<!-- ECI Corpus File:  Frankfurter Rundschau Corpus (ger03) Component a02   -->
<!-- Copyright ACL 1994.                                                    -->
<!-- Original text copyright Frankfurter Rundschau                          -->
<!--                                                                        -->
<!-- The issues of the newspaper Frankfurter Rundshau                       -->
<!-- for the week ending July 12, 1992. -->
<div0 type=file id=ger03a02.eci n="fr920712">
<div1>
<p>
WIRTSCHAFT
10
</p>
<p rend="pl:5">
WIESBADEN
IV
</p>
<p rend="pl:12">
DOKUMENTATION
7
</p>
<p rend="pl:5">
KULTUR-TESTSEITE
VI
</p>
</div1>
<div1 type=article>
<head rend="pl:6">
Kinderwunsch kann
oft erfüllt werden
</head>
<p rend="pl:3">
Die Behandlung von Frauen, die ungewollt
kinderlos bleiben, wird immer erfolgreicher.
Ärzte können heute rund 60
Prozent der schätzungsweise 1,5 Millionen
Paare in Deutschland, die vergeblich
auf Nachwuchs hoffen, ihren Kinderwunsch
erfüllen. Das erklärte der Bonner
Frauenarzt Prof. Klaus Diedrich bei einer
Informationstagung seines Berufsverbandes
in Hamburg.
</p>
<p>
Eine ärztliche Beratung erscheine angezeigt,
wenn trotz des Kinderwunsches
auch nach zwei Jahren noch keine
Schwangerschaft besteht. Bei 40 Prozent
der kinderlosen Paare würden bereits
einfache Mittel und etwas Geduld helfen,
zum Beispiel die Feststellung der fruchtbaren
Zeit, also des Eisprungs der Frau
mit Hilfe eines Thermometers.
</p>
<p>
Erst wenn eine Beratung durch den
Frauenarzt oder einfache Behandlungsverfahren
nicht helfen könnten, sei eine
Reihe weiterer Methoden möglich bis hin
zur künstlichen Befruchtung des Eies außerhalb
des Körpers. Weltweit gibt es
derzeit bereits rund 30 000 Kinder, die auf
diese Weise gezeugt worden sind. In
Deutschland wird das Verfahren nur bei
Ehepaaren und ausschließlich mit dem
Samen des Ehemannes angewendet, sagte
Diedrich. Die Kosten liegen pro erzielter
Schwangerschaft bei durchschnittlich
20 000 Mark. dpa
</p>
</div1>
<div1>
<p rend="pl:10">
1
</p>
</div1>
<div1 type=article>
<head rend="pl:12">
FR-Serie über "Mädchen im Handwerk" (Dritter Teil) / Die Schneiderin: Nur geringe Verdienstmöglichkeiten
Meisterinnen über Nadel und Faden
Garderobe nach Maß ist vielen zu teuer / Keine Lehrstellen im Wetteraukreis
</head>
<p rend="pl:2">
FLORSTADT. Kostüm oder Mantel,
Jacke oder Kleid, wer Mode von der
Stange möchte, findet im Wetteraukreis
in Boutiquen, Kaufhäusern und Jeans-
Stores ein reichhaltiges Angebot. Doch
wer Garderobe nach Maß aus einer Meisterwerkstatt
sucht, ob das "kleine
Schwarze" für den Abschlußball oder die
Garderobe für die Braut, hat es schwer:
Das Handwerk des tapferen Schneiderleins
stirbt auch im Wetteraukreis aus.
Einst bei Männern und Frauen gefragt -
noch 1983 zu Zeiten hoher Jugendarbeitslosigkeit
hatte die Ausbildungsstätte für
Damenschneiderinnen der Evangelischen
Familienbildungsstätte Friedberg weit
mehr Nachfragen als letztlich positiv beantwortet
werden konnten -, ist der Beruf
der Damenschneiderin heute wenig
lukrativ: selten geregelte Arbeitszeit,
niedriges Einkommen, geringe Weiterbildungschancen.
</p>
<p rend="pl:2">
Carolin Adamofsky aus Nieder-Mockstadt
und Christiane Scholz aus Bleichenbach
haben sich dennoch dafür entschieden.
Beide besuchten überbetriebliche
Ausbildungsstätten der Kreishandwerkerschaft,
die 1984 initiiert wurde, um
den Mitte der 80er Jahre herrschenden
Lehrstellenmangel - insbesondere für
Mädchen - im Wetteraukreis auszugleichen.
31 Mädchen mit Sonderschul-,
Haupt- und Realschulabschluß nähten
damals in zwei Räumen in der Raiffeisenstraße
8 in Friedberg für soziale
Zwecke, Konfirmationsanzüge wie Vereinsuniformen.
</p>
<p rend="pl:2">
Carolyn und Christiane aber sind die
beiden einzigen, die nach der Gesellenprüfung
vor der Handwerkskammer
Wiesbaden den Entschluß faßten, es in ihrem
Handwerk zur Meisterschaft zu bringen.
Vor einigen Wochen haben beide
auch die theoretische Abschlußprüfung
abgelegt. Noch haben sie den Meisterbrief
nicht in der Hand, aber sie wissen
es bereits: "Bestanden."
</p>
<p>
Eine lange Durststrecke liegt hinter ihnen,
die sie ohne Unterstützung der Familie
nicht hätten bewältigen können. 106
Mark verdiente die heute 26jährige Carolin
im ersten Lehrjahr, 285 Mark im dritten.
"Das hat gerade für den Sprit gereicht",
sagt sie. Noch einmal rund 7000
Mark mußten die beiden jungen Frauen
nach der Lehre aufbringen, um ihr Ziel
zu verwirklichen. Da es keine Damenschneiderei
im Wetteraukreis gab, die sie
hätte zur Meisterin ausbilden können,
nahmen sie an einem Kurs der Handwerkskammer
Kassel teil: Zunächst vier
Wochen Vollzeit im April vergangenen
Jahres, dann bis Oktober dreimal wöchentlich
abends und samstagsvormittags.
Heute sind sie praktisch wie theoretisch
firm, vom Kreuzstich bis zum Plissieren.
