbar sind, weil in den meisten Ar- beiten genaue Angaben fehlen. So sind in der Arbeit von M i - k a e l j a n , K r u g l o w und T a r n o p o l s k y die Resultate nur kurz angeführt, und die Arbeit von S g r o s s o war mir nur in einem kurzen Referat zugänglich. A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 135 Dass die Häufigkeit der Lymphozytose und der Eosinophilie bei Trachom prozentuell nicht genau bei allen Autoren stimmt, ist ja nicht zu verwundern, wenn man die Vielgestaltigkeit der Trachomformen, den allgemeinen Zustand der Kranken und die Methode der Untersuchung berücksichtigt. Bezüglich der D a u e r d e r L y m p h o z y t o s e im Blute der Trachomkranken scheint mir aus den nach längerer Zeit mehr- kranker ^ ° chronisch un'i mals wiederholten Blutbildbestimmungen ein und desselben Kran- konstitutionell ken hervorzugehen, dass das Blutbild in Bezug auf die Lymphozy- tose mehr oder weniger konstant, oder dass die Lymphozytose chro- nisch ist. Ich habe nicht beobachten können, dass die Lymphozytose nach Besserung oder nach Heilung des Trachoms žurückgegangen wäre. In der Frage der Beeinflussbarkeit des Blutbildes durch das Trachom stimmen meine Beobachtungen mit denen von G i e s e und B r ü c k n e r überein, dass das Trachom als solches nicht imstande ist das Blutbild in einer bestimmten Richtung zu beeinflussen. Es ist auch a priori anzunehmen, dass ein lokales konjunktivales Leiden, wie das Trachom, kaum imstande sein dürfte so hohe Lymphozytosen, wie sie bei Trachomkranken zu finden sind, hervorzurufen. In Analogie zum Frühjahrskatarrh. wo die Eosinophilie im Blute nicht vom Auge aus verursacht wird, sondern als allergische Reaktion des Körpers auf äussere Ein- flüsse anzusehen ist, und da der Frühjahrskatarrh als ein Begleit- oder Folgezustand derselben aufgefasst wird, ist ebenfalls an- zunehmen, dass bei der Entstehung der Lymphozytose des Blutes bei Trachom allgemeine körperliche Zustände im Spiele sein dürf- ten. Die Lymphozytose der Trachomkranken wäre danach als prä- existierend, noch vor der Erkrankung an Trachom bestehend, konstitutionell bedingt anzunehmen. Dafür sind unwiderlegliche Beweise sehr schwer beizubringen. Man müsste dazu das Blutbild vor, während und nach der Erkrankung an Trachom feststellen und die Blutbilder miteinander vergleichen, was aber tatsächlich kaum ausführbar ist. Darum ist man gezwungen sich auf indirekte Be- weise zu stützen, indem man das Blutbild während des Trachoms und nach der Besserung oder Heilung desselben feststellt und aus beiden Befunden seine Schlüsse zieht. Aus meinen Befunden bei solchen Kranken, welche ich wiederholt untersuchen konnte, 136 JAAN UUDELT A XIX. i geht hervor, dass die Lymphozytose noch nach der Heilung des Trachoms weiter bestand. Dies konnte man in 6 Fällen beobachten. In einem Falle (Nr. 35) fand ich bei einer sehr schweren Form von Trachom, wo die Prognose anfangs recht ungünstig erschien, we- gen dicken Pannus und starker Konjunktivaverdickung und wegen hochgradiger Skrofulose, dass nach 3 Jahren, wo der Patient sich wieder vorstellte, der Blutbefund bei überraschend geheil- tem Trachom doch eine hohe Lymphozytose zeigte. Dasselbe fand ich bei drei anderen Kranken (Nr. 94, 97 und 98), welche auch verhältnismässig gut heilten, aber die Lymphozytose im Blute wei- ter behielten. Gegenüber den Fällen mit konstanter Lymphozytose finden sich auch solche Fälle, bei welchen die letzte Zählung niedrigere oder normale. relative Werte von Lymphozyten ergab (Fall Nr. 6, 49, 77 und 79). Doch scheint mir, dass diese Fälle nicht gegen die Annahme einer konstitutionellen Genese der Lymphozy- tose sprechen. In einem Falle (Nr. 6) handelte es sich um einen sich noch in Entwicklung befindenden Jüngling, welcher im Ver- lauf von 5 Jahren sich von der anfangs bestehenden skrofulosen Konstitution in dem Masse erholt hatte, dass er bei der letzten Untersuchung den Eindruck eines ganz gesunden Menschen machte. Hier ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass die Besserung seines allgemeinen Zustandes die Veränderung des Blutbildes bewirkte. Zu diesem Falle sei auch bemerkt, dass die letzte Zählung (nach 4½ Jahren) nicht von mir persönlich aus- geführt wurde und dass es mir nicht möglich war, das Blutbild zu kontrollieren. Ein Fall (Nr. 79) betrifft eine senile Person mit Leukozytose, wo die relative Lymphozytose von Anfang an fehlte. In einem Fall (Nr. 77) handelt es sich immer noch um einen Lym- phozytenwert (33%), welcher der Lymphozytose nahe steht. Nach alledem scheint mir die Annahme nicht zu gewagt, d a s s d i e L y m p h o z y t o s e , u n d v i e l l e i c h t a u c h d i e E o - s i n o p h i l i e , b e i T r a c h o m n i c h t s e k u n d ä r d u r c h T r a c h o m v e r u r s a c h t i s t , s o n d e r n d a s s s i e s c h o n p r ä e x i s t i e r e n d , a l s o p r i m ä r u n d v o n v o r n - h e r e i n d u r c h d e n a l l g e m e i n e n k r a n k h a f t e n K ö r p e r z u s t a n d b e d i n g t i s t . S i e m u s s w o h l z u d e n k o n s t i t u t i o n e l l e n L y m p h o z y t o s e n g e r e c h - n e t w e r d e n . A XIX. i Uber das Blutbild Trachomkranker 137 Nun ist die Blutlymphozytose in der Hämatologie ein recht Bewertung' ilur chronisohen häufiger Befund, der bei verschiedentlichen konstitutionellen Lymphozytose Krankheiten und krankhaften Zuständen vorkommen kann. Die postinfektiösen und posttoxischen Lymphozytosen bei oder nach Infektionskrankheiten müssen hier ausser acht gelassen werden; auch die nach physikalisch-chemischen Einwirkungen, wie Röntgen- strahlen ( J a g i c ) , Mesothorium ( S c h w e i t z e r ) , Höhenklima etc., entstandenen Lymphozytosen kommen hier nicht in Betracht. Die Lymphozytose bei Trachomkranken ist als ein Dauerzu- stand des Körpers aufzufassen, wie man sie bei konstitutionellen, auf innersekretorischen Ursachen basierenden Körperzuständen findet. Sie steht wohl am nächsten der von C a r o und K o c h e r bei Morbus Basedowi beschriebenen Lymphozytose mit Neutro- philopenie, welche später als sogenanntes „ K o c h e r ' sches B l u t b i l d " oder als „ d e g e n e r a t i v e s w e i s s e s B l u t - b i l d " ( B a u e r ) bekannt geworden ist. K o c h e r (Arch. f. klin. Chir. Bd. 87) vertrat den Standpunkt, dass die relative Lymphozytose bei gleichzeitig vorhandener normaler oder sogar verminderter Zahl der Neutrophilen f ü r die Basedowkrankheit charakteristisch und thyreogener Genese sei. Nach den späteren Feststellungen kam man zu der Erkenntnis, dass das K o c h e r'sche Blutbild fü r die Basedowkrankheit kein spezifisches Symptom darstellt, sondern dass es auch bei vielen an- deren Krankheiten, hauptsächlich bei innersekretorischen, vor- kommt ( B o r h a r d t , B a u e r und H i n t e r e g g e r ) : bei Mor- bus Addisonii, bei Hypophysentumoren und Blutdrüsenerkrankun- gen (B o r h a r d t ) , bei Fettsucht und Diabetes mellitus (C a r o, F a 11 a, H ö s s 1 i n, M o h r ) , bei Eunuchoiden ( G u g g e n h e i - m e r ) , Kastrierten und Amenorrhöisehen ( D i r k s ) , bei Hämo- philie ( O r t n e r , L e c l e r c und C h a l i e r, B a u e r ) , bei chro- nischem Rheumatismus (G u d z e n t ) , bei Epilepsie ( S c h u l t z , F a c k e n h e i m, S c h o o n d e r m r a k), bei Dementia praecox ( Z i m m e r m a n n , K a h l m e t t e r, I t t e n, G o l d s t e i n und R e i c h m a n n , F a n k h a u s e r u. a.), bei Neurosen verschie- dener Art (v. H ö s s 1 i n, S a u e r ) , bei allgemeiner Neuropathie und asthenischer Konstitutionsanomalie (J a m i n, v. H ö s s l i n ) , von den chronischen Infektionskrankheiten bei gutartiger Tuber- kulose und bei Lues (zit. n. B a u e r ) . Die chronische Lymphozytose fand man während des Krie- 138 JAAN UUDELT A XIX. i ges ( B o k e l m a n n und N a s s a u : Berlin, kl. W. 1918; K 1 i e- n e b e r g e r : M. m. W. 1917) und in der Nachkriegszeit (L ä m p e und S a u p e: M. m. W. 1919 und 1920) bei ganz gesunden Menschen. Nach K l i e n e b e r g e r zeigten 25 von 36 Personen mehr als 40% Lymphozyten im Blute. Die Kriegs- und Nachkriegszeit-Lymphozytose bei gesunden Menschen wurde ätiologisch zu der einseitigen Ernährung mit Kohlenhydraten und zu den nervösen Zuständen der Bevölkerung in Beziehung gebracht. . K e u t h e (zit. nach K l i e n e b e r g e r) konnte auch experimentell an Hunden nach Kohlenhydratnahrung Lymphozytose beobachten (nach H a r t ) . Auch bei Hungerödem hat man Lymphozytose und Eosinophilie beobachtet ( B u - d z y n s k i und C h e l c h o w s k y, nach B a u e r ) . Daraus sehen wir, dass das „degenerative weisse Blutbild" solchen Menschen eigen ist, welche auf anormale und einseitige Kost gesetzt sind, oder aber an einem konstitutionell krankhaften Zustand leiden. Uns interessiert am meisten, welche Rolle der Status thymo-lymphaticus, dem von Trachomforschern in der Dis- positionsfrage eine grosse Bedeutung beigelegt wird, in der Frage des „degenerativen weissen Blutbildes" spielt. Man hat darauf hingewiesen, dass zwischen der Schilddrüse und dem Thymus eine innere Beziehung existiert. H a b e r e r , Z e l l w e g e r u. a. haben festgestellt, dass bei vergrösserter Schilddrüse eine Thy- mushyperplasie sich häufig findet. Dabei sind auch die Lymph- drüsen vergrössert. Nach K l o s e ist ein grosser Thymus bei der Basedowkrankheit ein häufiger, doch kein beständiger Befund (zit. nach H a r t ) . Die physiologische Funktion des Thymus und der Lymphdrüsen ist die Bildung der Lymphozyten. Wenn man diese Organe bei Status thymo-lymphaticus vergrössert gefunden hat, dann könnte man auf ihre Hyperplasie auch ihre regere Hyper- funktion beziehen und eine Vermehrung der Lymphozyten im Blut- bilde erwarten. O r t n e r , v. N e u s s e r , S c h r i d d e , B o r - h a r d t , B a u e r und H i n t e r e g g e r , v. H ö s s l i n und S a u e r vertreten die Auffassung, dass die konstitutionelle Lymphozytose und Neutrophilopenie bei der Basedow'schen Krankheit auf den Status thymo-lymphaticus zurückzuführen ist (zit. nach B a u e r ) . Nach O r t n e r ist das K o c h e r'sche Blutbild hervorgerufen durch mangelhafte Regenerationsfähigkeit des Knochenmarks und kompensatorische pathologische Tätigkeit der lymphatischen Organe (zit. nach B a u e r ) . A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 