Obwohl sie optimistisch in die Zukunft
sehen, erklären beide, "empfehlen
können wir nicht, in diesen Beruf einzusteigen."
</p>
<p rend="pl:2">
Christiane Scholz erklärt warum: "Bei
einer Kalkulation für mein Meisterstück,
ein 1200 Mark teures Kostüm, habe ich 20
Mark brutto als Stundenlohn berechnet."
Rund 53 Stunden mußte sie dafür aufwenden,
Anproben nicht mitgerechnet.
Sie will sich dennoch selbständig machen,
vorerst in ihrer Wohnung, später
einmal in Geschäftsräumen eines noch
zu bauenden Hauses. Dort könnten dann
auch Lehrlinge das Schneiderhandwerk
erlernen. "Ich will auf jeden Fall jemanden
ausbilden", sagt die frischgebackene
Meisterin, die zur Zeit an einem ärmellosen
Kleid für ihre Großmutter näht und
ihren Materialfundus gerade um ein großes
Sortiment Knöpfe erweitert hat. Ihre
Kollegin Carolyn Adamowsky macht erst
einmal Urlaub, viel Selbstgenähtes im
Koffer. CORINNA WILLFÜHR
</p>
</div1>
<div1>
<p rend="pl:3">
WIRTSCHAFT
11
</p>
</div1>
<div1 type=article>
<head rend="pl:12">
Schatzsuche im 19. Jahrhundert
Frankfurts Bibliotheken beteiligen sich am Nationalarchiv
</head>
<p rend="pl:2">
Die Stadt- und Universitätsbibliothek
und die Senckenbergische Bibliothek arbeiten
seit 1990 in dem von der Volkswagenstiftung
finanzierten Projekt "Sammlung
deutscher Drucke 1450 - 1912". Beteiligt
sind vier weitere deutsche Bibliotheken
in München, Wolfenbüttel, Göttingen
und Berlin. Ziel des Projekts ist es,
Lücken in den Beständen der fünf Bibliotheken
durch antiquarische Käufe zu
schließen und somit der Forschung ein
zwar dezentral angelegtes, aber in sich
geschlossenes Nationalarchiv gedruckter
deutscher Texte zur Verfügung zu stellen.
</p>
<p>
Jede der beteiligten Institutionen sammelt
Drucke aus einem bestimmten Zeitraum
und Sachgebiet. Für die Frankfurter
Büchereien ist dies die Zeit von 1801
bis 1870, wobei die Stadt- und Universitätsbibliothek
den Sammelschwerpunkt
deutsche Literatur und deutsche Geschichte
sowie Geisteswissenschaften hat
und die Senckenbergische Bibliothek
Alte Medizin und Biologie - ohnehin die
traditionellen Sammelgebiete der beiden
Einrichtungen.
</p>
<p>
Bereits 1990 konnten die Frankfurter
Bibliotheken für knapp 700 000 Mark
rund 1800 Drucke aus dem 19. Jahrhundert
antiquarisch erwerben. 1991 wurden
die Bestände um 2000 Titel in 2770 Bänden
erweitert, wofür 800 000 Mark ausgegeben
wurden. Unter den Anschaffungen
befinden sich Werke von Wilhelm Hauff,
E.T.A. Hoffmann, Johann Bachofen, Ludwig
Richter und anderen bedeutenden
Autoren und Wissenschaftlern.
</p>
<p>
Nicht nur Originalwerke wurden erworben,
auch 4700 Mikrofiches und Mikrofilmrollen
mit Werken aus dem 19.
Jahrhundert wurden von kommerziellen
Anbietern erstanden oder im Auftrag der
Bibliotheken angefertigt. Darunter befinden
sich neun literarische Zeitschriften
(unter anderen "Weimarer Sonntagsblatt",
"Telegraph für Deutschland",
"Freya") mit insgesamt mehr als 30 000
verfilmten Seiten.
</p>
<p>
Die meisten dieser Zeitschriftentitel
waren bislang an keiner deutschen
Bibliothek als vollständige Reihe nachgewiesen.
In Zusammenarbeit mit anderen
Bibliotheken konnten vollständige oder
halbwegs vollständige Reihen zusammengestellt
und zur Verfilmung weitergeleitet
werden. Diese Titel sind nun an der
Stadt- und Universitätsbibliothek in
Form von Mikrofilmen benutzbar.
</p>
<p>
Beim Kauf zeigt sich allerdings auch
immer wieder, daß das Angebot an Drukken
aus dem 19. Jahrhundert auf dem
Antiquariatsmarkt sehr reichhaltig ist
und bei weitem nicht in dem Maße abgeschöpft
werden kann, wie dies im Hinblick
auf Vollständigkeit und Lückenlosigkeit
der Sammlungen wünschenswert
wäre. Trotz der hohen Bestandsdichte an
den beiden Frankfurter Bibliotheken
kann lämgst nicht von einer Sättigung
des Bedarfs gesprochen werden. Gerade
das 19. Jahrhundert mit seinen technischen
Neuerungen und der Industrialisierung
der Buchproduktion hat eine ungeheure
Titelflut hervorgebracht (nach vorsichtigen
Schätzungen allein in den ersten
70 Jahren weit über 500 000 Titel).
</p>
<p>
Deshalb kann nur die Weiterführung
des Projektes über die fünf von der VW-
Stiftung geförderten Jahre hinaus gewährleisten,
dem Anspruch der Sammlung
deutscher Drucke annähernd gerecht
zu werden. Die weitere Finanzierung
wurde schon von den Unterhaltsträgern
der Stadt- und Universitätsbibliotheken
beantragt, um das Projekjt deutsche
Nationalbibliothek voranzutreiben. pia
</p>
</div1>
<div1 type=article>
<head rend="pl:3">
Folgen des Kolonialismus
gemeinsam beseitigen
Kreis fördert den Gemüseanbau in Guinea-Bissau
</head>
<p rend="pl:2">
WETTERAUKREIS. Seit die Einsicht
wächst, daß die steigende Zahl von Asylbewerbern
nur zu senken ist, indem die
Fluchtursachen bekämpft werden, genießt
die Entwicklungshilfe neues Interesse.
Und das ist gut so. Im vergangenen
Jahrzehnt weitgehend ignoriert, steht das
Verhältnis von Nord und Süd heute mit
nie gekannter Dringlichkeit auf der Tagesordnung.
Will der Planet überleben,
müssen Ökologie und Entwicklung eine
Synthese eingehen. Gefordert sind neue
Formen der Zusammenarbeit - und das
nicht nur auf nationaler Ebene. Der Wetteraukreis
leistet dabei Schrittmacherfunktion:
Als einer der ersten Kreise engagierte
er sich entwicklungspolitisch.
</p>
<p>
Konkret heißt das: Wie in den drei Vorjahren
stellt der Wetteraukreis auch 1992
wieder 20 000 Mark für ein Frauenprojekt
des Weltfriedensrates (Berlin) in Guinea-Bissau
bereit. Vize-Landrätin Gila
Gertz (Grüne): "Der Betrag ist trotz der
angespannten Finanzsituation des Kreises
entbehrlich und für die Menschen in
Boé stellt er eine wichtige Unterstützung
dar." Dort, in der abgeschiedenen südöstlichen
Ecke der früheren portugiesischen
Kolonie, hilft das Geld aus der Wetterau
mit, den Frauen durch den Anbau von
Gemüse - traditionell eine Frauenarbeit
- den Rücken zu stärken.
</p>
<p>
Aus der Sicht von Gertz hat das entwicklungspolitische
Engagament des
Kreises drei Vorteile gegenüber der offiziellen
Entwicklungshilfe:
</p>
<p type=messy>
&bullet; die Investitionen können direkt mit
dem Empfänger verabredet werden;
</p>
<p type=messy>
&bullet; Verwaltungs- und Verteilungskosten
fallen kaum an; und
</p>
<p type=messy>
&bullet; Verbleib und Einsatz der Mittel ist
nachvollziehbar und kontrollierbar, was
die Leistungsmotivation auf beiden Seiten
erhöht.
</p>
<p>
Im Unterschied zu innereuropäischen
kommunalen Partnerschaften steht bei
diesen Formen der Entwicklungszusammenheit
die direkte Begegnung der Menschen
nicht im Vordergrund. Doch es wäre
schön, findet die Grünen-Politikerin,
wenn dadurch etwa die Fort- und Weiterbildung
von Menschen aus der Partnerkommune
gefördert werden könnte.
</p>
<p>
Der Wetteraukreis beschränkt sich bislang
auf einen finanziellen Zuschuß. Er
soll mithelfen, die Stellung der Frau in
dem 1974 unabhängig gewordenen Land
zu stärken. Die ist traditionell eher
schwach: Die Vielweiberei ist weitverbreitet
und der übliche Weg für Männer,
sich billige Arbeitskräfte für die Felder
zu sichern. Scheidenlassen können sich
die Frauen kaum. Sie würden damit an
den Grundpfeilern der Gesellschaft rütteln
und hätten auch kaum das Geld, um
den Brautpreis zurückzuzahlen.
</p>
<p>
Begründet wird das entwicklungspolitische
Engagement des Kreises mit den
rot-grünen Koalitionsvereinbarungen von
1985. Damals beschlossen SPD und Grüne,
Entwicklungspolitik auch auf Kreisebene
zu verankern. Klaus Kissel sieht
das noch heute als politischen Meilenstein
an. "Wir waren einer der ersten
Kreise in der Bundesrepublik, der dafür
Gelder im Haushalt eingeplant hatte",
sagt der 42jährige, der seinerzeit für die
Grünen im Kreistag saß. "Andere Kommunen
und Kreise haben später nachgezogen
und sich dabei auf uns berufen."
</p>
<p>
Nicaragua bewegte seinerzeit die Gemüter.
Im Rahmen der rot-grünen Landespolitik
- Hessen war offiziell eine
Partnerschaft mit der "Provinz 4" eingegangen
- suchte sich der Kreis ein kleine
Landschule aus. Sie wurde in den folgenden
Jahren für 25 000 Mark renoviert,
ausgebaut und mit sanitären Anlagen
versehen. Dagegen schoß von Anfang an
die CDU: Erstens, weil in Nicaragua die
Roten das Sagen hatten, und zweitens,
weil Entwicklungspolitik aus iher Sicht
eine Aufgabe des Bundes, und nicht der
Kommunen oder Kreise ist.
</p>
<p>
Seither haben sich die Wogen etwas
gelegt, was sicher auch an den Nachfolgeprojekten
liegt, die sich der Kreis
aussuchte: ein Kalkbrennofen auf den
Cap Verden (15 000 Mark), und seit drei
Jahren: das Gemüseprojekt in Guinea-
Bissau. In allen Fällen kam es der rot-
grünen Mehrheit darauf an, mit den
Investitionen zusätzliche Entwicklungsimpulse
zu geben: "Hilfe zur Selbsthilfe".
</p>
<p rend="pl:0,pi:2">
Mitte der 80er Jahre ging es vor allem
darum, überhaupt erst mal einen Anfang
zu machen. Und wie sieht die Zukunft
aus? Eine auch menschlich engere Zusammenarbeit
würde sich Kissel wünschen.
Das dafür nötige Geld, findet er,
könnte man ja aus den Haushaltsposten
herausholen, die keine Zukunftsperspektive
hätten: etwa der Straßenbau.
</p>
<p>
Egal wie es kommt. Am jetzigen Projekt
in Guinea-Bissau möchte Waltraud
Schönfeld (SPD) auch die kommenden
Jahre festhalten. "Märkte und Lagerkapazitäten
müssen vor Ort noch aufgebaut
werden und außerdem kann man bei diesem
Projekt davon ausgehen, daß es auch
bei anderen politischen Mehrheitsverhältnissen
im Kreis weiterlaufen kann."
Wünschen würde sie sich allerdings eine
bessere Öffentlichkeitsarbeit und ein
stärkeres privates Engagement in der Sache.