139 Die lymphozytopoetische Funktion des Thymus ist klinisch bei der Basedowkrankheit und der Myasthenie durch Resektion des abnorm grossen Thymus und auch experimentell durch Ein- führung von Thymussaft an Tieren bewiesen worden ( K l o s e , L a m p e und L i e s e g a n g , H e i m a n n , zit. nach H a r t ) . S c h r i d d e (D. m. W. 1911) hält die Lymphozytose beim Status thymo-lymphaticus fü r charakteristisch und symptoma- tisch ; auch in den Fällen von Morbus Basedowi ist die Blutlympho- zytose immer ein Zeichen des begleitenden Status thymo-lympha- ticus. B o r h a r d t (D. Arch. f. kl. Med. 106) führ t die Lympho- zytose bei Basedowkrankheit, bei Myxödem, bei Hypophysen- und Nebennierenerkrankungen auf den Status thymo-lymphaticus zu- rück, der jene meist begleitet. Nach H a r t gehört eine Blutlymphozytose „nach einstimmi- gem Urteil" zu den Hauptmerkmalen eines ausgesprochenen Sta- tus thymo-lymphaticus. Die Lymphozytose im Blutbilde ist dem Kindesalter eigen und geht nach den Entwickelungsjahren gewöhnlich verloren. Der innersekretorische Antagonismus zwischen dem Thymus und den Keimdrüsen ist angeblich (nach H a r t ) von C a l z o l a r i, H e n - d e r s o n , T a n d l e r und H e i m a n n nachgewiesen worden. K l o s e , L a m p e und L i e s e g a n g lassen beim Morbus" Base- dowi die erhöhte lymphozytopoetische Wirkung der Thymusdrüse bei Erwachsenen infolge Niederdrückung der Keimdrüsentätig- keit durch die Schilddrüsentoxine in Erscheinung treten. Auch M o h r , S t o e r k und G a r r e führen die Lymphozytose auf Thymuswirkung zurück. Wie während der Kriegszeit bei gesunden starken Soldaten die Lymphozytose im Blutbilde häufig gefunden wurde, so machte man andererseits bei Sektionen an plötzlich Gestorbenen oder im Kampfe gefallenen Kriegern häufig den Befund, dass die Grösse der Thymusdrüse und auch der Lymphdrüsen die bisherigen Nor- malmasse der Erwachsenen bedeutend übertraf ( G r o l l , M. m. W. 1919 u. Berl. kl. W. 1920). Alle angeführten klinischen, pathologisch-anatomischen und experimentellen Beobachtungen lassen die Blutlymphozytose auf die gesteigerte Thymusfunktion und überhaupt auf die Funktion des lymphatischen Apparates zurückführen, und diese gesteigerte Funktion ist vorhanden bei dem „Status thymo-lymphaticus" ( P a l t a u f ) , bei dem „Status hypoplasticus" ( B a r t e l ) oder „Sta- 140 A XIX. i tus degenerativus" ( B a u e r ) , wie die lymphatische Konstitution von den verschiedenen Autoren genannt wird. Ausser dem ver- größerten lymphatischen Apparat und den hypoplastischen oder degenerativen Merkmalen (Aorta angusta) gehört die Lymphozy- tose im Blut nach „einstimmigem Urteil" ( H a r t ) zu den H a u p t - m e r k m a l e n des Status thymo-lymphaticus. Bei der Bewertung der konstitutionellen Lymphozytose sind die Autoren ( M o e v e s , B a u e r , H a r t ) der Anschauung, dass sie ein Zeichen eines abnormen Körperzustandes darstellt. Wie im Kindesalter das IymphatischeGewebe stark entwickelt und Lym- phozytose vorhanden ist, welche sich mit der Entwicklung des Or- ganismus in den reifen Jahren gewöhnlich zurückbildet und verloren geht, so ist man auch berechtigt, die Erwachsenen mit dauernder Lymphozytose im Blute oder auch mit residuellen Merkmalen des Status thymo-lymphaticus als dem Kindesalter nahestehend anzusehen. Ihr lymphatischer Apparat hat sich nicht entsprechend den Lebensjahren zurückgebildet, die normale In- volution hat nicht stattgefunden, die Reizbarkeit der lymphatischen Organe ist auf kindlicher Stufe stehen geblieben. Das hat den Au- toren Veranlassung gegeben, Erwachsene mit chronischer Lympho- zytose konstitutionell f ü r infantil, unreif, minderwertig, dege- nerativ u. s. w. zu halten. Diese Bewertung der chronischen Lymphozytose findet ihre Begründung noch mehr in der Be- obachtung, dass die Lymphozytose gerade bei Menschen mit anor- maler Konstitution oder bei auf konstitutioneller Anlage be- ruhenden Krankheiten und krankhaften Zuständen zu finden ist ( M o e v e s , B a u e r , H a r t , K a u f m a n n , K a h l e r , zit. n. H a r t ) . „Z u r B e u r t e i l u n g d e r K o n s t i t u t i o n e i n e s M e n s c h e n w i r d s e i n w e i s s e s B l u t b i l d s t e t s a l ß w i c h t i g e s H i l f s m i t t e l d i e n e n k ö n n e n " ( B a u e r ) . Ausser der Bestimmung des Blutbildes habe ich bei meinen Trachomkranken noch den a l l g e m e i n e n K ö r p e r z u s t a n d in Rücksicht- genommen. Hier muss ich die Erklärung voraus- schicken, dass ich in der Bewertung der Befunde, welche auf eine Abnormität der Konstitution hinweisen könnten, recht zurück- haltend gewesen bin und nur solchen Merkmalen einen Wert bei- gelegt habe, welche recht deutlich ausgesprochen waren und A XIX. i Uber das Blutbild Trachomkranker 141 eine s i c h e r e Diagnose zu stellen erlaubten. Denn bei der klinischen Bestimmung des Status thymo-lymphaticus, des Lymphatismus, der Skrofulose u. s. w. ist dem Subjektivismus des Beobachters ein grosser Spielraum geboten, und man ist als Beobachter immer in Gefahr, von seinen verborgenen Wünschen irregeführt zu werden. Darum können die gefundenen Resultate recht leicht in der einen oder anderen Richtung, pro oder contra, ohne genügende Objektivität ausgenutzt und gedeutet werden. Wo der eine Beobachter Lymphatismus vor sich zu haben meint, da kann der andere keinen finden und die zweifelhaften Zeichen fü r normal halten. Die Ursache der verschiedenen, oft einander wider- sprechenden Angaben über den Status thymo-lymphaticus bei vie- len Autoren steckt nach meiner Meinung gerade in der verschiede- nen Deutung der lymphatischen Merkmale. Wenn schon dem Patho- Iogo-Anatomen bei der Deutung der lymphatischen Konstitution grosse Schwierigkeiten begegnen, so sind diese fü r den Kliniker oft erst recht unüberwindbar. Dem Kliniker ist es andererseits n i c h t i m m e r möglich eine scharfe Grenze zwischen der lym- phatischen Konstitution und der Skrofulose (als Krankheit) zu ziehen, da beide symptomatologisch einander nahestehen (M o r o), nur dass d e r L y m p h a t i s m u s e i n e n k ö r p e r l i c h e n Z u s t a n d , e i n e K o n s t i t u t i o n , u n d d i e S k r o f u - l o s e e i n e d u r c h I n f e k t i o n h e r v o r g e r u f e n e K r a n k h e i t darstellt. Beide, sowohl der Lymphatismus als auch die Skrofulose, können gelegentlich gleichzeitig vorkommen. In solchen Fällen kann auch die T u b e r k u - l i n r e a k t i o n keine Entscheidung bringen. Nach M o r o (D. m. W. 1909) ist die lymphatische Konstitution e i n B o d e n , auf dem eine gelegentliche Tuberkuloseinfektion zur Entwick- lung der Skrofulose führt , sie ist e i n e V o r b e d i n g u n g f ü r d i e E n t w i c k l u n g d e r S k r o f u l o s e . Angesichts der klinischen Ähnlichkeit des Status thymo- lymphaticus mit der Skrofulose und der Schwierigkeit sie ge- geneinander zu differenzieren, habe ich gar nicht versucht sie einzeln zu bestimmen, zu isolieren, sondern habe sie beide meist als „Habitus scrofulosus" notiert. Theoretisch ist das nicht rich- tig, praktisch jedoch unvermeidlich. Der Status thymo-lymphati- cus würde der pastösen Form der Skrofulose entsprechen. Der „H a b i t u s s c r o f u l o s u s " wurde auf Grund der Beschaffenheit oder der Affektionen der Haut, des W a l d e y e r ' - 142 A XIX. i sehen lymphatischen Rachenringes und der Lymphdrüsen des Körpers konstatiert. Unter den Kindern und Jugendlichen fanden sich 16 von 22 Personen mit frischem Trachom (=73%) und 6 von 7 Personen mit altem Trachom ( = 85%), welche klinisch ausgesprochene Merkmale der Skrofulose zeigten und mit „Ha- bitus scrofulosus" vermerkt werden durften. Zusammen Hessen sich unter den Kindern und Jugendlichen im ganzen 22 von 29 ( = 76%) als an Skrofulose leidend feststellen. Also ein grosser Teil, mehr als von den untersuchten trachomkranken Kindern und Jugendlichen bis zum 20. Lebensjahre, litt an Skrofulose oder zeigte einen skrofulösen Habitus. Dagegen ist die Skrofulose bei Erwachsenen, wie allgemein bekannt, eine ziemlich seltene Krankheit, und auch wenn sie unter Erwachsenen vorkommt, viel schwerer zu konstatieren. Ich fand bei den Erwachsenen in jüngeren Jahren (20—30 J.) unter 15 Personen 5 ( = 33%) an Skrofulose leidend, und bei den Er- wachsenen in höherem Alter unter 56 Personen 16 ( = 28%) mit Symptomen der Skrofulose. Dagegen befanden sich unter den Erwachsenen recht häufig Personen, die konstitutionell, nach ihrem Aussehen, einen schlech- ten, kränklichen Eindruck ^machten. So kamen unter 56 alten Trachomkranken 29 Fälle vor ( = 52%), welche eine blasse Haut- farbe, oft zyanotische Lippen, eine starke Unterernährung, schwache, schlaffe und atrophische Muskulatur, ein aufgedunsenes Gesicht u. s. w. zeigten und das Aussehen einer kranken und min- derwertigen Konstitution boten. Unter 7 Kindern und Jugendlichen mit vorgeschrittenem Trachom befanden sich 3 von ebensolchem Aussehen (=43%) . Um mich ganz objektiv zu verhalten, wagte ich trotzdem nicht, sie unter den einen oder anderen der üblichen Konstitutionstypen einzureihen. Denselben Eindruck konnte ich hinsichtlich des allgemeinen Zustandes aus den Untersuchungen der Patienten mit frischem Trachom, sowohl der Kinder resp. Ju- gendlichen als auch der Erwachsenen in jüngeren Jahren, nicht erhalten. Unter den Kindern und Jugendlichen fanden sich nur 3 von 15 Patienten mit frischem Trachom (=20%) und unter den Er- wachsenen 4 von 22 Patienten mit frischem Trachom ( = 18%), welche unterernährt und minderwertig waren. Es schien, als ob die allgemeine schlechte Körperbeschaffenheit den Boden zum Fort- schreiten des Trachoms und seiner Komplikationen bereite und A XIX. i Über das Blutbild Trachomkranker 143 umgekehrt, eine gute Körperbeschaffenheit dem ein Hindernis entgegenstelle. Krankhafte N a s e n - u n d R a c h e n b e f u n d e Hes- sen sich, ausser bei den Skrofulösen, nur vereinzelt, bedeutend seltener ( = 17% resp. 19%) als K u h n t sie gefunden hatte, fest- stellen. Fast bei allen Untersuchten waren die tastbaren L y m p h - d r ü s e n vergrössert, und zwar: die Präaurikulardrüsen 44 mal, „ Retroaurikulardrüsen 5 „ > „ Unterkieferdrüsen 81 „ , „ Hals- und Nackendrüsen „ Axillardrüsen „ Kubitaldrüsen „ Inguinaldrüsen Die Schilddrüse war 1 mal stark vergrössert und 1 mal hypo- plastisch (bei einem Kretin). Die Vergrösserung der Lymphdrüsen kann zur Beurteilung der lymphatischen Konstitution wenig beitragen. Man findet sie ja oft bei scheinbar gesunden Menschen. Man ist nicht im- stande die genuinen Vergrösserungen der Lymphdrüsen von den im späteren Leben durch Infektionen und Intoxikationen sekundär entstandenen zu unterscheiden. Aus diesem Grunde kann ich nicht behaupten, dass die vergrösserten Lymphdrüsen allein ein Zeichen der lymphatischen Diathese bei Trachomkranken darstellen. Da die Lymphdrüsen aber fast bei allen Kranken, oft in hohem Grade, vergrössert waren und die Kranken dabei gleichzeitig meist eine hohe Blutlymphozytose aufwiesen, so hat man mit der Möglichkeit zu rechnen, dass die Lymphdrüsenvergrösserungen bei den Trachomkranken auch konstitutioneller Natur sein können. Wahrscheinlich weisen sie wohl darauf hin, dass die Träger der vergrösserten Lymphdrüsen in ihrem Körper irgendeinen Defekt, irgendeine Anomalie aufweisen. H a r t ist der Meinung, dass die allgemeine Hyperplasie der Lymphdrüsen von „abnormer Thymus- wirkung" abhängig sei und ebenso vom allgemeinen Ernährungs- zustande, und vielleicht auch durch die Art der Ernährung be- dingt sein könnte. Diese zweite von H a r t erwähnte Ursache der Drüsenvergrösserung möchte bei den Trachomkranken in Betracht 144 JAAN UUDELT A XIX. i kommen. Denn die meisten von diesen entstammen jenen Volks- schichten, wo die Nahrungsfrage nicht befriedigend gelöst, wo die Nahrung oft ungenügend und einseitig ist. Mehr als die Hälfte von den von mir untersuchten Trachomkranken zeigte auch eine blasse „fahle" Hautfarbe, Unterernährung u. s. w. Die Nahrung kann auch auf die Konstitution schwächend wirken. „Der Mensch ist, was er isst." Z u s a m m e n f a s s u n g . Das Trachom hat bei den Esten und anderen finnischen Völ- kern seit altersher endemisch geherrscht. In der Gegenwart be- - findet sich das Trachom in Estland in stetiger Abnahme. Die frischen Trachomformen sind in der Beobachtungszeit (1921— 1928) nach dem Material der Ambulanz der Universitäts-Augen- klinik zu Tartu (Dorpat) gefallen: Trachoma I von 1,8% auf 0,8% und Trachoma II von 6,5% auf 1,1%. Das Gesamttrachom ist von 11,4% (resp. 12,7% im Jahre 1922) auf 8,7% und die Tri- chiasis von 15,5% auf 8,9% gefallen. Die schweren Trachomformen kommen im Vergleich mit früheren Zeiten immer seltener, die leichten und zweifelhaften Formen dagegen immer häufiger vor. Der Rückgang des Trachoms in Estland geschieht ohne behördlich organisierte Bekämpfung und ist wohl hauptsächlich auf die Besserung der Lebensbedingungen der breiten Volksmassen im Lande zurückzuführen (siehe die Diagramme I und II) . Nach unserem Material sind die Frauen gegenüber den Män- nern mehr geneigt zu Erkrankungen an chronischen und an folli- kulären Bindehautentzündungen sowie an Hornhautkomplikatio- nen und Trichiasis bei Trachom (siehe Diagramm III) . Die Infektiosität des Trachoms ist bei uns, im Vergleich mit stark trachomverseuchten Ländern, keine grosse. In den Schulen und im Militär in Tartu (Dorpat) kommen einzelne Trachomfälle vor, welche aber kein einziges Mal eine Epidemie verursacht ha- ben. Die in der Literatur beschriebenen Trachomepidemien wei- sen wohl,auf Mischinfektionen oder auf „trachomähnliche" folli- kelbildende akute Bindehautentzündungen hin. Die Frequenz des Trachoms geht oft derjenigen andersarti- ger Bindehautentzündungen parallel (siehe Diagramm V). Unter dem klinischen Bilde des follikulären Trachoms können offenbar Bindehautentzündungen aus verschiedenen Ursachen und Infekten erscheinen. 10 146 A XIX. i Das in der Literatur beschriebene experimentell erzeugte Tra- chom an Tieren und Menschen ist dem klinischen Verlaufe nach verschieden von dem spontan entstandenen Trachom des Men- schen. Ein dem experimentell erzeugten Trachom klinisch gleiches Bild kann auch durch Übertragung von nichttrachomatösen In- fekten erzeugt werden. Die strengen polizeilichen Schutzmassnahmen gegen die Tra- chominfektion und ihre Verbreitung, wie sie in manchen Ländern (Ostpreussen, Ungarn) gelten, sind in unseren Verhältnissen nicht erforderlich. Nicht jedes Lebensalter ist f ü r die Trachominfektion gleich empfänglich. Am häufigsten geschieht die Ansteckung mit Trachom im Kindes- und besonders im jugendlichen Alter zwischen dem 10. und 20. Lebensjahre. Nach dem 25. Lebensjahr fällt die Frequenz des frischen Trachoms rapid und nach dem 30., besonders aber nach dem 40. Lebensjahre beobachtet man eine Ansteckung mit frischem Trachom nur noch ausnahmsweise. Dieselbe Frequenzkurve in den verschiedenen Lebensaltern, wie das frische Trachom, zeigt bei uns der follikuläre Katar rh : sein Maximum befindet sich zwischen dem 10. und 20. Lebens- jahr, mit dem Höhepunkt im 15. Lebensjahr. Nach dem 30. Le- bensjahr beobachtet man den Follikularkatarrh nur selten (siehe die Diagramme VIII und IX). Die Frequenzkurve des frischen follikulären Trachoms, resp. der Ansteckungszeit des Trachoms, zeigt in den verschiedenen Le- bensaltern einen grossen Parallelismus mit derjenigen des folliku- lären Katarrhs und des Entwicklungsganges des lymphatischen Gewebes des Menschen, resp. des Status thymo-lymphaticus (ver- gleiche die Diagramme VI—IX). Das Zusammenfallen der Meistinfektion des Trachoms mit dem häufigsten Vorkommen des follikulären Katarrhs in der Zeit der Höchstentwicklung des lymphatischen Gewebes des Menschen, im jugendlichen Alter zwischen dem 10. und 20. Lebensjahre, und das Seltenerwerden der Trachomansteckung im Alter der Rück- bildung des lymphatischen Gewebes berechtigt dazu, im lymphati- schen Gewebe ein fü r Trachominfektion disponierendes Moment zu suchen. Die Möglichkeit einer konstitutionellen Disposition der .Lym- phatiker zur Trachominfektion auch in vorgeschrittenem Alter 147 lässt sich nicht in Abrede stellen und ist sehr wahrscheinlich; sie lässt sich aber auch nicht mit Sicherheit beweisen und bleibt als eine aus klinischen Beobachtungen erfahrungsmässig gewonnene persönliche Überzeugung bestehen. In Bezug auf das B l u t b i l d der 100 näher untersuchten Trachomkranken lässt sich folgendes feststellen: die E r y t h r o z y t e n z a h 1, der Hämoglobinprozentsatz des Blutes und der Färbeindex der Erythrozyten bewegen sich, mit einzelnen Ausnahmen, in normalen Grenzen; von 91 Trachomkranken zeigten 62 Personen normale L e u - k o z y t e n z a h l (5000—8000 L. im cmm), 21 Personen Leuko- zytose und 8 Personen leichte Leukopenie; aus der Differentialzählung der Leukozyten ergab sich, dass 66 Personen von 100 im Blutbilde r e l a t i v e L y m p h o z y t o s e (>35%) und 36 Personen von 91 (=39,5%) auch a b s o l u t e L y m p h o z y t o s e (>2800 Ly im cmm) zeigten; relative und absolute Lymphozytose gleichzeitig war vorhanden bei 31 Per- sonen von 91 ( = 34%); die E o s i n o p h i l e n waren relativ vermehrt ( > 4 % ) bei 33 Personen von 100 ( = 33%) und absolut vermehrt (>300 Eos. im cmm) bei 32 Personen von 91 ( = 35%); relative und absolute Eosinophilie war gleichzeitig vor- handen bei 24 Personen von 91 ( = 2 6 % ) ; das frische Trachom zeigt im Blute etwas häufiger Lym- phozytose und viel häufiger Eosinophilie als das Narbentrachom; die klinisch schwereren Trachomformen zeigen im Blutbild häufiger (in 80%) r e l a t i v e Lymphozytose, als die leichteren Trachomformen (in 48%); die absolute Lymphozytose sowie die relative und absolute Eosinophilie zeigen keinen merklichen Unterschied zwischen leichteren und schwereren Trachomformen; bei Kontrolluntersuchungen nach Heilung oder Besserung des Trachoms liess sich feststellen, dass die Lymphozytose im Blute noch weiter bestand. Das erlaubt den Schluss zu ziehen, dass die Blutlymphozytose Trachomkranker eine dauernde oder chronische ist, auf dem Allgemeinzustande basiert (sogen. „ K o c h e r'sches Blutbild" oder B a u e r ' s „degeneratives weisses Blutbild") und nicht durch das Trachom verursacht ist. 148 JAAN UUDEL1T A XIX. i Der Allgemeinzustand der untersuchten Trachomkranken erlaubte bei 22 von 29 Kindern resp. Jugendlichen ( = 76%) einen skrofulösen oder lymphatischen Status festzustellen . Von den Er- wachsenen in jüngeren Jahren zeigten 5 Personen von 15 ( = 33%) und von denen in älteren Jahren 16 Personen von 56 ( = 28%) noch einen lymphatischen Status. 52% von den alten Trachomkranken wiesen eine blasse Hautfarbe, zyanotische Lippen, schwache, schlaffe und atrophische Muskulatur, Unterernährung, ein aufge- dunsenes Gesicht und andere Merkmale eines schlechten, minder- wertigen Allgemeinzustandes auf. Die Lymphdrüsen waren vergrössert bei 86 Personen, normal bei 4 Personen und nicht notiert bei 10 Personen. T a f e l n m i t E r k l ä r u n g e n . 150 JAAN UUDELT A XIX. i T a f e l I stellt die vermutlichen archäologischen Zilienpinzetten dar, welche in E s t - l a n d und in L e t t l a n d gefunden worden sind. Sie stammen aus der Zeit 300—600 J. nach Chr. Sie sind gefunden: Nr. 1 im Kirchspiel Peetri, Nurmsi (Archäol. Kabin, der Univ. Tartu- Dorpat), Nr. 2 im Kirchspiel Lüganuse, Jäbara (Archäol. Kabin, der Univers. Tartu- Dorpat), Nr. 3 im Kirchspiel Nõo, Unipiha (Gelehrte Estnische Gesellschaft in Tartu- Dorpat), Nr. 4 im Kirchspiel Ronneburg (Lettland), Strante (Gelehrte Estnische Ge- sellschaft in Tartu-Dorpat), Nr. 5 im Kirchspiel Kaarma, Upa (auf der Insel Ösel) (Städtisches Museum in Kuresaare-Arensburg). Die Grösse der Abbildungen beträgt 9/io der natürlichen. Die Abbildungen in der unteren Reihe geben dieselben Pinzetten von der Kante aus gesehen wieder. Acta et Commentationes Universitatis Tartuensis (Dorpatensis) A XIX. i. o Acta «t Commentationes Unlversitatis Tartuensis Tai'. II. (Dorpatensis) A XIX. x. A XIX. i T a f e l II stellt die vermutlichen archäologischen Zilienpinzetten dar, welche gefunden worden sind: in Ostpreussen (Masurien, Sensburg, Jaskowka: Nr. 1—4 und 6—10), im Memelgebiet (Oberhof: Nr. 11), in Dänemark (Nr. 5; siehe M ü l - l e r : Ordning af Danmarks Oldsager, Jernalderen, Abb. 272) und in Russland (Gouvernement Wladimir, Ossowez: Nr. 12; siehe S p i z y n : Wladimirskije kurgany, Abbildung 406). Die Pinzetten Nr. 1—4 und Nr. 6—11 stammen aus der Zeit um 300—400 n. Chr. („Prussia-Museum" in Königsberg i. Pr.). Die Pinzette Nr. 5 ist mit einem Ohrlöffel an einem gemeinsamen Ring dar- gestellt. Die Abbildung Nr. 1 ist ca. in 8/io, Nr. 2 in tt/io, Nr. 3 in 1A, Nr. 4 in 7/io, Nr. 5 in Vi, Nr. 6 in %, Nr. 7—10 in 4/s, Nr. 11 in Vs u n ^ Nr. 12 in 9/io der natürlichen Grösse wiedergegeben. 