</p>
<p rend="pl:0,pi:2">
Für Gila Gertz ist die jetzige finanzielle
Hilfe zunächst einmal das Eingeständnis,
daß denen geholfen werden müsse,
denen es schlechter geht. Als Almosen
sei das allerdings nicht zu verstehen:
"Der Wohlstand des Nordens wie auch
die Armut des Südens sind Produkte des
Kolonialismus, vor dessen Konsequenzen
wir heute nicht die Augen verschließen
dürfen." NORBERT GLASER
</p>
</div1>
<div1 type=article>
<head rend="pl:3">
"Brot für die Welt zeigt nur die Not"
Evangelischer Arbeitskreis Weltmarkt denkt über Ursachen des Elends nach
Von unserem Mitarbeiter Norbert Glaser
</head>
<p>
BAD NAUHEIM. Columbus' Fahrt
nach Westen 1492 hat das Gesicht der
Welt verändert. Doch was in die Geschichtsbücher
der "Alten Welt" als "die
Entdeckung Amerikas" einging, war für
die Bewohner der neuen Kontinente
der Auftakt einer beispiellosen Eroberung.
Die Folgen wirken bis heute nach:
Armut, Elend, wirtschaftliche Abhängigkeit,
zerstörte oder zerrüttete soziale,
ökonomische und politische Verhältnisse
. . . Von der damals begründeten internationalen
Machtverteilung profitieren
wir bis heute.
</p>
<p>
Grund genug für die evangelische
Kirche, sich bereits im Verlauf der
jüngsten Aktion "Brot für die Welt" an
das geschichtsträchtige Datum heranzuarbeiten:
"Als europäische Christen
sind wir aufgerufen, des Leidens und
Unrechts zu gedenken, daß die Begegnung
mit Europa den Völkern Lateinamerikas
gebracht hat", sagt Pfarrer
Dr. Ulrich Becke. 500 Jahre "Entdekkung"
Amerikas. Das heißt für den
Geistlichen vom Bad Nauheimer "Gemeindezentrum
Wilhelmskirche" auch,
zur Umkehr und Wiedergutmachung zu
mahnen.
</p>
<p>
In der evangelischen Kirchengemeinde
der Kurstadt ist das Thema nicht
ganz neu: Bereits seit einigen Jahren
beschäftigen sich dort zwei Gruppen
mit den Problemen der "Dritten Welt":
"Brot für die Welt" und der "Arbeitskreis
Weltmarkt". Im Frühjahr beschlossen
sie auf einem gemeinsamen
Treffen, sich im Sinne der vergangenen
Fastenaktion an den "Feierlichkeiten"
des Jubiläums zu beteiligen: "Den Armen
Gerechtigkeit - 500 Jahre Eroberung
und Widerstand Lateinamerikas".
Außerdem klinkten sie sich in den bundesweiten
Aktionstag der entwicklungspolitischen
Gruppen am 30. Mai ein. Ein
Vortragsabend wurde organisiert, bei
dem eine Lehrerin über ihren Aufenthalt
in Kolumbien erzählt. Und ein moderner
Kreuzzug geplant, um in der
Passionszeit an das Leiden der Menschen
auf dem Doppelkontinent zu erinnern.
Weiterhin vorgesehen ist, im Laufe
des Jahres noch über Lehrerinnen
und Lehrer auch gezielt Kinder und Jugendliche
anzusprechen.
</p>
<p>
"Gerade diese Arbeit hat sich als besonders
fruchtbar erwiesen", sagt Ursula
Leichtweiß, Lehrerin und Mitglied
des "Arbeitskreises Weltmarkt". "Die
Kinder werden in der Schule oder im
Gottesdienst mit den Problemen der
Dritten Welt konfrontiert. Was sie gehört
und gesehen haben, erzählen sie
daheim, und so zieht das Thema weitere
Kreise."
</p>
<p>
Seit vier Jahren gibt es den Arbeitskreis.
Die Lehrerin macht von Anfang
an mit: "Die Gruppe hat sich seinerzeit
im Friedenskreis aus einer Andacht
heraus gebildet", erzählt Leichtweiß.
Damals ging es um Lateinamerika und
insbesondere um die Situation elternloser
Kinder. Heute dreht sich die Arbeit
der sechs bis sieben Aktiven vor allem
um zwei Dinge: den Verkauf von "Dritte
Welt"-Waren einmal im Monat nach
dem Sonntagsgottesdienst und der Informationsarbeit.
</p>
<p rend="pl:0,pi:2">
"Wir verkaufen nicht einfach die Sachen
der GEPA (der "Gesellschaft zur
Förderung der Partnerschaft mit der
Dritten Welt"), wir beschäftigen uns
auch damit", sagt Leichtfuß. Erleichtert
wird dies durch umfangreiche Informationsschriften,
die die GEPA - eine von
den beiden großen christlichen Kirchen
getragenen Genossenschaft - für alle
ihre Waren erstellt. Eine praktische Folge
der Diskussionen in der Gruppe: Am
Beispiel Peru wurde die Situation eines
Landes der "Dritten Welt" in der Kirchengemeinde
problematisiert.
</p>
<p>
Aber auch bei den einzelnen Mitgliedern
des Arbeitskreises blieb die Beschäftigung
mit der "Dritten Welt" nicht
ohne Folgen. Kritik äußert Leichtweiß
heute auch an den eigenen Organisationen.
",Brot für die Welt' zeigt auch nur
die Not, wo es doch darauf ankäme, die
Ursachen des Elends offenzulegen. Die
haben wir historisch verursacht. Und
heute tragen wir durch unser Verhalten
dazu bei, sie fortzuschreiben."
</p>
<p>
Emotional näher als Lateinamerika
steht den Mitgliedern des Arbeitskreises
Amritsa in Nordindien. Die Stadt
mit dem goldenen Tempel der Sihks ist
die Partnerdiözese der Propstei Oberhessen.
Was in der evangelischen Kirchengemeinde
Bad Nauheim durch den
Verkauf von GEPA-Waren hereinkommt,
geht zumeist dorthin. In Amritsa
wird mit dem Geld eine Schule für
Kastenlose unterstützt.
</p>
<p>
Und wie ist es um den Kontakt zwischen
den Menschen bestellt? Ein
"Gemeinde-Tourismus" war nie geplant,
sagt Pfarrer Becke. Im Laufe der Jahre
seien aber auf kirchlicher Ebene einige
Kontakte zwischen den beiden Regionen
geknüpft worden. Zum Nutzen von
beiden Seiten: "Es ist für alle Beteiligten
lehrreich, wenn so unterschiedliche
Kulturen zusammenprallen", sagt Bekke.