152 JAAN UUDELT A XIX. i T a f e l III veranschaulicht die vermutlichen archäologischen Zilienpinzetten aus der Zeit 1200—1000 (Nr. 5 und 6) und 700—600 vor Chr. (Nr. 1—4). (Siehe M ü l l e r ; Ordning af Danmarks Oldsager, Bronzealderen, Abb. 86, 87 und 194—198.) Die Grösse der Abbildungen Nr. 1—8 ist ungefähr Vi der natürlichen Grösse. Die Abbildungen Nr. 9—12 stellen die in Finnland (Häme und Nord- karelien) gefundenen Pinzetten dar, welche aus der Zeit 500—600 nach Chr. stammen (Finnisches Nationalmuseum in Helsingfors). Die Grösse der Ab- bildungen ist ungefähr 4 /s der natürlichen Grösse. Hiermit erlaube ich mir, Frl. Mag. phil. M. S c h m i e d e h e l m meinen Dank fü r ihr freundliches Entgegenkommen durch Überlassung der photo- graphischen Aufnahmen der im „Prussia-Museum" in Königsberg auf- bewahrten Pinzetten auszusprechen. Die Abbildungen Nr. 9—12 auf Tafel III mit den näheren archäo- logischen Daten über die Pinzetten wurden mir freundlichst von Herrn Prof. Dr. phil. I. M a n n i n e n aus Helsingfors zugeschickt. Ich bitte Herrn Prof. M a n n i n e n dafür meinen herzlichen Dank entgegenzunehmen. Acta et Commentationes Universitatis Tartuensis ,p a^ (Dorpatensis) A XIX. 1. öS T h e s e n . 1. Zur Zusammenstellung einer geographischen Trachomkarte Estlands müssten die Daten der Schul- und Rekrutenunter- suchungen gesammelt und verwertet werden. 2. Trachomkranke Kinder und Soldaten können bei uns, ohne besondere Gefahr der Ansteckung ihrer Kommilitonen, die Schule besuchen resp. ihre Militärzeit abdienen, wenn sie in Behandlung sind. 3. Vergleichende Untersuchungen der Bakterienflora der Binde- haut in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zei- ten, in ihrer Beziehung zur gleichzeitigen Verbreitung des Trachoms, könnten zur Klärung der Frage der Spezifität des Trachomerregers beitragen. 4. Um die bei uns so erschreckend häufig beim Steinsprengen vor- kommenden schweren Körper- und Augenverletzungen, mit Verstümmelung und Erblindung im Gefolge, zu verhüten, ist der freie Verkauf von Kali chloricum, welches zu den Explosivstoffen zu zählen ist, behördlich zu verbieten.1). 5. Die Iris besitzt, ausser der F u n k t i o n i e r Lichtabbiendung, offenbar auch die der Regulierung des Kammerwasser- wechsels durch ihr Pupillenspiel und vermöge ihrer Kryp- ten und Lymphräume. 6. Die bindegewebige und atrophische Degeneration der Iris im Alter, welche sich in Schwund des Pigmentsaumes, Pig- mentdispersion, Abflachung der Trabekeln und Verdich- tung des Irisgewebes äussert, und welche man in Glaukom- augen besonders stark ausgesprochen findet, könnte, infolge !) A n m e r k u n g w ä h r e n d d e r K o r r e k t u r . Inzwischen ist der freie Verkauf von Kali chloricum in Estland von der Medizinalverwaltung auf Antrag der estländischen „ B l i n d e n h i l f e " verboten worden. Infolgedessen sind die Augenverletzungen beim Steinsprengen in letzter Zeit seltener ge- worden. Damit ist das Ziel dieser These (4) erreicht. 11 154 JAAN UUDELT A XIX. i Obliteration der Lymphräume, eine Ursache intraokularer Drucksteigerung sein. Diese Irisveränderungen sind in Glaukomaugen als primär anzusehen. 7. Das häufig bei Sehprüfungen der Schulkinder zu beobach- tende „Akkomodationsspiel" darf nicht als „ Akkommo- dationskrampf" bezeichnet werden. Dieser letztere kömmt sehr selten vor. 8. Die Sehprüfungen und Augenuntersuchungen der Chauffeure geschehen bei uns ganz unsystematisch. Sachkundig aus- gearbeitete Vorschriften müssten unter Berücksichtigung international vereinbarter Normen möglichst bald erlassen werden. Einäugigkeit sollte unbedingt vom Chaffeurdienst ausschliessen. L i t e r a t u r . A n m e r k u n g . Die mit * bezeichneten Arbeiten behandeln allgemein- medizinische Fragen (Konstitutionsfrage etc.), diejenigen mit ** das Blutbild bei Augenkrankheiten. 1. A b a d i e : Bericht der Soc. d'ophth. de Paris, 1901. Ref. Kl. M. f. A., 1902 II, S. 352. 2. A b r a m o w i c z und W ^ s o w s k i : Trachom und Nase. Polska gazeta lekarska, 6. Jg. Ref. Zentralbl. f. g. O., Bd. 18, S. 838, 1927. 3. A d a m a n t i a d i s 1 B . : Keratite Weeksienne en sillon chez des anciens trachomateux. Ann. d'oc., Bd. 165, S. 119, 1928. 4. A d d a r i o , sen.: La contagiositä del tracoma. Ricerche sperimentali sull' uomo. Atti del I. congr. nazion. per Ia lotta contro il tracoma, Palermo 1906. Bericht von G r e e f f und C l a u s e n in Klin. Jahrb., Bd. 17, 1907 und Ref. in Kl. M. f. A., 46. Jg., S. 548, 1906. 5. A d d a r i o l a F e r l a 5 G . : Sulla questione del tracoma. Lett. oft., 4. Jg. 1927. Ref. Zentralbl. f. g. O., Bd. 20, S. 594. 6. A d e l m a n n , G.: Geschichte und statistische Rückblicke auf die Au- genklinik der kais. russ. Univ. zu Dorpat von ihrem Beginn bis zum Jahre 1867. Deutsch. Arch. f. Geschichte der Med. und med. Geographie, Bd. 4, H. 1—4, 1881. 7. — Ueber endemische Augenkrankheiten der Esthen in Livland und ver- wandter Stämme im russischen Reich. Tageblatt der 51. Vers, deutscher Naturforscher und Aerzte zu Kassel, 1878. 8. A f a n a s s j e w a und B l i d s t e i n - N e w o r o s h k i n a : Zu den folliku- lären Veränderungen der Bindehaut des Augapfels bei Trachom. Russ. Arch. Ophth., Bd. 5, S. 61, 1928. 9. A 1 v a r e z , A.: Das Trachomproblem in der Duerogegend. Arch. de oft., hisp.-amer., Bd. 26, 1926. Ref. Zentralbl. f. g. O., Bd. 17, S. 438. 10. A n g e 1 u c c i , A.: Il tracoma in rapporto alla tuberculosi. Giorn. di oculist.. 6. Jg., 1925. Ref. Zentralbl. f. g. O., Bd. 15, S. 613 und 773. 11. — Sull' azione biologica del siero degli adenoidei tracomatosi. Arch. di ott., Bd. 32, 1925. Ref. Zentralbl. f. g. O., Bd. 16, S. 77. 12. — L'auto-serotherapie dans Ie trachome. 38. congr. de Ia Soc. fran^. d'ophth. Bruxelles 11—15. V. 1925. Ref. Zentralbl. f. g. O., Bd. 16, S. 786. 13. — Rapporti tra tisi e tracoma. Atti del congr. d. soc. ital. di oftalmol., 1925. Ref. Zentralbl. f. g. O., Bd. 16, S. 185. 14. — L'autoemoterapia integrale nel tracoma e nelle sindromi linfatiche oculari. Fol. med., 12. Jg., Nr. 7, 1926. Ref. Zentralbl. f. g. O., Bd. 17, S. 338, 1927. 11* 156 JAAN UUDELT A XIX. i 15. — Die integrale Autohämotherapie beim Trachom. Arch. di ott., Bd. 33, 1926. Ref. Kl. M. f. A., Bd. 77, S. 248, 1926. 16. — Eugenica e tracoma neile razze e nella storia. Giorn. di ocul., 7. Jg., Nr. 7, 1926. Ref. Zentralbl. f. g. 0., Bd. 17, S. 628. 17. — Sulla biologia del tracoma. Arch. di ottalmol., Bd. 34, 1927. Ref. Zentralbl. f. g. O., Bd. 18, S. 836. 18. A r 11, F.: Die Krankheiten des Auges. Bd. I. Prag 1855. 19. — Klinische Darstellung der Krankheiten des Auges. "Wien 1881. 20. A s h i k a g a : Zur Diagnose von Trachom nebst der tinktoriellen Unter- suchung der Konjunktiva. Nihon Gankwagaku Kwai Zasshi, 1920. Ref. Kl. M. f. A., Bd. 66, S. 309, 1921. 21. A u s t : Zur Einschlussinfektion der Bindehaut beim Erwachsenen. Ref. Zentralbl. f. g. O., Bd. 18, S. 700," 1927. 22. A x e n f e l d , Th.: Über Frühjahrskatarrh. Kl. M. f. A., 1907 I, S. 552. 23. — Rapport sur Ie catarrhe printanier. Soc. franc;. ophth., Congres de 1907. 24. — Die Ätiologie des Trachoms. Jena 1914. 25. — Infektion und Disposition in der Augenheilkunde. Kl. M. f. A., Bd. 79, S. 66. 1927. 26. A x e n f e l d und R u p p r e c h t : Die Pathologie des Frühjahrskatarrhs. Kl. M. f. A., 1907 (Beilageheft), S. 105. 27. B ä c k , S.: Über den Zusammenhang zwischen Skrofulose und Trachom. M. m. W., 1900, S. 255. 28. B a e r , C. E.: De morbis inter Esthonos endemicis. Diss. Dorpat 1814. 29. B a l a b o n i n a , L.: Die Avitaminose und Conjunctivitis. Ref. Kl. M. f. A., Bd. 77, S. 247, 1926 II. 30. B a r t o l o t t a , E.: Considerazioni sugli stati tracomatosi della Libia. Rinascenza med., 3. Jg., Nr. 19, 1926. Ref. Zentralbl. f. g. O., Bd. 17, S. 628. 31. B a r y s c h n i k o w a : Das Trachom nach den Beobachtungen der Augenklinik der Universität zu Saratow. Kl. Zeitschr. d. Univ. Saratow. Bd. 5, H. 3, S. 219, 1928. 32. Bauer , C.: Das Trachom in der Ostschweiz nach den Beobachtungen d. Züricher Univ.-Augenklinik in den Jahren 1862—1899. Korrespondenzbl. f. Schweizer Ärzte, 30. Jg., Nr. 9, 1900. *33. B a u e r , J . : Diekonstitutionelle Disposition zu inneren Krankheiten. 2. Aufl. 1921. 34. B a y e r , H.: Weitere Untersuchungen auf dem Gebiete d. Frühjahrska- tarrhs. Heidelberg. Bericht, 1912 und 1913. 35. — Über die Kombination von Frühjahrskatarrh mit Trachom. Kl. M. f. A., Bd. 51, S. 615, 1913. *36. B e r g e l , S.: Die Lymphozytose, ihre experimentelle Begründung und biologisch-klinische Bedeutung. Ergebnisse d. inner. Med. u. Kinderheilk., Bd. 20, S. 36, 1921. 37. B e s s o , M.: Sulla cura del tracoma con l'autoemosiero. (Costituzione e tracoma.) Bollet. ocul., 4. Jg., S. 708, 1925. 38. B i r c h - H i r s c h f e 1 d , A.: Derjetzige Standder Granulöse in Ost- preussen nach den Erfahrungen der Königsberger Augenklinik und ihre Bekämpfung. Z. f. A., Bd. 54, S. 263, 1925. A XIX. i Uber das Blutbild Trachomkranker 157 39. — Zur Pathologie der Granulöse. Schrift, d. Königsb. gelehrt. Ges., 2. Jg., H. 1, Berlin 1925. 40. — Neuere Anschauungen über Trachom. Z. f. A., Bd. 65, S. 209, 1928. *41. B i t t o r f , A.: Eosinophilie des Blutes bei Muskelrheumatismus. D. m. W., 1919, H. 13. 42. B1 a 11, N.: Einseitiges Trachom. Kl. M. f. A., Bd. 81, S. 810, 1928. 43. — Pannus artificialis, erzeugt durch Helleborus odoratus. Arch. f. O., Bd. 120, S. 742, 1928. 44. B l i d s t e i n - N e w o r o s h k i n a : Über die follikulären Erkrankungen d. Bindehaut beim Hunde. Russ. Ophth. J., Bd. 6, S. 844, 1927. 45. B1 u m b e r g , P.: Über das Trachom vom zellularpathologischen Stand- punkte. Arch. f. O., Bd. 15 I, S. 129, 1869. 46. B o n n e t j P . : Les ocelles limbiques et Ie trachome conjonctival benin. Bull, de Ia Soc. d'ophth. de Paris, Jg. 1927. Zentralbl. f. g. O., Bd. 18, S. 700, 1927. 47. B o 11 e r i , A.: Klinische, experimentelle und mikroskopische Studien über Trachom, Einschlussblennorrhöe und Frühjahrskatarrh. Kl. M. f. A., Bd. 50, S. 653, 1912. 48. B o t t e r i u n d S p a n i e : Über die Ätiologie des Plasmoms. Kl. M. f. A., Bd. 78, S. 810, 1927. 49. B r a n a 1 J . : Konstitution und Trachom. Kl. M. f. A., Bd. 69, S. 338, 1922. 50. — Konstitution und Trachom. Kl. M. f. A., Bd. 70, S. 393, 1923. 51. — A trachoma csonka Magyarorszägon. Orvosi Hetilap, Bd. 68, 1924. 52. — Bemerkungen zu der Arbeit von Prof. A. E l s c h n i g über Conjunc- tivitis follicularis und Trachom. Kl. M. f. A., Bd. 75, S. 177, 1925. 53. — Über d. degenerativen Stigmata d. Trachomkranken. Heidelberg, ^e* rieht, 1927, S. 354. **54. B r a n d t : Blutbild bei Iritis. Ref. Kl. M. f. A., Bd. 69, S. 845, 1922. **55. B r ü c k n e r , A.: Zytologische Studien am menschlichen Auge. Arch. f. Ophth., Bd. 100, S. 179, 1919. **56. — Blutbild und Augenkrankheiten. Heidelberg. Bericht, 1918 (siehe G i e s e und B r ü c k n e r ) . 57. B r u k , A.: Über familiäre und hereditäre Verbreitung des Trachoms. Russ. Ophth. J., Bd. 5, S. 585, 1926. 58. B u i v i d a i t e - K u t o r g i e n e : Trachoma akiu klinikos. 1920—1925 m. daviniais. Kaunas, Yarpo, 1927. **59. B u r s u k , G.: Zur Diagnose der luetischen Augenerkrankungenauf Grund der Verschiebung der leukozytären Blutformel. Russ. Ophth. J., Bd. 4, S. 355, 1925. 60. C a 1 o g e r o , G.: Die Adenoidektomie beim Trachom. Arch. di ott., Bd. 33, S. 262, 1926. Ref. Zentralb. f. g. O., Bd. 17, S. 532, 1927. 61. — Le manifestazioni cliniche ed isto-patholog. della mueosi nasale e faringea nel tracoma. Arch. di ott., Bd. 33, S. 315, 1926. 62. C a z a 1 i s. Le probleme etio-pathogenique du trachome. 38. congr. de Ia Soc. fran II T v\ II \\ 20 20 - p + \ 0 - I I IIS I I i i ! 1 I I L l [ I i 1I l I 1 \I 1H fl III 1[ I 1 P ä r n u T a l l i n n tws / /W \ /4 \ \ 10 \ HO • \ * ^ f f \ H // \ k ao A ao J f \> s ^ / o 0 Hfr I I 1 E 5m II! I I I I H 1 1 i ]n m u ß . i H i O l u s t v e r e Tar tu ()0¾ *f0 /J \ > / N I/ ^ * X i > I - \ SD \\ > < — ** o I l l i l I l W I i 1 i i i i ¥ n a Fig. 1. Sonnenscheindauer (%) Heiterkeit des Himmels (%) Zur Untersuchung des täglichen Ganges der Differenzen steht uns nur Tartu zur Verfügung, da nur von dieser Station das Beobachtungsmaterial der Bewölkung für 7 Termine pro Tag A XIX. 3 Über die Sonnenscheindauer und Bewölkung in Eesti 9 vorliegt. Tabelle 3 enthält die relative Sonnenscheindauer, die Heiterkeit des Himmels und die entsprechenden Differenzen für die einzelnen Stunden aller Monate. T a b e l l e 3. 1 II III IV V VI VIl VIII IX X XI XlI Relative Sonnenscheindauer (%). 7h — — 10 32 48 45 64 45 23 1 — • — IOh 9 20 42 46 58 46 69 52 46 25 8 3 19 25 42 40 52 47 65 48 48 27 13 11 16h 0 7 34 38 46 44 56 42 35 14 0 — 19h — — — 4 21 32 39 10 0 — — — 22h Heiterkeit des Himmels (%). 7h — — 25 27 33 30 46 32 25 16 — — IOh 18 15 30 26 28 25 38 26 21 15 11 11 13h 19 16 30 26 26 26 32 23 21 14 13 14 16h 23 17 31 27 29 28 35 27 24 17 12 — 19h — — — 30 32 32 41 33 34 — — — 22h l Differenzen. 7h — — — 15 5 15 15 18 13 - 2 —15 — — IOh —9 5 12 20 30 21 31 26 25 10 —3 —8 13h 0 9 12 14 26 21 33 25 27 13 0 —3 16h —23 — 10 3 11 17 16 21 15 11 —3 - 1 2 — 19h — — — —26 —11 0 —2 --23 - -34 — — — 22h Der tägliche Gang der Differenzen ist am ersichtlichsten in den Frühlings- und Herbstmonaten, da für diese Jahres- zeiten auch für die Stunden des Sonnenaufganges Bewölkungs- beobachtungen vorhanden sind. In diesen Jahreszeiten haben die Differenzen am Morgen negative Werte, die später positiv werden und bis zum Maximum um die Mittagszeit anwachsen, um nachher bis zu den negativen Werten am Abend wieder zu fallen. Auf Grund der letzten Tabelle können wir den mittleren täglichen Gang der Differenzen in einem gegebenen Monat, wie auch den jährlichen Gang derselben für eine bestimmte Stunde verfolgen. Aus beiden ist der starke Einfluss der Sonnenhöhe zu ersehen, weshalb im Vergleich zur Heiterkeit des Himmels sich ein Manko der Sonnenscheindauer im Winter und in den Morgen- t CO 10 HELENE LIEDEMANN A XIX. und Abendstunden, sowie andererseits ein bedeutender Über- schuss im Sommer und in den Mittagsstunden ergibt. Um ein genaueres Bild der So Qnenschein- und Bewölkungs- verhältnisse sowie ihrer Abhängigkeit voneinander im Laufe des Jahres zu erhalten, wollen wir zuerst die Veränderung der Sonnenscheindauer bei verschiedenen Bewölkungsgraden unter- suchen, um einerseits die Abhängigkeit dieser Dauer vom Be- wölkungsgrade festzustellen und andererseits die Paktoren, die neben dem letzteren einen Binfluss auf die Änderung der Son- nenscheindauer ausüben, zu finden. Zu diesem Zwecke ist für Tartu die relative Sonnenschein- dauer für die mittleren täglichen Bewölkungsgrade von O—10%, 10—20%, • • • 90—100% nach den Daten von 7 Jahren berech- net worden, und zwar für den Juni, den Monat mit .dem läng- sten Tage, den Dezember, den Monat mit dem kürzesten Tage, sowie für die Jahreszeiten und das Jahr (Tabelle 4). Betrach- ten wir die Sonnenscheindauer für eine bestimmte Jahreszeit oder einen bestimmten Monat bei verschiedenen Bewölkungsgraden, so sehen wir, was auch zu erwarten war, dass mit der Zunahme der Bewölkung die relative Sonnenscheindauer abnimmt. Neh- men wir die Sonnenscheindauer bei einem bestimmten Bewöl- kungsgrade, so finden wir, dass diese sich von Jahreszeit zu Jahreszeit ändert. Den grössten Wert der relativen Sonnen- scheindauer finden wir bei allen Bewölkungsgraden, entsprechend dem höchsten Sonnenstande, im Sommer, den kleinsten im Win- ter, was durch die geringste Sonnenhöhe zu dieser Zeit bedingt ist. T a b e l l e 4. , R e 1 a t i v e S o n n e n s c h e i n d a u e r Bew. Juni Dez. Winter Prühl. Somm. Herbst Jahr 0— 10 87 43 58 80 86 72 75 10— 20 82 33 53 76 83 72 74 20— 30 75 13 54 77 74 66 71 3 0 - 40 71 24 42 62 72 50 59 40— 50 56 28 34 62 62 44 53 50— 60 48 17 25 54 56 45 49 60— 70 43 14 14 36 47 30 33 70— 80 33 14 11 34 35 23 29 80— 90 29 10 11 30 32 18 25 90—100 13 0 2 12 15 6 7 A XIX. 3 Uber die Sonnenscheindauer und Bewölkung in Eesti 11 Die Änderungen der Tageslänge laufen denen der Sonnen- v höhe parallel. Das Verhältnis der mittleren Länge eines Juni- tages zu der eines Dezembertages ist für Tartu etwa 2,8. Das Verhältnis der mittleren relativen Sonnenscheindauer im Juni zu der im Dezember, berechnet aus der mittleren Sonnen- scheindauer für einzelne Bewölkungsgrade, ist 2,9. Demnach ändert sich die mittlere Sonnenscheindauer vom Dezember bis zum Juni ungefähr proportional der Tageslänge. Neben der Sonnenhöhe sind die Änderungen der Intensität der Strahlen noch von der Durchlässigkeit der Atmosphäre ab- hängig. Letztere ist im Frühling am grössten, und darum weist auch bei ein und derselben Sonnenhöhe die Intensität der Strah- len um die genannte Zeit den grössten Wert auf. Da aber die Sonnenstrahlen nur die dünnen Ci-Wolken zu durchstrahlen im Stande sind, spielt diese Intensität hauptsächlich bei niedrigen Bewölkungsgraden, bei denen die Ci-Wolken häufiger vorkommen dürften, eine Rolle. ioo%, — WiHttx Kn^sr Fig. 2. Sonnenscheindauer (%). In Fig. 2 finden wir den jährlichen Gang der relativen Sonnenscheindauer für die Bewölkungsgrade von 0—20% 20—40%, u. s. w. und denjenigen für die mittlere Bewölkung von 0—50% und 50—100%. Die beiden letzten Kurven haben einen etwas verschiedenen Charakter. Die erste von ihnen steigt vom Winter bis zum Frühling um 26%, vom Frühling bis zum Sommer bloss um 4%. Bei der Kurve für stärkere Bewöl- kung beträgt das Steigen im ersten Zeitabschnitt 17%, im 12 HELENE LIEDEMANN A XIX. 3 zweiten 9%, und ist hiermit in diesem Fall ein viel gleich- massigeres. Bei der Kurve für stärkere Bewölkung beobachten wir- somit vorwiegend den Einfluss der Sonnenhöhe, während der jährliche Gang der Sonnenscheindauer bei schwächerer Bewöl- kung noch von dem der Strahlenintensität beeinflusst wird, wes- halb der Wert der zweiten Kurve im Frühling stark gehoben und die Parallelität der beiden dadurch gestört wird — eine Tatsache, auf die schon Figurowskij 1897 hingewiesen hat1). Um die Veränderlichkeit der Sonnenscheindauer bei sich ständig ändernder Bewölkung, wie es in Wirklichkeit der Fall ist, zu untersuchen, wollen wir den jährlichen Gang der Elemente gleichzeitig verfolgen. Zunächst wollen wir die Änderungen der Mittelwerte genauer betrachten. T a b e l l e 6. Mittlere absolute Sonnenscheindauer in Stunden. I II III IV V VI VII VIII IX X XI XII Jahr Vilsandi 28.9 50.0 136.6 185.6 238.2 244.1 322.3 242.1 158.9 74.8 22.1 12.3 1715.9 Vigala 21.6 43.1 132.8 157.4 218.2 204.0 296.6 178.1 128.3 63.5 22.7 16.6 1482.9 Pärnu 26.9 46.3 130.7 161.2 242.6 225.5 291.6 209.3 149.3 70.2 28.1 16.3 1598.0 Tallinn 23.1 38.9 129.1 159.5 220.8 224.0 298.9 188.9 123.8 52.3 21.4 5.9 1486.6 Polli 19.9 36.6 112.9 139.2 216.5 197.6 268.2 174.2 128.0 56.6 21.0 8.3 1379.0 Olustvere 22.3 45.0 122.3 144.1 207.3 194.3 268.6 179.9 129.8 63.8 19.9 11.1 1408.4 Tooma 26.9 41.1 119.9 137.0 206.3 200.2 273.8 180.8 131.3 63.3 19.0 12.3 1411.9 Tartu 26.1 42.3 117.8 147.1 216.7 204.3 281.8 188.0 134.9 63.3 17.4 11.0 1450.7 TiirikOja 18.9 34.7 118.4 133.1 191.0 191.0 289.0 177.1 126.2 43.0 13.6 8.4 1344.4 T a b e l l e 7. Mittlere Bewölkung in Zehnteln des Himmelsgewölbes. I II IlI IV V VI VII VIII IX X XI XII Vilsandi 8.1 7.9 6.7 6.1 6.4 6.3 5.4 6.1 6.7 8.0 8.7 8.3 Vigala 7.1 7.5 5.9 5.9 5.9 6.2 4.5 6.1 6.5 7.3 7.9 7.8 Pärnu 7.4 7.8 6.3 6.4 6.2 6.5 5.2 6.3 6.3 7.5 8.3 8.2 Tallinn 8.0 8.0 6.6 6.5 6.5 6.5 5.2 6.8 6.9 8.1 8.7 8.6 Polli 8.2 8.4 7.0 7.0 6.5 6.8 5.5 7.0 6.8 8.0 8.7 8.8 Olustvere 8.4 8.6 7.0 7.3 7.0 7.4 6.0 7.3 7.1 8.5 8.8 8.9 Tooma 8.0 8.2 6.7 6.8 6.5 6.8 5.6 6.8 6.8 8.1 8.9 8.5 Tartu 7.9 8.3 7.0 7.0 6.8 6.9 6.0 6.9 6.9 8.1 8.7 8.4 Tiirikoja 7.7 8.2 6.6 6.8 6.1 6.2 4.7 5.9 6.2 7.6 8.7 8.3 1) OnrypoBCKifi. 06¾ OTHonieHin Meatfly 0ÖJiaHH0CTbi0 n npoAonJKHTejib- HOCTbiO CojraeiMaro cmHin. 3anncKn IlMnepaxopcKOfl AKafleMin HayKt, C.