"Wer sieht, daß Altersheime für unsere
indischen Gäste ähnlich exotisch
sind, wie für uns die heiligen Kühe, der
beginnt nachzudenken."
</p>
<p>
In diesem Jahr fuhr nun erstmals ein
Mitglied des Bad Nauheimer "Weltmarktes"
mit nach Indien. Die Wahl fiel
auf Ursula Leichweiß. Wie Ihre Mitreisenden
- Vertreter verschiedener Berufe
aus anderen Gemeinden - kam
ihr die Aufgabe zu, nach der Rückkehr
als Multiplikator zu wirken. Mit dazu
beigetragen hat sicher auch die Möglichkeit,das
Leben in Amritsa ungefiltert
kennenzulernen. An Pfingsten wurden
die Eindrücke nun von zwei Mitreisenden
in einen Gottesdienst eingebracht.
Die Partnerschaft nach Amritsa
wird so küntig sicher noch einen größeren
Stellenwert im Leben der Gemeinde
gewinnen.
</p>
</div1>
<div1 type=article>
<head rend="pl:2">
"Zimperlich darf man da nicht sein"
FR-Serie "Mädchen im Handwerk": Die Wärme-, Kälte- und Schallschutzisoliererin
Von Corinna Willführ
</head>
<p>
ALTENSTADT. Den Kombi mag Peggy
Schweighöfer nicht, lieber zieht sie Jeans
und Sweatshirt an, bevor sie ihre Werkzeugtasche
nimmt und morgens um Viertel
nach sechs zur Baustelle fährt. Peggy
Schweighöfer ist Wärme-, Kälte- und
Schallschutzisoliererin, noch Gesellin,
mit der festen Absicht, in zwei Jahren ihren
Meisterbrief in der Tasche zu haben
und einmal den Betrieb ihres Vaters zu
übernehmen. Dort hat sie auch gelernt,
mit Trichterstutzen, Nietzange und
Blechschere umzugehen.
</p>
<p>
Ins Büro zu gehen oder sich hinter die
Ladentheke zu stellen, konnte sich die
20jährige nie vorstellen. Daß sie hingegen
Rohrleitungen mit Styroporschalen
isoliert und auf Drahtgeflechte mit gesteppten
Mineralfasern aufbindet, können
sich viele Menschen bei der zierlichen
jungen Frau nicht vorstellen. Bedenken,
die Peggy Schweighöfer mit
einem Lächeln aus dem Weg räumt: "Ich
habe damit keine Schwierigkeiten. Klar
reagieren manche Kollegen auf der Baustelle
komisch, weil sie das einer Frau
nicht zutrauen, und man muß vieles besser
können, um für voll genommen zu
werden. Aber das gibt sich."
</p>
<p>
Skeptisch reagierten schon Peggy
Schweighöfers Mitschüler im Ausbildungszentrum
in Nidda, wenn sie fürs
Mauern, Fliesenlegen, für Holz- und Tiefbau
bessere Noten bekam. Dann war es
nicht ihre Leistung, die honoriert wurde,
sondern "daß ich ein Mädchen war".
</p>
<p>
Trotzdem hat sich die Lindheimerin
durchgesetzt, ist nach der Realschule und
der Zeit im Ausbildungszentrum ein Jahr
lang nach Darmstadt und Fechenheim
gefahren, um sich praktisch und theoretisch
ausbilden zu lassen. Im Juni vergangenen
Jahres legte sie ihre Gesellenprüfung
ab, wurde als einzige Frau Landessiegerin
ihrer Berufssparte, Kammerbezirkssiegerin
und erste bei der Büdinger
Innung der Wärme-, Kälte- und
Schallschutzisolierer. Zimperlich, sagt sie,
dürfe man und frau in ihrem Beruf nicht
sein und Dreck nicht scheuen.
</p>
<p>
Die von Glaswolle zerkratzten Finger
und Schwielen an den Händen nimmt sie
für die Abwechslung, die ihr ihr Beruf
bietet, in Kauf. Bei Wind und Wetter
draußen sein, im Sommer Heizkessel
oder im Winter an Rohrleitungen abzudichten,
für sie normaler Arbeitsalltag.
Wenn sie über einhundert Kilogramm
schwere Blechrollen zur Schlagwelle
transportieren muß, dann bittet sie einen
Kollegen um Hilfe. Das sei problemlos,
schließlich sei Kraft nicht alles. Technisches
Verständnis, räumliches Vorstellungsvermögen
und handwerkliche Fähigkeiten
seien wichtig.
</p>
<p>
Ausschlaggebend für ihren "Traumberuf"
war jedoch wohl wesentlich, daß ihr
Vater den Wunsch seiner Tochter förderte,
denn einen Sohn, der einmal das Geschäft
hätte übernehmen können, gibt es
nicht. "Die Mädchen, die in einen Männerberuf
gehen, kommen meistens dazu,
weil es keine männlichen Nachfolger zur
Übernahme der Betriebe gibt", bestätigt
Heinz Kessler, Geschäftsführer der
Kreishandwerker im Wetteraukreis.
</p>
<p>
"Ich würde mich freuen, wenn ich mehr
Mädchen auf den Baustellen treffen würde",
sagt die 20jährige. Doch sie bleibt die
Ausnahme in ihrem Beruf, wie die KfzMechanikerin,
die Heizungsbauerin oder
die Werkzeugmacherin, eben jene
Frauen, die die Chance haben, das Handwerk
im Familienbetrieb kennenzulernen.
</p>
<p rend="pl:2">
Für die Mitarbeiterinnen der Frauengleichstellungsstelle
in Friedberg nicht
verwunderlich. Denn nur selten werden
Mädchen in Familie oder Schule angespornt,
"Männerberufe" zu ergreifen.
Frauenbeauftragte Birgit Simon: "Mädchen
wird ein wesentlich geringeres
Spektrum an Berufsmöglichkeiten angeboten,
und warum sollen sie etwas wollen,
wenn alle sagen, du kannst das
nicht." Einen weiteren Verhinderungsgrund
für einen größeren Anteil an Mädchen
und Frauen an den "männlichen"
Handwerksberufen sehen Birgit Simon
und ihre beiden Mitarbeiterinnen Margot
Bernd und Susanne Hild darin, daß die
jungen Frauen nicht wissen, ob sie sich
die Situation "allein unter Männern" zumuten
sollen.
</p>
<p>
Birgit Simon plädiert deshalb dafür,
"Mädchen nicht blindlings in technische
Berufe zu schicken, solange sie nicht eine
Arbeitsstelle vorfinden, die ihren Bedürfnissen
entspricht."
</p>
<p>
Um hierfür mehr Bewußtsein unter
Lehrern, Meistern und Innungsvertretern
zu schaffen, hat Margot Bernd im vergangenen
Jahr eine Arbeitsgruppe initiiert,
in der Vertreter des staatlichen
Schulamtes, der Industrie- und Handelskammer,
des Hessischen Instituts für
Lehrerfortbildung und die Frauen aus
der Gleichstellungsstelle an einem Tisch
sitzen.
</p>
</div1>
<div1>
<p rend="pl:2">
1
</p>
<p rend="pl:6">
Der
Haustyrann
</p>
</div1>
<div1 type=article>
<head rend="pl:3">
Von Peter Maiwald
</head>
<p>
Die Tür gefällt ihm nicht. Sie ist ihm
zu offen. Die Treppen gehen ihm zu weit.
Den Zimmern räumt er nichts ein. Die
Fenster sind ihm zu durchsichtig. Die
Gardinen nennt er zärtlich: Meine Heimlichtuer.
Die Bilder nimmt er von den
Wänden und ersetzt sie durch Ohren.
Dem Durchgang läßt er nichts mehr
durchgehen. Dem Keller wirft er die Unordnung
seiner Leichen vor. Dem Parkett
nur seine Ausrutscher. Ansonsten trampelt
er auf allen Fußböden herum, bis sie
sich ergeben. Eine Hausantenne kommt
nur in Frage, wenn sie den Gemeinschaftsempfang
gewährleistet. Hausieren
und individualisieren sind verboten! Bettler
werden an die Leine gelegt und müssen
draußen bleiben.
</p>
<p>
Die Müllabfuhr kommt freitags, die
Menschenabfuhr dienstags. Geboren wird
bei Zimmerlautstärke, gestorben auch.
Dazwischen ist die Kehrwoche. Nie
kommt er auf seine Kosten, auch wenn er
seine Mieter noch so sehr ans Leben vermietet,
immer bringen sie zu wenig. Undank
ist der Welt Lohn. Nur den Speicher
liebt er, die Zukunft der Antiquitätenhändler.
Wenn ihm alles zu bunt wird,
steigt er den Mietern aufs Dach und befestigt
einen von ihnen als Wetterfahne.
Das zeigt dann denn anderen, wo's langgeht.FR-Serie
über "Mädchen im Handwerk" (Zweiter Teil) / Die Friseurin: "Schön machen" wird immer mehr zur reinen Frauensache
Eigener
Salon bleibt
ein Traum
Lehrlinge werden gesucht
</p>
<p rend="pl:2">
FRIEDBERG. "Die Puderpackung gut
feucht abnehmen." Kaum ist die Anleitung
erfolgt, greifen Mädchenhände fast
synchron zu Wattetupfern, streichen die
weiße Masse von den Wangen ihrer Mitschülerinnen.
Knapp zwanzig Mädchen
sind an diesem Dienstag morgen in der
Philipp-Reis-Schule dabei, sich auf ihre
Gesellenprüfung als Friseurin vorzubereiten.
Und zu dieser gehören eben nicht
nur die Dauerwelle für die Dame, Schnitt
und Frisur für den Herren, sondern auch
die kosmetische Behandlung mit Make-
up. Sich und andere "schön machen" -
eine reine Frauensache?
</p>
<p>
Das zumindest legt ein Blick in die
Lehrlingsstatistik im Wetterauer Friseurhandwerk
nahe: Von 179 Auszubildenden
am 31. Dezember 1990 waren 168 weiblich
und nur elf männlich. Die Friedbergerin
Gustl Mangels, Ende der 50er Jahre einzige
Obermeisterin einer Friseurinnung
in der Bundesrepublik, weiß, daß das
nicht immer so war: "Ende der 30er Jahre
waren noch etwa die Hälfte der Friseurlehrlinge
männlich." Die hohe Arbeitslosigkeit
und fehlende Alternativen ließen
auch Jungen zu Kamm und Schere greifen.
Mit dem Auto und dem aufstrebenden
Kfz-Handwerk zogen nach dem
Zweiten Weltkrieg jedoch immer mehr
junge Männer die Ausbildung zum Mechaniker
vor, wurde und wird der Beruf
doch eher mit dem Begriff "männlich" assoziiert.
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Die jungen Frauen in der dritten Jahrgangsstufe
an der Berufsschule haben
keine Probleme damit, einen "typisch
weiblichen Beruf" zu wählen. Angela
Grotz, die in einem Bad Vilbeler Salon arbeitet:
"Ich habe nicht viel mit Technik
am Hut und möchte mich noch stärker
mit Kosmetik beschäftigen." Für die
20jährige Nicole Maier aus Bad Nauheim
ist Friseurin ihr Traumberuf, der ihr
auch die Möglichkeit gibt, sich später als
Visagistin ausbilden zu lassen. Doch bevor
die Mädchen den modischen Mob
schneiden dürfen, müssen sie im ersten
Lehrjahr vornehmlich Haare waschen,
Becken säubern und Dauerwellen wikkeln,
für einen durchschnittlichen Monatslohn
von 506 Mark, etwa 600 Mark
weniger als ein Maurerlehrling bekommt,
und 504 Mark mehr als Gustl Mangels
1936 im ersten Lehrjahr erhielt.
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Geändert hat sich im Friseurhandwerk
aber nicht nur das Einkommen. Mußte
die heute 71jährige zu ihrer Meisterprüfung
1946 noch Stocklocken mit dem
Onduliereisen für die historische Haarpracht
der Marie Antoinette drehen und
eine komplette Perücke anfertigen, wird
heute mehr mit Fön und Chemikalien gearbeitet.