-ne- Tepöyprt 1897. A XIX. 3 Über die Sonnenscheindauer und Bewölkung in Eesti 13 Tabelle 6 enthält die mittleren Monats- und Jahressummen der absoluten Sonnenscheindauer für die einzelnen Stationen. Tabelle 7 gibt die Monats- und Jahresmittel der Bewölkung. Most 300 ;'/ä ,'// ( / / V'' Ico ,./> V z •' •<* ,1 N 100 U Z 7 N I I I f f F B i l B M l l l Fig. 3. Jährlicher Gang der mittleren absoluten Sonnenscheindauer in Stunden. — — — Pärnu Vilsandi In Fig. 3 ist der mittlere jährliche Gang der absoluten Son- nenscheindauer für die Stationen Tartu, Pärnu und Vilsandi in Stunden dargestellt. Wie die Tabelle und die Kurven zeigen, ist im allgemeinen auf allen Stationen der Dezember der sonnenärmste, der Juli dagegen der reichste Monat. Vom Dezember an steigen die Kurven erst langsam, dann rascher bis zu ihrem ersten Maximum im Mai, dann fallen sie etwas im Juni und steigen wieder zu ihrem höchsten Werte im Juli. Hierauf fallen die Kurven erst rascher, dann langsamer bis zu ihrem tiefsten Punkt im Dezember. Bei den meisten Stationen erkennen wir diese zwei Maxima, nur bei Vilsandi und Olustvere ist das erste etwas verwischt. Fast bei allen Stationen bemerken wir ausserdem ein schwaches Ansteigen der Werte im März. Vergleichen wir die obigen Kurven der absoluten Son- nenscheindauer mit denen der relativen (Fig. 1), so sehen wir, dass die beiden Arten von Kurven ungefähr denselben Charakter haben, nur sind die ersten viel regelmässiger als die zweiten. Die Kurve der Heiterkeit des Himmels läuft derjenigen der rela- tiven Sonnenscheindauer annähernd parallel, wobei letztere gegen 14 HELENE LIEDEMANN AXIX.a die erstere in den Wintermonaten etwas zurückbleibt und sie in den Sommermonaten übersteigt. Mit anderen Worten ändert sich die Bewölkung entgegengesetzt der relativen Sonnenscheindauer. Die Amplitude der Bewölkung ist dabei eine kleinere als die der relativen Sonnenscheindauer, und dementsprechend treten die extremen Werte hier weniger hervor. Die Maxima der ab- soluten und relativen Sonnenscheindauer und die Minima der Bewölkung einerseits, sowie die Minima der absoluten und rela- tiven Sonnenscheindauer und die Maxima der Bewölkung ande- rerseits fallen nicht immer auf ein und denselben Monat. Ta- belle 8 liefert uns ein Bild der mittleren Verteilung dieser extremen Werte für alle Stationen während der Jahre 1922—1928. Die Zahlen geben an, in wie vielen Fällen, ausgedrückt in Prozenten der untersuchten, das entsprechende Extrem auf den betreffenden Monat fällt. T a b e l l e 8. Verteilung der extremen Werte (%) Max. d. Sonnen- Min. d. Sonnen- scheindauer Bew. scheindauer Bew. abs. rel. Min. abs. rel. Max. I 9 14 3 II 2 23 III 9 16 IV 0 2 V 18 19 13 VI 3 2 2 VII 79 68 59 VIII 2 2 IX 6 X 3 XI — — — ]5 22 49 XII 76 62 22 Wie wir sehen, tritt das Maximum der absoluten Sonnen- scheindauer hauptsächlich im Juli auf, dann noch im Mai und nur ganz selten im Juni. Während sich also die höchsten Werte der absoluten Sonnenscheindauer nur auf 3 Monate verteilen, treffen wir die der relativen Sonnenscheindauer in einem weiteren Zeitraum von 6 Monaten (III—VIII) an, da diese Extreme nicht in dem Masse wie die ersteren an den Monat mit dem längsten Tag A XIX. 3 Über die Sonnenscheindauer und Bewölkung in Eesti 15 gebunden sind. Aber auch hier liegen die grössten Werte vor- wiegend im Juli und Mai. Die Grenzen der Verteilung der Minima der Bewölkung sind noch weiter (III—IX), wobei die grösste Wahrscheinlichkeit fürs Auftreten des Minimums wieder auf den Juli fällt. Wenn wir das Auftreten der extremen Werte in den ein- zelnen Jahren ayf verschiedenen Stationen verfolgen, so sehen wir, dass ein ausgesprochenes Minimum der Himmelsbedeckung auch ein Maximum der Sonnenscheindauer in diesem Monat hervorruft, z. B. in Pärnu im Jahre 1923: V VI VII VIII IX Bewölkung (%) 62 72 48 68 67 Sonnenscheindauer (%) 46 37 61 39 35 Absolute Sonnenscheind. (Stunden) 241 204 331 187 134 Die Bewölkung im Juli hebt sich von der der benachbarten Monate stark ab. Dementsprechend finden wir auch ein aus- geprägtes Maximum der relativen und absoluten Sonnenschein- dauer fürs Jahr im Juli. Im Jahre 1922 ist die Bewölkung ziemlich gleichmässig über die Sommermonate verteilt, nur ein schwaches Minimum finden wir im Juli: V VI VII VIII IX Bewölkung (°/0) 60 59 58 63 62 Sonnenscheindauer (%) 46 47 44 37 36 Absolute Sonnenscheind. (Stunden) 239 256 242 176 137 In diesem Fall ist das Maximum der Sonnenscheindauer nicht an das Extrem der Bewölkung gebunden. Es wählt nach Möglichkeit den Monat mit dem längsten Tage. Somit fällt das wenig ausgesprochene Maximum der absoluten und relativen Sonnenscheindauer auf den Juni. Das Maximum der relativen Sonnenscheindauer kann sich bis in den März einerseits und in den August andererseits bei auffallend schwacher Bewölkung dieser Monate verschieben. Das Maximum der absoluten Sonnenscheindauer wird jedoch von der Tageslänge zu stark beeinflusst, um sich in weiteren Grenzen zu bewegen (Tabelle 8). 16 HELENE LIEDEMANN A XIX. 3 Die extremen Werte des Winters fallen schlechter zusam- men, als die des Sommers. Die grösste Wahrscheinl ichkeit des Auf tre tens des Bewölkungsmaximums , das s ich aber von der Bewö lkung benachbarter Monate w e n i g abhebt, fällt auf den November. Die Minima der absoluten und relativen Sonnenschein- dauer sammeln sich jedoch im Monat mit dem kürzesten Tage, dem Dezember. Nur anormal heiteres Wet ter des Dezembers is t i m Stande dieses Minimum aus dem genannten Monat zu ver- drängen, wie z. B. in P ä r n u 1926: X X I XII B e w ö l k u n g (%) 77 87 76 Sonnenscheindauer (%) 30 10 12 Absolute Sonnenscheind. (Stunden) 97 24 24 Die mittlere B e w ö l k u n g für P ä r n u i m D e z e m b e r ist 8 2 % : s o m i t w a r d ieser Monat i m Jahre 1926 v e r häl tn i smäss ig klar. D a s Minimum der relativen Sonnenscheindauer verschiebt s ich auf den Monat mit stärkster Bewölkung, den November. Die ab- solute Sonnenscheindauer ist im X I und XII ein und dieselbe. Den tägl ichen Gang der Sonnenscheindauer und der Be- wö lkung wol len wir wieder am Beobachtungsmaterial von Tartu untersuchen. T a b e l l e 9. Abs . Sonnenscheindauer (Stundenmittel) . Stunde 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Juli — — — 0.12 0.47 0.59 0.64 0.66 0.68 0.69 0.67 0.66 Dezemb. — — — - _ _ _ _ o.O.O 0.03 0.07 0.12 Jahr — — 0.00 0.02 0.10 0.16 0.22 0.28 0.33 0̂ 35 0.36 0.37 Stunde 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 Juli 0.65 0.60 0.56 0.56 0.53 0.51 0.39 0.10 0.00 — — — Dezemb. 0.11 0.02 — — — — — — — — — — Jahr 0.36 0.33 0.30 0.26 0.22 0.16 0.09 0.02 0.00 — — — Tabel le 9 enthält die Stundenmitte l der absoluten Sonnen- scheindauer für den Juli, für den Dezember und für das Jahr. Fig. 4 zeigt uns die Änderung der absoluten Sonnenscheindauer während eines Tages in den genannten Monaten und während e ines mittleren Tages für das Jahr. A XIX. a Über die Sonnenscheindauer und Bewölkung in Eesti 17 OBir 0.6 OM 0-¾ 00/Th 6h Uh- %>\K Fig. 4. Täglicher Gang der absoluten Sonnenscheindauer. Von den obigen Kurven hat diejenige für den Juli den unrege lmäss igs ten Verlauf. Sie s te igt e twa bis 6h steil an und von hier an langsamer bis zu ihrem höchsten Punkte um IOh. In den späten Vormit tagss tunden wird die Erde schon so weit erwärmt sein, dass aufs te igende Luftströme ents tehen und mit ihnen die Bi ldung der C u - W o l k e n einsetzt. Gleich nach IOh beginnt die Kurve zu fallen, erst allmählich und dann nach 13h bedeutend intensiver, sie behält jedoch zwischen I 5 h — 1 6 h ein und denselben Wert, u m nachher weiterzufallen, erst e twas langsamer und dann ganz rasch infolge des Eintretens der Abendstunden. Die Dezemberkurve unterscheidet s ich von der des Monats Juli dadurch, dass hier, infolge des in den Morgenstunden meist vorhandenen Nebels , das Maximum viel später (um 12h) eintritt. A u s demse lben Grunde sind die Nachmit tagss tunden reicher an Sonnenschein, als die Vormit tagsstunden. In der mittleren Jahres- kurve heben die Eigentümlichkei ten der einzelnen Monate ein- ander auf, weshalb diese einen viel regelmäss igeren Verlauf hat. In Fig. 5 f inden wir den tägl ichen Gang d e r relativen Sonnen- scheindauer und der Heiterkeit des Himmels . Die ersteren Kurven zeigen für den Juli und Dezember Ähnl ichkeit mit denen der absoluten Sonnenscheindauer für dieselben Monate (vgl. Fig . 4). Der tägliche Gang der mittleren relativen Sonnenscheindauer für das Jahr hat einen regelmäss igeren Verlauf, als der für die einzel- nen Monate, da hier, wie schon bei der Besprechung der absoluten Sonnenscheindauer erwähnt wurde, die Unterschiede zwischen den warmen und den kalten Monaten sich ausgleichen. Was die 2 18 HELENE LIEDEMANN A XIX. 3 5-0¾ j/0 7 %D , - 0 k 42.k O 4 8h So 7> ¢)0 VO ao L - J %• O k CK Uh Xh Fig. 5. Täglicher Gang der relativen Sonnenscheindauer (%), • — Heiterkeit des Himmels. Heiterke i t skurve be tr i f f t , so l i egt sie vor für dreistündige Beobach- tungen für die Zeit von 7h ab. Die Heiterkeit ist im Dezember am Morgen und Abend etwas grösser als am Tage. Das Haupt- min imum der Heiterkeit, also das Maximum der Bewölkung , f inden wir hier u m IOh. Im Sommer ist der Himmel am Morgen und am Abend wieder am klarsten, am bewölktesten um die Mittagszeit. In der kalten Jahreszeit f inden wir das Maximum der B e w ö l k u n g in den Morgenstunden, in der Zeit des Vorherrschens der Nebel und S t -Wolken . In der wärmeren Zeit fällt das Maximum der Bewö lkung mit der Zeit der reichen Bildung der Cu-Wolken zusammen. In Fig. 6 f inden wir die Isoplethen für 6 Stationen. Diese liefern gleichzeit ig die jährliche und tägliche Sonnenscheinvertei- lung. Wir sehen, dass die Wintermonate und die Morgen- und Abendstunden arm an Sonnenschein sind, dagegen die Sommer- monate und die Mittagsstunden reich. Die grössten Werte fin- den wir im Juli und teilweise im Mai in den Mittagsstunden. A XIX. a Über die Sonnenscheindauer und Bewölkung in Eesti 19 V i l s a n d i V l g r a l a ane . üldse n-r punktile m —m . Nii v õ i m e m i n ng i t h a r m o o n i l i s t r i d a t i h e n d a - d e s s e a l s a a d a p u n k t i , m i l l e l o l e k s n u m b r i k s m i n g i r a t s i o n a a l n e a r v — . Ratsionaalse numbriga punkti nime- tatakse ka lihtsalt r a t s i o n a a l s e k s p u n k t i k s . K u i h a r m o o n i l i n e r i d a p r o j e k t i t a k s e n i i , e t t e m a n u l l i p u n k t p r o j e k t u b e n d i s s e (67) l õ p m a t u s e p u n k t i , l õ p m a t u s e p u n k t e n d i s s e n u l l i p u n k t i j a ü h e p u n k t t a g a s i e n d i s s e ü h e p u n k t i , s i i s o n i g a m - p u n k t p r o j e k t u - n u d e n d i s s e -m- pr u n k t i . Sest kui tarvitame endisi tähti, siis saab niisugune projek- timine toimuda näiteks sel teel, et rida OXU projektitakse läbi V TU peale, sealt läbi O XV peale, sealt läbi U OM peale ja sealt läbi V OU peale, ja siis on [66] m-punkt tõesti projektunud endisse —m punkti. K u i h a r m o o n i l i n e r i d a p r o j e k t i t a k s e n i i , e t t e m a n u l l i p u n k t j a l õ p m a t u s e p u n k t (68) p r o j e k t u v a d t a g a s i e n d i s t e s s e , a g a ü h e - p u n k t e n d i s s e ( - 1 ) - p u n k t i , s i i s p r o j e k t u b i g a m - p u n k t e n d i s s e (—m)- p u n k t i . Sest kui endistele tähtedele l isaks tähime veel OV ja UT lõikepunkti F-ga, siis saab niisugune projektimine toimuda näi- teks sel teel, et rida OXU projektitakse läbi V OM peale, sealt läbi U OV peale ja sealt läbi M tagasi OU peale, ja siis on küll uuele reale saanud kolmnurk VYM vana rea kolmnurga MTV A XIX. 4 Geomeetria alused (66—69) 65 asemele, aga et punkti Y konstruktsiooni järgi on joon YU sa- mane joonega TU, siis on [56] uue rea ühepunkti järgmine j a selle järgmised tõesti samased rea OXU (—l)-punkti eelmisega ja selle eelmistega. Viimastes tõestustes toetusime ikka sellele asjaolule, et har- moonilise rea projektsioon on ka harmooniline rida. Sellest asja- olust järgneb ka, et ühe harmoonilise rea nelja punkti projektsi- oonis sellel punktide paaril, millel üks ainus punkt on teise paari vahel, (nii et teine p a a r l a h u t a b seda paari ja on s i i s ise l a h u t a t u d sellega), on ka projektsioonis üks ainus punkt teise paari punktide projektsioonide vahel. Saab tõestada, et s i r g e j o o n e i g a n e l j a p u n k t i p r o j e k t s i o o - (69) n i s o n l a h u t a j a t e p a a r i d e p r o j e k t s i o o n i d k a l a h u t a j a d p a a r i d . Olgu projektitavad punktid järgemööda ABCD, nii et B on A ja C vahel ja C B ja D vahel, ja olgu projektimis-keskpunkt S. Siis lahutavad punktide A ja C projektivad kiired SA ja SC tasa- pinna SAB [15] neljaks osaks: 1) osaks, mis on joonist SA ja SC kummastki punkti B pool, 2) osaks, mis on joonest SA punkti B pool, aga joonest SC teisel pool, 3) osaks, mis on joonest SC punkti B pool, aga joonest SA teisel pool, ja 4) osaks, mis on kummastki joonest punkti B kohta teisel pool. Punkti B projektival kiirel SB on siis need punktid, mis on punktist S B pool, kõik selle tasapinna esimeses osas ja need, mis on $-st B kohta teisel pool, kõik neljandas osas, sest punkt S on nii joone SA kui ka SC oma. Samuti on punkti D projektival kiirel SD [V] need punktid, mis on £-st D pool, kõik selle tasapinna teises osas ja need, mis on £-st D kohta teisel pool, kolmandas osas. Nüüd on selle tasa- pinna nende nelja osa definitsiooni järgi esimene osa lahutatud teisest ning neljas kolmandast joonega SC ja ainult sellega, ja joonega SA üksi on lahutatud neljas teisest ning esimene kol- mandast. Sellepärast on siis, kui tähime punktide Ay B, C ja D projektsioonid järgemööda Af-, Bf-, Cf- ja D'-ga, joonetükil BfD' [15] ühine punkt kas joonega SA üksi või joonega SC üksi. See ühine punkt on siis muidugi kas Af või C' ja seega on sirge joone iga nelja pärispunkti ABCD pärispunktilises projektsioonis A1BfCfDf lahutajate paaride AC ja BD projektsioonid AfCf ja BfD' tõesti ka lahutajad paarid. 5 66 Kni pärispunktid ABCD on projektitud mingi punkti S läbi punkteks A'B'C'D', mis on osalt või kõik ebapunktid, ja sealt mingi teise punkti S1 läbi pärispunkteks A1B1C1D11 siis saame nad sinnasamasse projektida ka vaid pärispunktide kaudu. Sel- leks võtame siis, kui S1 ei ole tasapinnal SAB ja kui A, B, C ja D on kõik tasapinnast S1A1B1 S-i kohta mitte teisel pool, joone SS1 peal S1-st S-i kohta teisel pool mingi punkti S2 ja selle läbi projektime punktid ABCD tasapinna S1A1B1 peale [25] mingeiks punkteks A2B2C2D2. Siis projektuvadki need viimased punktid -S1-St punkteks A^B1C1D1. Sest näiteks joon S1A1 on joonega SA, millega tal on ühine päris- või ebapunkt A', [13] ühel tasapinnal SAS1 = SAS2, kus on ka joon S2A, ja joone S2A lõike- punkt tasapinnaga S1A1B1 (s. o. A2) on siis tõesti joone S1A1 peal. — Kui punkt S1 on tasapinna SAB peal, siis tuleb vaid abiks võtta mingi punkt S3, mis ei oleks selle tasapinna peal. Sest sealt punkte A'B'C'D' mingeiks uuteks pärispunkteks A3B3C3D3 projek- tides saame siis, kui punktid ABCD ning A1B1C1D1 on kõik tasa- pinnast S3A3B3 punkti S pool, eelmise juhu nii punktide ABCD kui ka A 1 S 1 C 1 D 1 kohta. — Olgu nüüd punkt S i küll mitte tasa- pinna SAB peal, aga punktest ABCD mõned tasapinnast S1A1B1 punkti £ kohta teisel pool. Olgu selle juures need neli punkti tähitud ikka nende järjekorras (s. o. nii, et B on A ja C vahel ning C B ja D vahel) ja veel nii, et [25] D on tasapinnast SiAlBl punkti S kohta teisel pool. Siis on D' oletuse järgi S-i ja D vahel. Projektime nüüd tasapinna SiAiBl peale endisel viisil punkteks A2B2C2D2 punktide ABCD asemel joone D'A [X] lõikepunktid kiirtega SA, SB, SC ja SD. Siis saame küll alles kolme projektimisega (läbi S joone D'A peale, läbi S2 tasapinna SlAiBi peale ja läbi S1 joone AiBl peale) punktid ABCD punkteks A1 BlCiDl, kuid ikkagi pärispunktide kaudu. Seega on sirge 'joone iga nelja pärispunkti pärispunktilises projektsioonis lahutajate paaride projektsioonid lahutajad paarid ka siis, kui see projektsioon on saadud ebapunktide kaudu. Kui nimetame ü h e ( e b a - v õ i p ä r i s ) k i i r e n e l j a e b a p u n k t i h u l g a s l a h u t a j a t e k s p a a r i d e k s neid ja ainult neid paare, mille projektsioonid on lahutajad paarid nende nelja eba- punkti mingis pärispunktilises projektsioonis, siis on nüüd tõesti sirge joone iga nelja punkti projektsioonis lahutajate paaride pro- jektsioonid ka lahutajad paarid, olgu need punktid päris- või ebapunktid. A XIX. j 22. Projektiivsed koordinaadid tasapinnal. Kui sirge joone peal on konst rui tud harmooniline rida ja see rida mõeldud [66] tihendatult iga arvu m kordselt nii, et m korda tihedama rea iga w-punkt on tähitud arvuga ~ , j a kui sellel sirgel joonel mõel- dakse peale iga ratsionaalse arvuga tähitud punktide (-£-] veel ka iga irratsionaalse arvuga a tähitud punkte (a) nii, et siis ikka, kui on —n m "• - •• 3) mõtleme seda £3%-koordinaadistikku, mille saame eelmi- sest, võttes seal nullipunktiks «V-koordinaadistiku teise lõpma- tusepunkti mingi (c; d) j a ühepunktiks punkti ( c - f - l ; d + 1 ) , nii et [65] Is = Š-2 —C ja % = % — d, 4) mõtleme seda ^ 4 - k o o r d i n a a d i s t i k k u , mille saame eelmi- sest, vahetades seal nullipunkti teise lõpmatusepunktiga, nii et tal lõpmatusepunkteks on juba uue koordinaadistiku omad ja [71] 70 J. SARV A XIX. 4 5) mõtleme seda £6%-koordinaadistikku, mille saame eelmi- sest, võttes seal nullipunktiks x'y'-koordinaadistiku nullipunkti mingi (e; f ) ja ühepunktiks punkti (e- j-1; /*+1), nii et [65] Ib =£4 — e ja ry5 = ?? 4— siis jääb vaid võtta viimases koordinaadistikus ühepunktiks x'ij'- koordinaadistiku oma mingi (g\ h) ja «'«/'-koordinaadistik ongi [72] käes ja seal [64] af = 6> = I i — er,3 = hzzerb ~ c j T e d 1 = — erIi jTied-c)ti = 9 9 Vs ffhz — d) 9 in i—dši) 1 -j- eb — (ed — c) a -j- (ed — c)x — ey g (da — b — dx -\-y) j a , = 'tu—f = i - f>h>, = i -fvz-j-fd = & — fv, + fdši = h h Vs h (V2 — d) h (V1 — Mx) __ ß — (1 H~ fd) Q H~ (1 ~f~ fd) x — fy h (da — b — dx y) ehk siis, kui af-i avaldises viime jaga ja g lugejasse ning y'-\ omas jagaja h ja kir jutame esimeses lugejas vabaliikme, esimese koordinaadi kordaja ja teise koordinaadi kordaja järgemööda o>lo? a u I a ai2 n i n & teises lugejas a20, a21 j a a22 j a nimetajas tt00> OQx ja OQ2, / __ fltx IO ~h anX -}- a12y Ooq -f- Oq1X -j- a02y ja / a2o ~~~j~ o2 x a92y aOO + O01X -f- 0Q2y mis on tõesti ühise nimetajaga murdlineaarsed avaldised vanus koordinaades x ja y. Koordinaadest uute koordinaatide tuletamist nimetatakse k o o r d i n a a t i d e t e i s e n d u s e k s ja uute koordinaatide aval- disi vanus või vanade avaldisi uutes t e i s e n d u s v a l e m i t e k s . Projektiivsete koordinaatide teisendus tasapinnal võib toimuda, nagu nägime, kolme a l g t e i s e n d u s e kaudu, s. o. 1) mingi punkti (a; b) uueks nullipunktiks ja punkti (a -(-1 ; b -f-1) uueks Ühepunktiks võtmise, 2) nullipunkti lõpmatusepunktiga vaheta- mise ja 3) uue ühepunkti võtmise kaudu. Meil tuli neid alg- teisendusi teha 6. Neid oleks tulnud teha siis vahest vähem, kui vanal koordinaadistiku! oleks olnud ühiseid lõpmatusepunkte uuega, ja siis rohkem, kui need lõpmatusepunktid erineksid küll vanust, A XIX. 4 Geomeetria alused (72—73) 71 aga oleksid vana lõpmatusejoone peal, k u s neil ei oleks ««/-koor- dinaate sellepärast, et «-telje lõpmatusepunktil ei ole harmoonilise rea konstruktsiooni järgi «-koordinaati ning «/-telje lõpmatuse- punktil «/-koordinaati. Siis oleks tulnud kõige pealt ühe telje nullipunkt vahetada lõpmatusepunktiga. * 23. Projektiivsed koordinaadid w-mõõtelises ruumis. Kui n- mõõtelises ruumis võtame ühest punktis t n s i rget joont mitte ühel ülitasapinnal ja mingis jär jekorras ja iga joone peal kor- raldame ühise nullipunktiga projektiivse koordinaadistiku, nime- tades selle juures neid jooni nende jär jekorras esimeseks, teiseks, . . . , n-ndaks k o o r d i n a a t i d e t e l j e k s , siis on sellel ülitasa- pinnal, mille määrab selle ruumi mingi punkt koos kõigi telgede lõpmatusepunktega peale ühe mingi ž-nda telje oma, [61] ühine punkt i-nda tel jega mingi (0¾) j a kõigi telgede peal sel viisil selle ruumi mingi punkt iga määratud punktide koordinaate x2, ..., xn nende jär jekorras nimetatakse selles n - m õ õ t e l i s e s r u u m i s selle mingi punkti p r o j e k t i i v s e i k s k o o r d i n a a - d e k s ja selle ruumi kõigi punktide niisuguseid koordinaate koos selle n - m õ õ t e l i s e r u u m i p r o j e k t i i v s e k s k o o r d i n a a - d i s t i k u k s. Punkti, mille koordinaadid nende jä r jekorras on x,, x2, ..., xn, kir jutame {xx\ x2; ...; xn) või ka lühidalt (xi). Punkte (0; 0 ; . . . ; 0) ja (1; 1; . . . ; 1) nimetame k o o r d i n a a d i s t i k u n u l l i - p u n k t i k s ja ü h e p u n k t i k s ja telgede lõpmatusepunkte k o o r d i n a a d i s t i k u l õ p m a t u s e p u n k t e k s ja nendega määratud ruumi k o o r d i n a a d i s t i k u l õ p m a t u s e r u u m i k s . n - m õ õ t e l i s e s r u u m i s e i s a a o l l a k a h t e p r o j e k t i i v s e t k o o r d i n a a d i s t i k k u , m i l l e l (72) n u l l i - , ü h e - j a l õ p m a t u s e p u n k t i d o l e k s i d ü h i s e d , sest iga telje peal määrab teiste telgede lõpmatusepunktest koordinaadistiku ühepunkti tulev ülitasapind [61] ühe ja [50] ainsa punkti selle telje koordinaadistiku ühepunktiks ja s irge joone peal ei saa [57] olla kahte projekti ivset koordinaadistikku, millel nulli-, ühe- ja lõpmatusepunktid oleksid ühised. P r o j e k t i i v s e k o o r d i n a a d i s t i k u g a n- (73) m õ õ t e l i s e s r u u m i s o n i g a n r e a a l s e a r v u j a o k s p u n k t , m i l l e l e n e e d a r v u d o n k o o r d i n a a d e k s , 72 A XIX. 4 sest igal teljel on tema projektiivse koordinaadist iku definitsiooni järgi iga reaalse arvu jaoks punkt, millele see arv on koordi- naadiks. Sellest järgnebki (lk.28), et s i i s , k u i s i r g e j o o n e p u n k t i d e a r v o l e k s m i n g i m, o l e k s n - m õ õ t e l i s e ruumi oma mn. K u i s e l l e s n - m õ õ t e l i s e s r u u m i s , k u s j u b a on p r o j e k t i i v n e k o o r d i n a a d i s t i k , k o r r a l d a t a k s e u u s p r o j e k t i i v n e k o o r d i n a a d i s t i k , s i i s o n i g a p u n k t i u u e d k o o r d i n a a d i d ü h e d j a n e e d s a m a d ü h i s e n i - m e t a j a g a m u r d l i n e a a r s e d a v a l d i s e d s e l l e p u n k t i v a n u s k o o r d i n a a d e s . Sest kui peale vana a?;-koordinaa- distiku ja peale mingi uue .«Vkoordinaadistiku mõtleme neid (*) I i -koordinaadistikke, kus 1 ) (0) Ši Xi> (I) (J-I) 2) I i -koordinaadistiku saame I i -koordinaadistikust, võttes seal siis, kui xVkoordinaadistiku lõpmatusepunktid ei ole kõik ( j - i ) I i -koordinaadistiku lõpmatuseruumis, nullipunktiks ühe neist lõpmatusepunktest mingi («») ja ühepunktiks («,• -|- l), nii et [65] j?) ji- D Sj = Sj (i+1) (i) 3) I i -koordinaadistiku saame I i -koordinaadistikust, va- hetades seal nullipunkti mingi ,/-nda lõpmatusepunktiga, mis ei ole veel ^-koordinaadist iku oma, nii et siis, kui nullipunktiks oli ^-koordinaadist iku lõpmatusepunkt, ^-koordinaadistikule mitte- kuuluvate lõpmatusepunktide hulk väheneb ja [71] igatahes (i +1) i bJ £ (I) ja siis, k u i 0) Z + " = t St £ (I) > J (m) 4) sel viisil viimaks mingist I i -koordinaadistikust, millel juba kõik lõpmatusepunktid on ühised a?\-koordinaadistikuga, (m -|- 1) saame | . -koordinaadistiku, võttes nullipunktiks ^Vkoordinaa- distiku oma mingi (bi), nii et [65] Ctn -j- IJ (tn) I i = I i - ¾ ; A XIX. Geomeetria alused (74) 73 siis jääb vaid võtta viimases koordinaadistikus ühepunktiks x'{- koordinaadistiku oma mingi (cL) ja ^'»-koordinaadistik ongi [72J käes ja seal [64] (»»+ij x / i = | ; , Ci (m -j-1) mis siis, kui konstantsed jaga jad a viime I i avaldiste lugeja- tesse, saavad tõesti ühise nimetajaga murdlineaarseiks avaldisteks, mingeiks Cti0 -)- CtitX 1 - f - $123¾ —1~~ • • • -j- CtmXn Ctoo - f " CtoiXi - j - CtQ-)X% —[- • • • - j - CXonXn Ct%0 ~\~ CLnXi -|- Ct^Xi -|- • • • -f- ClinXn (74) doo " I - CloiXi - j - $02% -(-••• -J- ClonXn r Ctfio " j - ClnlXi -(- Cln2X2 - j - • • ' - f " ClnnXn a 0 0 ~j~ $ 0 1 ^ 1 H - CI02X2 - } - • • • - } - a nXn sellepärast, et 1) ühise nimega murdlineaarseid avaldisi liites konstantidega saame ühise nimeta jaga murdlineaarsed avaldised ja 2) samuti ka ühega neist teisi j a g a d e s j a seda ühte ennast ümber pöördes. n-mõõtelise ruumi projekti ivse koordinaadistiku null ipunkt ja lõpmatusepunktid teevad definitsioonide järgi (n -j- l)-simp- leksi, mida nimetatakse k o o r d i n a a t i d e s i m p l e k s i k s . Sellel simpleksil oleme nullipunkti vastasse ina ruumi nimetanud l õ p - m a t u s e r u u m i k s . Koordinaatide simpleksi lõpmatusepunktide vastasseinte ruume nimetatakse k o o r d i n a a t i d e ü l i t a s a - p i n n u k s . Mingi xm-telje lõpmatusepunkti vas tasse isva koordi- naatideülitasapinna kõigil punktel j a ainult neil on xm = 0. Võrrandit, mida rahuldavad ühe ülitasapinna kõigi punktide koordinaadid ja ainult need, nimetatakse selle ü l i t a s a p i n n a v õ r r a n d i k s . Mingis a?Vkoordinaadistikus, k u s see ülitasapind ei ole enam koordinaatide omaks, saab see võrrand üldiselt l ineaarne: CtmO ~j~ ClmlX 1 - f - CXmiX % - j— • • • -)— CtmnX n = 0 , 74 J. SARV A XIX. 4 sest samuti kui x'i oleme avaldanud xi najal, saame oa avaldada x'i najal, ja täislineaarse nimetajaga murd saab null olla vaid siis, kui tema lugeja on null. N i i on p r o j e k t i i v s e t e k o o r d i n a a t i d e t e i s e n d u s v a l e m e i s s i i s , k u i s e a l u u e d k o o r d i n a a d i d on a v a l d a t u d v a n a d e n a j a l , (75) l u g e j a d u u t e k o o r d i n a a t i d e ü l i t a s a p i n - d a d e v õ r r a n d i t e p a h e m a i k s p o o l i k s (kui paremal on null). Ü h i n e n i m e t a j a n e i s v a l e - m e i s on u u e l õ p m a t u s e r u u m i v õ r r a n d i p a h e m a k s p o o l e k s . See selgub siis, kui mingil x\»-teljel vahetame nullipunkti lõpmatusepunktiga. Sest siis saab endine lõpmatuseruum selle telje uue lõpmatusepunkti vastasseisvaks koordinaatideülitasapin- naks, mille kõigil punktel on selle telje uus koordinaat null, s. o. [67] endise koordinaadi ümberpöördud väärtus ja seega tõesti endise koordinaadi nimetaja null. K u i n - m õ õ t e l i s e s r u u m i s on m i n g i p r o j e k t i i v n e k o o r d in a a d i s t i k , s i i s on i g a l i n e a a r n e v õ r r a n d , m i l l e s t u n d m a t u i k s (76) on s e l l e r u u m i p u n k t i d e k o o r d i n a a d i d , s. o. i g a v õ r r a n d ctO ~f" Gti~f~ &%X% -j- • • • -f-ClnXn = 0, s e l l e r u u m i ü h e j a a i n s a ü l i t a s a p i n n a v õ r r a n d i k s . Sest 1) seda võrrandit rahuldavad iga m-nda telje (— a —j-punkt i \ dm J koordinaadid (mille hulgas on xm = ja teised kõik nullid), Ctm 2) need n teljepunkti (mis ei saa olla ühes (n—2)-mõõtelises ruumis sellepärast, et vastasel korral oleksid kõik n telge oletuse vastu ühes (n—l)-mõõtelises ruumis) määravad [45] ühe ja ainsa neist läbi mineva ülitasapinna (mille võrrandi saame näiteks neid punkte uue koordinaatide simpleksi nukeks võttes) ja 3) kaks lineaarset võrrandit n tundmatuga on samased, kui kumbagi rahuldavad n niisugust arvude n-ikut, mille determi- nant ei ole null, nagu siin A XIX. 4 75 «o 0 «1 Oo 0 — a-2 (—aoY U1CI2 - • • ( cto ! 0 0 • • • — Ctw siis, kui ükski a { ei ole null. Kui aga antud võrrandis Ct0 või mõni muu am on null, siis tuleb vaid võtta uus nullipunkt või m-ndale teljele uus lõpmatusepunkt ja sellejuures saadud teisen- dusvalemite järgi teisendada ka antud võrrand. Iga n-\- 1 ülitasapinda, mille võrrandite pahemad pooled on mingid ctoo - j - ctoiX'i -J- "f' CtowiX/n - (77) CtlO - j - C t i i ^ i - J - -j CtinXn CtnO - j - an\X\ -J- 1 Qftui ja millel ei ole ühist punkti (s. o. n võrrandist leitud xi väärtu- sed ei rahulda järelejäänud võrrandit, nii et ctoo Ctoi • *• C t Qn (78) Ctio Ctii • • ! Ctwo Ctni ' ' Ct»Mj määravad [61] simpleksi. Kui selle simpleksi võtame koordinaatide- simpleksiks, siis on nende ülitasapindade võrrandite pahemad pooled [75] teisendusvalemite (74) ühiseks nimetajaks ja lugejaiks. K u i u u e k o o r d i n a a d i s t i k u l õ p m a t u s e r u u m on s a m a n e v a n a o m a g a , s i i s s a a v a d t e i s e n d u s v a l e - m i d (74) l i n e a a r s e d . Sest nende ühiseks nimetajaks võib siis olla vaid konstant sellepärast, et harmoonilise rea lõpmatuse- punktil ei ole numbrit ja seega vana lõpmatuseruumi punktel ei saa olla vanu koordinaate. Kui selle konstandiga. jagame iga valemi lugejat (tähtides jagatud kordajad endiselt), siis saavad need valemid (79) x, CtO -j~ CliiXi -J- Ctt2 Xji -J- • • • ClinXn 76 J. SARV A XIX. 4 Iga n ülitasapinda, mille võrrandite pahemad pooled on avaldised (77) peale esimese ja millel on üks ja ainus ühine punkt ja nimelt koordinaatidega (nii et ta ei ole lõpmatuseruu- mis), s. o. kui selle n võrrandi lahendustes saab ühiseks nime- tajaks mitte null: Ct1I Ctio . • * Cti,, Ct,>i CI22 • • Ctill , (80) i I O j CLnl Ctj,.) • ' Clint määravad [61] koos lõpmatuseruumiga simpleksi. Kui selle simp- leksi võtame koordinaatidesimpleksiks, siis on nende ülitasapin- dade võrrandite pahemad pooled [75] teisendusvalemite (79) pa- remaiks pooliks. Teisendusvalemid (79) on valemeist (74) see erijuhtum, kus on O00 = 1 ja O0I = Ooa = • • • = ct0w = 0. Sellel erijuhtumil taandub ka tingimus (78) tingimuseks (80). Sellest järgneb, et n - m õ õ t e l i s e r u u m i p r o j e k t i i v s e k o o r d i - n a a d i s t i k u t e i s e n d u s v a l e m i t e ü h i s e k s (81) n i m e t a j a k s j a l u g e j a i k s v õ i v a d o l l a i g a n-\- 1 l i n e a a r s e t a v a l d i s t (77), m i s t ä i d a v a d t i n g i m u s t (78). Kui teisendusvalemeis (79) vanade koordinaatide kordajad aik täidavad tingimusi (82) au —[~ ü u " j - a in 1 OüCtfcL -( - ct̂ ctfc; -j- • • • -[- Cii = =nCtkn 0, kui i Ic siis nimetatakse neid v a l e m e i d j a k o o r d i n a a t i d e t e i s e - n e m i s t o r t o g o n a a l s e i k s . Ortogonaalsedteisendusvalemid on [81] võimalikud, sest determinantide korrutamisest saame [82] : an an •- • a,„ j 2 j I O ••• 0 a, a.* •••«•„ I O 1 • •= • 1O . Clnl Ctn2 O O nii et tingimus (80) on tõesti täidetud. A XIX. 4 77 Kui ortogonaalse teisenemise korral on aii • ' CLin (83) = i, Cln • • Clnn siis nimetatakse seda teisenemist ka p ä r i s o r t o g o n a a l s e k s . Pärisortogonaalse teisenemise korral on determinandis (83) iga elemendi aJm vastav alamdeterminant Atm samane selle elemen- diga. Sest siis on determinandi arvutamise järgi CLn An - j - aIiAiz -j- • • • -j- ClinAin = 1 I a CLjclAii -j— CLu2Ai2 —f- • • • -)— CLknAin = 0, kui Jc h ja sellest n võrrandist n tundmatuga Au saame tõesti [82] (84) Ai CLim Pärisortogonaalse teisenemise korral on ka (85) d\i . ÖKOHOMHiecKia nocjiliflCTBiH BejiHKoÄ BOÖHbi. (Das europäische Chaos.) B T i l l (1926). 1. A. M. T a l l g r e n . Zur Archäologie Eestis. II. — 2. H. M u t s c h m a n n . The secret of John Milton. — 3. L. K e t t u n e n . Untersuchung über die livische Sprache. I. Pho- netische Einführung. Sprachproben. B I X (1926). 1. N. Maim. Parlamentarismist Prantsuse restau- ratsiooniajal (1814—1830). (Du parlementarisme en France pendant Ia Restauration.) — 2. S. v. C s e k e y. Die Quellen des estnischen Ver- waltungsrechts. 1. Teil (S. 1—102). — 3. A. B e r e n d t s und K. G r a s s . 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