Der Umgang mit Blondier- und
Färbemitteln ist nicht ungefährlich, vielerlei
Sprays belasten die Atemwege.
Oberstudienrätin und Fachlehrerin Rosemarie
Trippstein: "Die Zahl der Auszubildenden,
die im ersten Lehrjahr wegen Allergien
ihre Ausbildung abbrechen,
nimmt stetig zu." Chemie und wie mit ihr
umzugehen ist, gehört deshalb auch zum
theoretischen Unterricht.
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Bis zum Hauptschulabschluß sollten
die Auszubildenden schon vorher die
Schulbank gedrückt haben, mittlere Reife
ist erwünscht. Dafür sind die Friseurlehrlinge
auch gesucht. 28 Lehrstellenangebote
im Bezirk Büdingen, 47 weitere im Bezirk
Friedberg gegenüber 12 Bewerbern
meldet das Arbeitsamt Gießen im Februar.
Sewdi Utar, 17jährige Türkin aus
Bad Nauheim, kann das wie ihre Mitschülerinnen
bestätigen: "Es hat gleich
auf Anhieb geklappt."
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Bis zur Meisterprüfung bildet sich nur
etwa rund ein Fünftel der Mädchen weiter.
Ein eigener Salon ist für viele das
große Ziel, für die meisten bleibt er ein
Traum. CORINNA WILLFÜHR
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Vorurteile gegen Mädchen gibt es noch immer
Auch den Handwerksmeistern in der Wetterau fällt das Umdenken bei Lehrlingen schwer
Von Corinna Willführ
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GIESSEN. Wenn ich einen Jungen
kriege, warum sollte ich ein Mädchen
einstellen? So provokativ die Frage
klingt, auch in den Köpfen Wetterauer
Handwerksmeister halten sich Vorurteile
über das "schwache und das starke
Geschlecht". Allerdings sind sie im
Wanken, besonders dann, wenn dem
Angebot an Stellen zuwenig Bewerber
gegenüberstehen: Dann darf es auch
ein Mädchen sein, dann wirft so mancher
Lehrherr seine Bedenken gegenüber
der geringeren Leistungsfähigkeit
oder Belastbarkeit weiblicher
Auszubildender über Bord.
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Allerdings beobachtet Gunther Seeger,
Berufsberater beim Arbeitsamt in
Gießen, auch einen gegenläufigen
Trend. "Gibt es genug Lehrstellen in
den von den Mädchen angestrebten
Berufen, suchen sie wenig nach Alternativen."
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Spitzenposition eins unter den Berufswünschen
bei Mädchen nahm im
vergangenen Jahr die Ausbildung im
Waren- und Dienstleistungsgewerbe,
allen voran die Verkäuferin, gefolgt
von den Büroberufen und der Ausbildung
zur Arzthelferin, ein.
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Traumberufe sind das für die meisten
jedoch nicht. Gunther Seeger:
"Die Mädchen sind realistisch. Wenn
der Schulabschluß nicht so gut ist,
rechnen sie sich zum Beispiel als Verkäuferin
bessere Chancen aus als in
den Büroberufen."
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Differenziert nach Geschlechtern
suchen in der Regel mehr Mädchen
die Berufsberatung auf: Im Januar
waren es in Büdingen 200 von 386 und
in Friedberg 206 von 427. Allerdings,
Das Elternhaus stellt
meist schon die Weichen
so Berufsberater Seeger, steht gerade
den jungen Frauen mit Hauptschulabschluß
ein geringes Spektrum an Ausbildungsmöglichkeiten
offen.
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Viele Mädchen entscheiden sich
deshalb, an neun Jahre Hauptschule
noch zwei Jahre Berufsfachschule zu
hängen oder die mittlere Reife zu machen.
Von 245 Lehrstellenbewerbern
mit mittlerem Bildungsabschluß waren
im Bezirk Büdingen 142 Mädchen.
Auch im Bezirk Friedberg stellten sie
mit 150 gegenüber 115 die größere
Gruppe.
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Ihr Interesse für einen handwerklichen
"Männerberuf" zu wecken, sieht
Gunther Seeger nicht als Aufgabe des
Arbeitsamtes an. "Wir beraten nach
den individuellen Fähigkeiten." Dabei
räumt er ein, daß es nach wie vor "ein
Risiko" ist, in eine Männerdomäne
einzudringen und zum Beispiel Kfz-
Mechanikerin zu werden. Seeger:
"Das setzt viel Energie und Standfestigkeit
bei den Mädchen voraus,
denn noch immer haben sie es als Gesellinnen
schwerer."
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Durch Öffentlichkeitsarbeit bei den
Innungen versuchen die Berufsberater,
den Vorbehalten bei Meistern gegenüber
weiblichen Lehrlingen zu begegnen.
Auch in den Schulen sind sie
aktiv, um das Interesse von Mädchen
an gewerblich-technischen Ausbildungen
zu fördern. Für Gunther Seeger
liegt das Problem tiefer: "Solange Eltern
ihre Mädchen nur mit Puppen
spielen lassen und Jungen mit Baggern
und die Erziehung geschlechtsspezifisch
ausgerichtet ist, wird sich
nicht viel ändern."
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BAD VILBEL · KARBEN · ROSBACH · WÖLLSTADT · NIDDATAL · FLORSTADT
IV
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FR-Serie über "Mädchen im Handwerk" (Erster Teil) / Schon um zwei Uhr früh klingelt der Wecker bei den jungen Bäckerinnen
"Ich wollte wissen, wie Brot entsteht"
Alle entschieden sich bewußt für diesen Beruf / Keine Arbeit zum Reichwerden
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BÜDINGEN. Eine Sechs-Tage-Woche,
morgens um zwei Uhr aufstehen, im
Sommer mitunter bei 65 Grad Hitze arbeiten:
Für Kerstin Strack, Sandy Schimkus,
Petra Thom und Alexandra Padberg
keine Hindernisse, den Beruf zu ergreifen,
in dem sie im Juni in der Büdinger
Berufsschule die Gesellenprüfung ablegten:
das Bäckerhandwerk. Die vier jungen
Frauen im Alter zwischen 18 und 20,
die dann, wenn andere noch fest schlafen,
Weizenteig zu Kaiserbrötchen formen,
Roggenmehl für "unser täglich Brot" abwiegen
oder die Eier für die Biskuitrolle
aufschlagen, vertreten ihre Entscheidung,
in eine Männerdomäne einzudringen,
selbstbewußt.
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"Wir essen jeden Tag Brot und Brötchen,
ohne viel darüber nachzudenken,
wie wichtig diese Nahrungsmittel sind,
und ich wollte einfach wissen, wie sie
entstehen", erzählt Alexandra Padberg
aus Hainchen. Sie hat es probiert und ist
dabei geblieben. Sandy Schimkus, gebürtige
Leipzigerin und jetzt wohnhaft in
Büdingen, hat sich sogar über den Willen
des Vaters hinweggesetzt. In ihrem Heimatort
Wurzen bei Leipzig betreibt er
eine große Bäckerei, riet seiner Tochter
aber ab: "Das ist kein Beruf, der Geld
bringt." Sandy Schimkus trat dennoch ihre
Lehre in einer Bäckerei in Glauberg
an, immer das Ziel vor Augen, Meisterin
ihres Fachs zu werden und den väterlichen
Betrieb einmal zu übernehmen.
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Petra Thom hat zunächst einmal zwei
Praktika in einer Kefenröder Bäckerei
gemacht, bevor die Entscheidung fiel. Die
Lehrstelle dann zu bekommen, war kein
Problem: Auszubildende im Bäckerhandwerk
sind gesucht. Der Lehrlingsmangel
aber ist letztlich ein entscheidender
Grund, daß die Meister in den Backstuben
froh sind, daß sich Mädchen für die
harte Arbeit am Stillkenofen oder der
Rührmaschine interessieren.
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Seit 1983, so ermittelten die Fachlehrer
Rolf Graulich und Hartmut Kneip von
der Büdinger Berufsschule, steigt die
Zahl der weiblichen Auszubildenden.
Gleichzeitig nimmt die Gesamtzahl der
Lehrlinge im Bäckerhandwerk ab: von 29
im Jahr 1986 auf zwölf im Schuljahr
1991/92. Von den derzeit in der Bäckerinnung
des Wetteraukreises vertretenen 43
Bäckermeister würden rund 20 sofort
einen Lehrling einstellen.
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Bis 1981 war kein Mädchen unter den
16 Berufsschülern der Branche, zuviel
Vorbehalte hatten die Meister, daß ihre
Auszubildenden nach der Lehre Heirat
und Schwangerschaft als Zukunftsperspektive
wählen könnten. Ein "Argument",
das in vielen anderen "Männerberufen"
die Tür für Mädchen verschloß
und noch verschließt, galt in Backstuben
mit angeschlossenem Verkaufsraum
nicht: die fehlende Damentoilette. Denn
die Auszubildenden für den Verkauf sind
im Wetteraukreis bislang ausschließlich
weiblich gewesen.
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Seit 1988 stellen die Mädchen durchschnittlich
40 Prozent der Auszubildenden,
im Schuljahr 1991/92 mit sieben
von zwölf sogar die Mehrheit: 58,3 Prozent
und damit fast 40 Prozent über dem
Bundesdurchschnitt. In der Philipp-
Reis-Schule in Friedberg waren Ende
1990 immerhin fast 30 Prozent der Bäkkerlehrlinge
Mädchen. Gründe hierfür sehen
die Oberstudienräte darin, daß Jungen
immer weniger in "sozial niedrigen
Ausbildungsberufen" arbeiten wollen und
Mädchen nach Berufen suchten, die in
der Nähe des Wohnortes auszuüben sind.
Andererseits hätten die Meister die Erfahrung
gemacht, daß Mädchen dieser
Altersstufe in ihrem Verhalten "reifer
und geschickter" seien, oft bessere Schulabschlüsse
hätten und seltener aus den
Verträgen ausscheiden würden.
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Nach der Gesellenprüfung allerdings
übten nurmehr etwa 50 Prozent der jungen
Frauen das Handwerk aus. Graulich:
"Viele gehen in die Industrie, denn dort
steht der gelernte Bäcker im Ruf, pünktlich
zu sein und schwer arbeiten zu können."
In der Bevölkerung hingegen habe
die Anerkennung des Handwerks deutlich
abgenommen. An königlichem Hofe
einst als Künstler geschätzt und geachtet,
gelte der Bäcker heute nur noch wenig.
"Was selbstverständlich ist, bekommt keine
Anerkennung." Eine Erfahrung, mit
der auch Kerstin, Sandy, Petra und Alexandra
machen. Zwar hätten Freunde und
Bekannte ihre Entscheidung akzeptiert,
doch mit Blick auf das zu erwartende
Einkommen mitunter den Kopf geschüttelt.
675 Mark haben sie im dritten Lehrjahr
bekommen, mit 14 bis 15 Mark brutto
können sie als Gesellinnen rechnen.
Sandy: "Die Handwerksberufe sind total
unterbezahlt." Konkurrenz mit Männern
am Arbeitsplatz? Die vier Mädchen
schütteln einig den Kopf. Man und frau
arrangiert sich, und wenn "mir der Sack
mit den 25 Kilo Backmittel zu schwer ist,
dann bitte ich einen Kollegen um Hilfe",
sagt Alexandra ohne zu klagen. Allerdings
räumen die Mädchen ein, daß die
vorgeschriebene Arbeitszeit von den Meistern
nicht immer eingehalten würde.
Und nicht ganz so positiv nimmt sich ein
Argument aus, daß den Bäckerberuf für
Mütter attraktiv machen soll: "So haben
die Frauen ja Zeit, den Nachmittag mit
den Kindern zu verbringen." Die Doppelbelastung
bleibt außen vor.
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Streng sind die hygienischen Auflagen,
die es zu beachten gilt: Mit Ring und
Armreif die Laugenbrezeln formen ist
ebenso verboten wie mit offenem Haar
an der Teigschüssel zu stehen. Sie gehören
unter ein Schiffchen, das ebenso wie
die Schürze zur vorgeschriebenen Arbeitskleidung
in der Backstube gilt. Vorschriften
allerdings, die für Männer wie
Frauen gelten. CORINNA WILLFÜHR
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